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MZ-Kommentar: Kein Ende der Wende


Von Christian Kucznierz, MZ

Eigentlich könnte der Spuk mit der Atomkraft heute schon vorbei sein. Eigentlich. Denn heute vor 27 Jahren geschah, was nie hätte geschehen dürfen, weil es nicht geschehen sollte – zumindest nicht in der Sichtweise einer unbedarft fortschrittsgläubigen Gesellschaft: der Super-GAU in Tschernobyl. Als der Reaktor in der Ukraine verglühte, hätte mit ihm der Traum von der unbegrenzten und gefahrlosen Energiegewinnung verpuffen müssen. Aber er tat es nicht. Es dauerte 14 Jahre, bis es so weit war und Rot-Grün den Atomausstieg beschloss, der 2010 mit der von Schwarz-Gelb beschlossenen Laufzeitverlängerung schon wieder Makulatur war. Es brauchte ein weiteres Jahr und eine weitere Katastrophe, bis auch die atomenergie-freundliche schwarz-gelbe Bundesregierung eingestehen musste, dass Tschernobyl tatsächlich überall sein kann, wie die Anti-Atomkraftbewegung es jahrzehntelang behauptet hatte. Heute, im zweiten Jahr der Energiewende, schwindet dieses Bewusstsein bereits wieder. Ein fataler Denkfehler.

Erst dieser Tage wurde die Einigung auf einen Neustart der Suche nach einem Endlager für Atommüll besiegelt. Gefunden sein soll die Lagerstätte 2031 – in fast 20 Jahren also. So lange werden wir die strahlenden Hinterlassenschaften in Zwischenlagern liegenlassen, um sie dann unter der Erde zu verbuddeln, in der Hoffnung, dass sie nicht unseren Enkeln und Urenkeln zur Last fallen. Ob dieser Plan aufgeht, ist ungewiss. Schließlich galt Gorleben auch als sicher.

Fast 30 Jahre lang hat die Welt die Gefahr, die von der friedlichen Nutzung der Kernenergie ausging, ignoriert. Der Schock nach der Katastrophe von Tschernobyl war groß, wie groß, das wissen die Menschen hier in der Region meist noch aus eigener Erinnerung. Die Wolke kannte keine Grenzen und vor einem Eisernen Vorhang hatte sie keinen Respekt. Sie fegte Spielplätze leer und ließ Rollos auch tagsüber geschlossen sein. Sie verängstigte Eltern und irritierte Kinder, die nicht mehr zum Spielen mit ihren Freunden in den Garten durften. Die Wolke ging, die Angst blieb, doch sie wurde weder von der Bundesregierung, noch von der bayerischen Staatsregierung geteilt, wie sich am Bauzaun der WAA in Wackersdorf eindeutig und brutal zeigte.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass das am anderen Ende der Welt gelegene Fukushima schaffte, was das nur ein paar Tausend Kilometer entfernte Tschernobyl nicht vermochte: ein schnelles Aus für die Atomkraft. 2011 beschloss dieselbe Bundesregierung, die noch wenige Monate zuvor die Laufzeit der deutschen Kernkraftwerke verlängerte hatte, den erneuten Ausstieg aus der Atomenergie. Es war die vielleicht beste Entscheidung dieser Bundesregierung, weil sie unmittelbar dem Wunsch der meisten Bürger Rechnung trug.

Unter dem Druck des nun notwendigen Ausbaus der regenerativen Energien ist es vor gerade einmal einer Woche erstmals gelungen, mehr als 50 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland mit Solar- und Windstrom zu decken. Zeitweise lieferten die Regenerativen so viel Strom wie 26 Atomkraftwerke. Wäre es ein Sonntag und nicht ein stromintensiver Donnerstag gewesen, so hätte die Menge an Ökostrom gereicht, um ganz Deutschland damit zu versorgen.

Doch diese gute Nachricht wird von Negativmeldungen überschattet. Weil weiterhin Atom- und Kohlekraftwerke im Einsatz sind und diese nicht schnell heruntergefahren werden können, produziert Deutschland zu viel Strom. Das senkt den Preis an den Strombörsen, was perverser Weise dazu führt, dass der Verbraucher mehr für den Strom zahlt, weil die Umlage für den Ökostromausbau steigt, wenn der Strompreis sinkt. Die Akzeptanz für die erneuerbaren Energien leidet unter dieser Entwicklung und die Stimmen, die eine Reduzierung der Umlage fordern, werden immer lauter. Mit der Folge, dass der Ökostromausbau am Ende ins Stocken gerät.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Menschen Gefahren verdrängen, denen sie sich nicht täglich ausgesetzt sehen. Wer aber sieht, wie die Menschen in Tschernobyl und deren Kinder bis heute unter den Folgen des Super-GAUs leiden, wer sieht, wie hilflos ein Hochtechnologie-Land wie Japan einem GAU gegenüberstand, der kann nicht anders als hoffen, dass die Energiewende in Deutschland nicht nur Schule macht. Er muss auch hoffen, dass er nie wieder eine Wende von der Energiewende erleben wird. Auch, wenn das nicht billig wird. Aber alles andere käme uns langfristig noch teurer zu stehen.

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