Klassik
Eine dichte Feier der Todesstunde

In ihrem Jubiläumsjahr erklang Bachs Johannespassion in der Regensburger Dreieinigkeitskirche

01.04.2024 | Stand 01.04.2024, 14:37 Uhr
Andreas Meixner

Die Regensburger Kantorei begeisterte unter der Leitung von Roman Emilius altrofoto.de

In ihrem Jubiläumsjahr erklang Bachs Johannespassion in der Regensburger Dreieinigkeitskirche. Die Kantorei erwies sich als routinierter, aber auch leidenschaftlicher Klangkörper.

Im 300. Jahr ihres Bestehens (erstmals erklungen am 7. April 1724 in der Leipziger Nikolaikirche) fehlt die Johannespassion von Johann Sebastian Bach in kaum einem Konzertkalender der diesjährigen Fastenzeit. Und noch immer lässt das Werk die Zuhörer nicht unberührt, legt im hochdramatischen korrespondierenden Wechsel von Erzählung, Betrachtung und Reflexion die Hand an die Wurzeln der existenziellen christlichen Glaubensfragen.

Die Regensburger Kantorei verhandelte unter der Leitung von Roman Emilius das Leiden Jesu just am Karfreitag Nachmittag in ihrer Dreieinigkeitskirche mit Hilfe des Orchesters La Banda. Und Emilius hatte eine klare Vorstellung seines Narrativs, steuerte auf Basis zurückhaltender Tempi immer wieder auf dramatische Höhepunkte zu, schattierte gekonnt die kommentierenden Choräle gegenüber den exaltierten Turba-Chören ab und sorgte stets umsichtig für gelungene Anschlüsse zwischen Rezitativen, Arien und Tuttichor. Dass er dabei selbst überraschenderweise als Gesangssolist die kleinen Partien der Knechte übernahm, zeugt zudem von einer offensichtlichen Nervenstärke des erfahrenen Dirigenten.

Auch seine Kantorei erwies sich als routinierter, aber nicht minder leidenschaftlicher Klangkörper, der sich nach anfänglicher Hüftsteifigkeit im Anfangschor immer wieder zu steigern wusste, ausdrucksstark in den Chorälen, keifend und spottend als Mob in der Verhandlung und später unterm Kreuz.

Das Orchester kam hingegen in der Gesamtbetrachtung nicht über eine unaufgeregte Routineleistung hinaus, auch aus dem Basso continuo entwickelten sich selten zwingende Impulse und notwendige Affekte. Dem gegenüber standen allerdings berückend schöne Solimomente der Konzertmeisterin Dorothee Mühleisen, Eva Röll an der zweiten Violine, den Flötisten Lisa Keaton-Sommer und Andreas Sommer, sowie Jakob Rattinger an der Viola da Gamba.

Mario Friedrich Eckmüller setzte als emphatischer Evangelist und hochsouveräner Gestalter seiner Rolle die Grundstimmung im Solistenquintett, reagierte elegant und versiert auf die diffizilen Anschlüsse und glänzte als ausdrucksstarker Ariensänger. Martin Danes war mit profundem ruhigem Bass eine Idealbesetzung für die Christuspartie, Alexander Aigner übernahm mit frischer Herangehensweise und schlanker Stimmführung die tiefen Arien. Mit von Bach nur mit jeweils zwei Arien ausgestatten hohen Stimmen präsentierten sich Marina Szudra und Anna Haase von Brincken mit unterschiedlichen Gestaltungsansätzen: Szudra in gewohnt leichtfüßiger Manier und müheloser Höhenlage, von Brincken dagegen mit hohem dramaturgischen Anspruch, der in beiden Arien manches Mal auch weniger an Unbedingtheit vertragen hätte.

Der Regensburger Kantorei gelang erneut eine ergreifende und dichte Lesart des Menschendramas, das in der Musik von Johann Sebastian Bach immer wieder aufs Neue packt und erschüttert. Wenn der Schlusschoral schon fast euphorisch den Blick auf den Ostermorgen richtet und nahezu trotzig verklingt, wagt man kaum zu klatschen und neigt dazu, die Dreieinigkeitskirche in Stille zu verlassen. Der begeisterte Applaus war dennoch hoch verdient.