Tod, Flucht und Zerstörung
Seit zwei Jahren im Krieg: Wie sich das Leben in der Ukraine verändert hat

24.02.2024 | Stand 24.02.2024, 17:49 Uhr

Ukrainische Soldaten feuern auf russische Stellungen an der Frontlinie. Während die vom Krieg getroffene Ukraine auf westliche Hilfe hofft, prägen Flucht, Mobilmachung und Zerstörung den Alltag. − Foto: Efrem Lukatsky/AP/dpa

Zum zweiten Jahrestag des Beginns des russischen Angriffskriegs schaut die Ukraine in eine ungewisse Zukunft. Flucht, Mobilmachung und Zerstörung prägen den Alltag. Das Land hofft auf westliche Hilfe. So hat sich das Leben in der Ukraine seitdem verändert.





Besonders im Osten der Ukraine im Donbass sind die Zerstörungen durch den russischen Angriffskrieg gegen das Land verheerend. Auch im Süden leben die Menschen unter ständigem Beschuss. Weniger stark betroffen sind die Hauptstadt Kiew und das Hinterland im Westen – auch wenn es dort immer wieder Luftalarm und russische Raketen- und Drohnenangriffe gibt. Einige Aspekte zum Leben in Zeiten des Krieges, der vor zwei Jahren am 24. Februar 2022 begonnen hatte:

Flucht und Tod



Millionen Menschen sind vor den russischen Angriffen auf der Flucht – innerhalb des Landes und im Ausland. Mehr als 10.000 Zivilisten, darunter Hunderte Kinder, haben durch den von Kremlchef Wladimir Putin befohlenen Überfall auf das Land nach Angaben der Vereinten Nationen ihr Leben verloren. Etwa doppelt so viele Verletzte gibt es demnach. Zu vielen lang umkämpften und inzwischen russisch besetzten Städten wie Mariupol, Lyssytschansk, Popasna und Sjewjerodonezk haben die UN keinen Zugang. Die wahre Zahl der Toten dürfte daher deutlich höher liegen. Hinzu kommen Zehntausende getötete Soldaten.

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Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) schätzt, dass seit Kriegsbeginn rund 6,5 Millionen Menschen aus der Ukraine ins Ausland geflohen sind. 3,7 Millionen seien durch Kämpfe und Zerstörungen vertrieben worden und hätten im eigenen Land Zuflucht gefunden, heißt es da. Mehr als 14,6 Millionen Menschen oder rund 40 Prozent der Bevölkerung brauchten laut UN humanitäre Hilfe. Knapp 20 Prozent des Landes, darunter die Schwarzmeer-Halbinsel Krim, sind von russischen Truppen besetzt.

Luftalarm



Das Heulen der Sirenen für den Luftalarm gehört zu den ständigen Begleitern des Krieges für die Ukraine – im ganzen Land. Oft mehrmals täglich. Damit wird vor möglichen russischen Luftschlägen mit Raketen, Drohnen oder Bombardierungen durch Flugzeuge gewarnt. Am stärksten sind die frontnahen Regionen im Osten und Süden des Landes und nahe der russischen Grenze betroffen. Seit Kriegsbeginn wurde laut den Statistiken der Seite alerts.in.ua über 33.000-mal im Land Luftalarm ausgelöst. Dabei mehr als 3800-mal im Gebiet Donezk und gut 1000-mal in der Hauptstadt Kiew. In der Hauptstadt dauerten die Alarme dabei bei zwei Jahren Krieg insgesamt fast 50 Tage.



Wegen der Vielzahl der Alarme tendieren viele Ukrainer dazu, diese zu ignorieren. Andere suchen Zuflucht im Inneren ihrer Wohnungen oder in den Schutzbunkern der Städte. Besonders einschneidend sind die ständigen Angriffe und Alarme für Schulkinder. In der ostukrainischen Großstadt Charkiw nahe der russischen Grenze lernen viele Kinder unter der Erde in extra in U-Bahnstationen eingerichteten Klassenzimmern. Immer wieder meldet die Flugabwehr, die auch Deutschland geliefert hat, Erfolge bei der Verteidigung.

Ausgangssperre



Seit Verhängung des Kriegsrechts gibt es in fast allen Regionen des Landes nächtliche Ausgangssperren. Ab 23 Uhr oder Mitternacht Ortszeit darf sich niemand ohne besondere Genehmigung draußen aufhalten, Restaurants schließen dann auch. Gegen 4 Uhr oder 5 Uhr morgens wird die Sperre wieder aufgehoben. In frontnahen Gebieten wie Donezk, Cherson und Teilen des Gebietes Saporischschja gelten noch schärfere Regeln.

