Filmfestspiele
Cannes beginnt mit Stars und Skandalen

Meryl Streep bekommt die Ehrenpalme – Über dem Festival hängt der Schatten von #MeToo

15.05.2024 | Stand 15.05.2024, 5:00 Uhr
Sascha Rettig

Belagert von Fotografen: Meryl Streep kommt zur Vorstellung der Goldenen Ehrenpalme beim 77. Filmfestival von Cannes. Foto: Doug Peters, dpa

Zur Eröffnung bekommt US-Schauspielerin Meryl Streep die Ehrenpalme für ihr Lebenswerk. Ansonsten hängt über dem Festival der Schatten von #MeToo.

Manchmal knallen Kino und aktuelle Ereignisse auf völlig unerwartete Weise aufeinander. Quentin Dupieuxs Film „Le deuxième acte“, der gestern bei einer Gala außer Konkurrenz die 77. Internationalen Filmfestspiele in Cannes eröffnete, war solch ein rarer Kinofall. Da landet man irgendwann mitten in dem Thema, das das Festival bereits im Vorfeld überschattete: bei #MeToo, sexuellen Übergriffen in der Filmbranche und den anstehenden möglichen Enthüllungen des investigativen französischen Magazins „Mediapart“, die in den nächsten Tagen für Erschütterungen sorgen könnten.

In einer Szene von „Le deuxième acte“ wird der Schauspieler Willy (Raphaël Quenard) bei seiner Kollegin Florence (Léa Seydoux) zudringlich und will sie küssen. Daraufhin faucht sie ihn an, ein Anruf von ihr genüge und seine Karriere sei vorbei. Besonders heikel dabei: Quenard taucht auf einer kursierenden Liste mit Namen französischer Filmschaffender auf, die angeblich im Zusammenhang mit den möglichen Enthüllungen stehen sollen. Ob das stimmt, was wirklich dahintersteckt, welche Konsequenzen das haben wird? Das alles ist derzeit unklar.

Lesen Sie mehr: Kunst zum Abheben: Der Ballon am Bayern-Museum startet zur Jungfernfahrt

Einen unguten Beigeschmack hinterließ dieser unerwartete Aspekt in einem Film, in dem sich auch sonst immer wieder neue Ebenen eröffnen, die den Blick auf vorherige Ereignisse auf den Kopf stellen. Der Regisseur, der sich als Musiker einst die berühmte Handpuppe Mr. Oizo ausgedacht hatte und seitdem bei oft absurden, schwarzen Komödien wie zuletzt bei „Yannick“ Regie führte, hat schließlich einen Film-im-Film-im-Film inszeniert.

Im Zentrum steht ein Schauspiel-Quartett, das in einem Landrestaurant Szenen für eine Kinoproduktion drehen soll. In den knapp 80 Minuten streut er viele Stichworte zu aktuellen Diskussionen ein und setzt vor allem auf Gags, die aus der Meta-Konstruktion des Films entstehen: Mal geht es um Befindlichkeiten von Stars, mal um Cancel-Culture oder künstliche Intelligenz bei der Regiearbeit. All das ist in der Anlage zwar reizvoll – und doch wirkt die Komödie letztlich nicht nur recht geschwätzig, sondern auch nicht wirklich fokussiert.

Wegen der drohenden #MeToo-Schockwellen soll das Festival von Cannes im Vorfeld bereits eine Agentur für die Krisenkommunikation engagiert haben. Thierry Frémaux, Cannes’ künstlerischer Leiter, äußerte sich dazu vorab allerdings nicht direkt, sondern bemerkte nur: Er wolle Polemiken vermeiden, die Filme sollten für sich sprechen.

Lesen Sie mehr: In der ehemaligen Nibelungen-Kaserne: Besser kann man Geschichte nicht fälschen

Jury-Präsidentin Greta Gerwig („Barbie“) betonte wiederum gestern auf der Jury-Pressekonferenz, man müsse die Kommunikation bei der Frage am Laufen halten. „Ich habe substanzielle Veränderungen in der US-Filmindustrie gesehen und es ist wichtig, diese Diskussion auszuweiten“, erklärte sie. „Wir bewegen uns in die richtige Richtung.“

#MeToo war längst nicht das einzige Thema, das die Filmfestspiele in den Krisenmodus versetzte. Denn: Aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen saisonaler Arbeitskräfte im französischen Film- und Kulturbestrieb droht während des Festivals ein Streik. Gestern ging die mediterrane Glamourfeier jedenfalls noch wie geplant über die Bühne. Der größte Star des Abends spielte nicht in „Le deuxième act“ mit: Die Fotografen rissen sich um Fotos von Meryl Streep auf dem roten Teppich, die zwar ohne neuen Film angereist war – dafür wurde sie mit einer Ehren-Palme für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, die sie nun zu ihren drei Oscars ins Regal stellen kann. Hoffnung auf eine reguläre Goldene Palme können sich zudem im Wettbewerb 22 Beiträge machen. Wie üblich in Cannes sind auch diesmal wieder zahlreiche etablierte Regie-Größen darunter: von Jacques Audiard mit dem Musical „Emilia Pérez“ über Francis Ford Coppola mit seinem Comeback im XXL-Format „Megalopolis“ bis zu David Cronenbergs „The Shrouds“.

„The Apprentice“ hingegen, mit großer Spannung erwartet, wird sich am Leben des jungen Donald Trump abarbeiten. Und mit „The Seed of the Sacred Fig“ ist zudem in Konkurrenz eine Regiearbeit des Iraners Mohammad Rasoulof unterwegs, der erst vor wenigen Tagen wegen einer drohenden Haft aus dem Iran geflohen ist. Cannes zum Beben bringen dürfte zudem George Millers Film „Furiosa“, der nach der energiestrotzenden Action-Choreographie von „Fury Roads“ (2017) mit seiner Fortsetzung der Reihe „Mad Max“ außer Konkurrenz auf das Festival zurückkehrt. Viel Wirbel also und viel Beben in Cannes – auf der Leinwand und davor.