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Kultur

Über das Herz der Literatur

Am 18. September verstarb Marcel Reich-Ranicki. Drei Wochen zuvor nahm sich Wolfgang Herrndorf, Autor des Kultromans „Tschick“, das Leben.
Von Susanne Wiedamann, MZ

Marcel Reich-Ranicki starb im Alter von 93 Jahren in einem Frankfurter Pflegestift. Foto: dpa

Regensburg.Der eine war medienmächtig wie kaum ein zweiter, „Papst“ und kanonisierende Literaturinstanz. Der andere einer der interessantesten Autoren dieses beginnenden Jahrhunderts, doch für den Leser so gut wie unsichtbar, als Blogger im Internet dafür sehr gegenwärtig, sehr persönlich und intensiv spürbar.

Kaum einer, der Marcel Reich-Ranicki nicht kennt. Selbst Nichtlesern war er ein Begriff, dank grandioser und packender Fernsehauftritte, im „Literarischen Quartett“ sowieso, aber auch 2008, als er den deutschen Fernsehpreis ablehnte, oder bei seiner Rede am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus vor dem Deutschen Bundestag im Januar 2012. Wolfgang Herrndorf dagegen war medienscheu, konzentriert auf das Wesentliche, wegen seiner Gehirn-Tumorerkrankung stetig schreibend: „Am besten geht’s mir, wenn ich arbeite.“ Er wusste, was er mit der ihm verbleibenden Zeit anfangen wollte: Arbeit. Arbeit und Struktur. So hieß sein gerade als Buch erschienener Blog.

Das Begehren, zu dichten

Am 26. August setzte der 48-jährige Herrndorf in Berlin seinem Leben ein Ende, Reich-Ranicki starb am 18. September im Alter von 93 Jahren in Frankfurt am Main. Ich weiß nicht, ob sie sich je getroffen haben, der Holocaust-Überlebende, der Deutschlands mächtigster Literaturkritiker war, und der Autor des Bestsellers und Kult-Jugendbuches „Tschick“, der für seinen Roman „Sand“ den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt. Gerne hätte ich aber ein Gespräch der beiden erlebt.

Sie verband die tiefe Liebe zu Büchern, zum Wort, zur Kraft der Worte. Ihr Herz schlug für die Literatur. Herrndorf schrieb, wie besessen, gleichzeitig an mehreren Werken, vielfältig, immer auslotend und experimentierend. Reich-Ranicki war ein ebenso unentwegt Schreibender, von Rezensionen, seinen Erinnerungen (Mein Leben), Büchern über Literatur, und doch lautete eines seiner zehn Kritikergebote: „Du sollst nicht begehren, selbst zu dichten.“ Daran hielt er sich, trotz etlicher eigener Bücher.

Beide hatten um ihr Leben gekämpft. Reich-Ranicki und seine Frau zur Zeit des Dritten Reichs, im Warschauer Ghetto. Seine Eltern wurden in den Gaskammern von Treblinka ermordet, sein Bruder im Kriegsgefangenenlager erschossen. Marcel kam durch. Herrndorf kämpfte seit seiner Tumor-Diagnose 2010, nützte jede Minute, jeden Tag, bis zum Ende. Doch beide ließen sich nicht von dem Erlebten und ihrem Schicksal knechten.

Analyse und Leidenschaft

Beide waren intelligent, hochgebildet, vielseitig interessiert, vor allem am Schreiben und an Büchern, die Reich-Ranicki mit Inbrunst, Leidenschaft und auch viel Humor hochlobte oder wegfegte – oft aus dem Bauch heraus, während Herrndorfs Leidenschaft eine analytische Ernsthaftigkeit hatte, auch wenn sein Werk Leichtigkeit und Traurigkeit zugleich zu versprühen vermag. Er war fähig zum großen literarischen Spaß, wie Tschick in einer Kritik gerühmt wird. Und Reich-Ranicki war fähig, den großen Spaß zu lesen, zu genießen und darüber zu diskutieren. Vielleicht sitzen sie ja jetzt gerade im Jenseits an einem Tisch, und Reich-Ranicki poltert, über ein neues Herrndorf-Manuskript gebeugt. Schade, dass wir das nicht hören können.

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