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Keine Hilfe für Traumatisierte

Buchautorin Sabine Bode beschäftigt sich mit den Folgen von Kriegstraumata. Im MZ-Interview beleuchtet die Spuren, die der Erste Weltkrieg hinterließ.
Von Maria Gruber, MZ

Sabine Bode ist Buchautorin und Journalistin. Foto: Marijan Murat

Regensburg.In Ihren Büchern über die „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“ beleuchten Sie die Folgen nicht verarbeiteter Traumata aus Krieg, Flucht und Vertreibung. Welche Spuren hat der Erste Weltkrieg in der Gesellschaft hinterlassen?

Es gab stark belastete Familien, Kinder, die ohne Väter aufwuchsen, es herrschte Hunger sowie Angst vor dem Gaskrieg. Soldaten kehrten massenhaft traumatisiert aus dem Krieg zurück und waren nicht mehr wiederzuerkennen. Sie konnten ihren Kindern keine Orientierung mehr geben und tyrannisierten häufig ihre Familien. Gewalt spielte in der Erziehung dann eine noch größere Rolle als zuvor. Die Folgen waren beschädigte familiäre Beziehungen und die Verbreitung von Ängsten, die von Generation zu Generation durchgereicht werden. Das war ein riesiges soziales Problem.

Wurde traumatisierten Soldaten geholfen?

Nein. Es wurde zwar der „Kriegszitterer“ als psychiatrischer Fachbegriff eingeführt, doch sie wurden als Simulanten betrachtet und mit Elektroschocks behandelt. Damals dachte man, dass bei den Betroffenen schon vor dem Krieg eine Labilität vorhanden gewesen sein musste. Und diese Sicht hat sich bis in die 1960er Jahre gehalten. Entschädigungsforderungen wurden abgeschmettert, da die Anerkennung eines durch den Krieg verursachten Traumas die öffentlichen Versorgungskassen massiv belastet hätte.

Wann hat sich der Umgang mit Kriegstraumata geändert?

Der Wandel kam mit dem Vietnam-Krieg. Der Großteil der Soldaten kam damals völlig negativ verändert zurück, so dass Veteranen-Verbände von der US-Regierung forderten, die Soldaten bei der Verarbeitung ihrer Traumata zu unterstützen. Eine Forderung, der sich Angehörige der Kriegsveteranen anschlossen, so dass es zum Durchbruch kommen konnte.

Wie ist die Situation in Deutschland?

Hierzulande ist die Erkenntnis, dass Soldaten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung Hilfe brauchen, mit 15 Jahren Verspätung angekommen. In die Mitte der Bevölkerung gelangte sie erst durch den Afghanistan-Krieg. Und trotzdem gibt es auch heute noch Soldaten – was sich ja in allen männlich geprägten Berufsgruppen zeigt –, die sich schwertun, Hilfe anzunehmen.

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