Stabile Versorgungslage bei hohen Preisen



Der Kriegsschock wirkte sich auch auf das wirtschaftliche Leben der Ukraine aus. Trotz Maßnahmen zur Stabilisierung der Landeswährung hat die Hrywnja gegenüber dem Euro gut 30 Prozent an Wert verloren. Importe aus dem Ausland verteuerten sich. Die Preise stiegen im ersten Kriegsjahr um mehr als 26 Prozent. Im zweiten Kriegsjahr ging die Inflation zwar auf etwa fünf Prozent zurück. Trotzdem bekommen die Ukrainer die Kosten besonders bei den Lebensmittelpreisen zu spüren.

Die allgemeine Versorgungslage ist stabil geblieben. Die Treibstoffkrise im Frühjahr 2022 nach russischen Angriffen auf Erdölraffinerien und Treibstoffdepots bekamen die Tankstellenketten rasch in den Griff. Der Liter Benzin kostet trotz Krieg mit durchschnittlich umgerechnet 1,25 Euro deutlich weniger als in Deutschland. Auch die Stromausfälle im Winter 2022/2023 nach massiven russischen Luftschlägen vor allem auf Umspannwerke sind bereits wieder fast vergessen.

Niedrige Einkommen



Im bereits vor dem russischen Einmarsch ärmsten Land Europas stiegen zwar seit Kriegsbeginn die Durchschnittslöhne nominal um über 20 Prozent. Doch umgerechnet in Euro sanken sie um knapp fünf Prozent auf nunmehr etwa 435 Euro. Die gut 10,5 Millionen ukrainischen Rentner bekommen unterdessen durchschnittlich in Hrywnja 35 Prozent mehr, was umgerechnet dennoch nur etwa 130 Euro monatlich sind.

Mobilmachung und Ausreiseverbote



Unmittelbar nach dem russischen Überfall ordnete Präsident Wolodymyr Selenskyj eine allgemeine Mobilmachung an. Damit ist ein Ausreiseverbot für Männer im wehrpflichtigen Alter zwischen 18 und 60 Jahren verbunden. Real eingezogen werden dabei Männer im Alter zwischen 27 und 60 Jahren. Die Absenkung des Reservistenalters auf 25 Jahre ist in der Diskussion.

Zu Beginn des Krieges meldeten sich Zehntausende Ukrainer freiwillig. Nach zwei Jahren Krieg und hohen Verlusten mit geschätzt über 100.000 Toten, Zehntausenden Kriegsversehrten, Tausenden Gefangenen und Vermissten kann Kiew kaum noch auf Freiwillige zählen und muss zu immer härteren Methoden bei der Rekrutierung greifen. Von über 800.000 Soldaten sollen gut 300.000 im direkten Fronteinsatz sein. Zudem haben sich durch Flucht ins Ausland Hunderttausende Männer dem Kriegsdienst entzogen. Etwa 800.000 haben dabei in europäischen Ländern Zuflucht gefunden.

Kriegsmüdigkeit



Seit langem wächst vor allem der Unmut der Frauen und Familien von Langzeit-Dienenden. Sie sehen ihre Ehemänner, Söhne und Väter nur auf seltenen kurzen Fronturlauben – oder per Video. Ehefrauen und Mütter machen immer häufiger bei Demonstrationen ihrem Ärger Luft. Sie fordern ein Recht auf Rotation und eine Entlassung für Langzeit-Dienende. Wegen des großen Bedarfs an Soldaten und der sich verschlechternden Situation an der Front gibt es kaum eine Aussicht, dass sich daran etwas ändert.

Ukraine-Hilfen



Ohne die Hilfe des Westens kann die Ukraine nicht überleben. Etwa die Hälfte des Staatshaushalts des Landes wird aus dem Ausland bezahlt, also etwa für Gehälter im Staatsdienst und für Renten. Nach Angaben des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (ifw) belaufen sich die bewilligten humanitären, militärischen und finanziellen Hilfeleistungen vom 24. Januar 2022 bis 15. Januar dieses Jahres auf bisher mehr als 250 Milliarden Euro. Davon kommen rund 144 Milliarden Euro von den Staaten und den Institutionen der EU und 68,7 Milliarden Euro von den USA. Der Rest stammt aus anderen Geberländern.

Deutschland leistet dabei nach Angaben des Instituts mit insgesamt 17,7 Milliarden Euro in der EU unter den Mitgliedern den größten Beitrag zur Militärhilfe. Hinzu kommen Ausgaben für Geflüchtete. Zum Vergleich: Die USA weisen laut ifw bisher 42,2 Milliarden Euro für Militärhilfe auf.

− von Andreas Stein und Ulf Mauder, dpa