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Mehr Gehalt wagen

Aus gedruckt wird digital. Die Spielwiese der Buchbranche erweitert sich gerade. Die Spielregeln bleiben.
Von Christine Strasser, MZ

Die Viererkette bestehend aus Autor, Verlag, Buchhandel und Leser bekommt Löcher. Der technische Fortschritt verändert das Zusammenspiel der vier Akteure in der Buchbranche. Aber es sind nicht die Spielregeln, die sich ändern, sondern nur die Spielwiese. Deshalb sollten alle vier Spieler auf eine bewährte Taktik setzen: Mehr Gehalt wagen.

Richtig ist, dass die Buchbranche herausgefordert wird. Rund 560 Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks durch den Mainzer Johannes Gutenberg, der es überflüssig machte, Texte per Hand abzuschreiben, ist eine ähnliche Umwälzung im Gang. Das elektronische Buch ist seit gut einem Jahr endgültig in Deutschland angekommen. Jetzt wird es zum marktbestimmenden Faktor. Wichtig dabei: Es ging und geht um Bücher – handgeschrieben, gedruckt oder digitalisiert.

Kaum jemand kommt heute noch in eine Buchhandlung und fragt nach dem neuesten Buch über das Veredeln von Obstbäumen. Das ist längst im Internet gesucht und viel schneller gefunden. Es wird höchstens noch bestellt. Aber auch das geht online mittlerweile viel einfacher. Immer mehr Menschen kaufen ihre Bücher im Internet oder laden sie gleich als elektronische Bücher auf ihr Lesegerät.

Der Buchhändler von nebenan ist der größte Verlierer dieser technischen Entwicklung, zumindest auf den ersten Blick. Vielerorts hat sich die Optik der Buchläden gewandelt. Krimskrams verstellt den Blick auf die Bücher. Die findet man erst hinter Türmen von Plüschtieren, Postkarten, Kalendern und Notizbüchern. Diese Geschäftsstrategie muss nicht falsch sein. Nur werden diese Läden in naher Zukunft keine Buchläden mehr sein, sondern Läden mit Krimskrams, in denen man auch Bücher kaufen kann. Ein anderer Weg für die Buchläden besteht darin, zu einem Ort für Ideen zu werden. Beratung ist wichtig. Aber auch der Amazon-Algorithmus empfiehlt treffgenau Bücher. Was der Buchhändler aber könnte, ist, über Inhalte zu diskutieren oder einen Raum schaffen, in dem Leser, die sich ein Buch auf ihre Lesegeräte geladen haben, über den Inhalt austauschen können. Langfristig funktioniert das aber nur mit gehaltvollen Büchern.

Der technische Umbruch bedroht auch die Hoheitsgebiete der Verlage. Self-Publishing-Seiten machen einen Verleger scheinbar überflüssig. Autoren können ihre Bücher weitgehend autonom produzieren. Die Käufer bestimmen, welche Bücher erscheinen. Die Schwarmintelligenz der Internetgemeinde entscheidet. Ein weiterer Vorteil für die Leser: Elektronische Bücher sind billiger als gedruckte.

Die Reaktion vieler Verlage: Sie setzen auf Form und Inhalte. Bücher sind Liebhaberstücke. Für das ästhetische Plus wird es immer einen Markt geben – einen kleinen. Deshalb ist der Fokus der Verlage auf Inhalte so interessant.

Buchmessen sollten längst Inhaltsmessen heißen. Wenn es um Gewinnkalkulation geht, rückt das Buch in die Rolle eines Ergänzungsspielers. Inhalte sind für Verlage umso lukrativer, je leichter sie sich in Filme oder Computerspiele umsetzen lassen. Aber: Bloßen Inhalt können viele herstellen, gehaltvolle Bücher nicht.

Neben Inhalten zählt der Aspekt Qualität. Ein Buch, sollte im schlechtesten Fall ein Textprodukt sein, das von wenigstens einem themenkundigen und der Rechtschreibung mächtigen Menschen gegengelesen worden ist. Zum Glück gibt es diese Produktion noch. Die Expertise der Verlage wird gebraucht: ihre Scouts, die Talente erkennen, und ihre Lektoren, die feinfühlig Texte bearbeiten und sensibel mit Künstlern umgehen.

Kurt Tucholsky würde heute nicht mehr fordern: „Macht unsere Bücher billiger!“, sondern: „Macht unsere Bücher schöner!“– innen und außen.

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