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Whistleblower – ein Wort macht Karriere

Leute, die Missstände enthüllen, werden auch in Deutschland Whistleblower genannt – auch wenn viele immer noch nicht wissen, was das ist.

Edward Snowdens Enthüllungen gaben 2013 Einblicke in das Ausmaß der weltweiten Überwachungs- und Spionagepraktiken von US-Diensten.Foto: dpa

Berlin.Manchmal reicht ein Blick in den Duden, um zu erkennen, womit die Deutschen sich schwer tun. Neuer Eintrag aus diesem Sommer, 26. Auflage, Seite 1 174: „Whistleblower – jemand, der Missstände (an seinem Arbeitsplatz) öffentlich macht.“ Durch die Enthüllungen des amerikanischen Ex-Geheimdienstlers Edward Snowden über seinen alten Arbeitgeber NSA machte der Begriff so richtig Karriere. Neben „GroKo“ und „Protzbischof“ eines der Wörter des Jahres.

Umso erstaunlicher, dass es keinen deutschen Ausdruck dafür gibt. Informant, Enthüller – trifft die Sache nicht. Hinweisgeber – arg bürokratisch. Denunziant, Nestbeschmutzer, Petze – alles zu negativ. Anderswo in Europa ist man schon weiter: In Holland heißt der Whistleblower „klokkenluider“ („Glockenläuter“), in Polen „sygnalista“ („Signalist“). Die Schweden haben ihn als „visselblasare“ sprachlich gleich eingemeindet.

„In Deutschland haben wir keine entsprechende politische Kultur“, sagt der Medien-Professor Johannes Ludwig aus Hamburg, Mitbegründer eines Whistleblower-Netzwerks. „Wir kennen den Denunzianten, der anderen schaden will und sich eigenen Vorteil erhofft. Der Whistleblower handelt dagegen im Interesse der Allgemeinheit und geht dabei selbst ein Risiko ein.“

Der Begriff erklärt sich daraus, dass englische Polizisten früher auf der Verbrecherjagd in ihre Trillerpfeife („whistle“) bliesen („to blow“). Heutzutage kennt man das nur noch von Sportplätzen, wenn der Schiedsrichter einen Regelverstoß feststellt. In seiner aktuellen Bedeutung tauchte der Whistleblower erstmals in den 1970er Jahren in den Vereinigten Staaten auf – einer Zeit der großen Enthüllungen.

Keine bekannten Whistleblower in Deutschland

Berühmte Vorgänger Snowdens waren der FBI-Agent Mark Felt (alias „Deep Throat“ in der Watergate-Affäre, die US-Präsident Richard Nixon 1974 zum Rücktritt zwang) oder der Wikileaks-Informant Bradley (heute: Chelsea) Manning. In Deutschland gibt es keine solch bekannten Namen. In Erinnerung ist allenfalls der Lkw-Fahrer Miroslaw Strecker aus Brandenburg, der vor einigen Jahren den entscheidenden Hinweis auf den Gammelfleisch-Skandal gab.

Inzwischen gibt es aber auch hierzulande eine Debatte, ob Whistleblower nicht besser geschützt werden müssen. Nach einer Studie der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International über die juristischen Regelungen liegt Deutschland im europaweiten Vergleich allenfalls im Mittelfeld. Nur Beamte haben einen guten Schutz vor arbeitsrechtlichen Folgen, wenn sie Missstände öffentlich machen. Sie dürfen sich an die Staatsanwaltschaft wenden.

Geheimdienstler können immerhin das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestags einschalten, Soldaten den Wehrbeauftragten. Für Tarifangestellte im öffentlichen Dienst und Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft gibt es keine vergleichbaren Angebote. Wer den eigenen Arbeitgeber anschwärzt, riskiert die Kündigung – selbst, wenn sein Warnen aus gutem Grund geschieht. Der Arbeitsrechtler Alexander Bredereck sagt: „Das deutsche Arbeitsrecht mag den Whistleblower nicht.“

In anderen Ländern wie Irland, den Niederlanden und Dänemark sind nun Informantengesetze in Planung. Im Bundestag liegt die letzte Debatte darüber schon Jahre zurück. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD wird das Thema zumindest erwähnt. Dort heißt es einigermaßen unverbindlich: „Beim Hinweisgeberschutz prüfen wir, ob die internationalen Vorgaben hinreichend umgesetzt sind.“ Das Wort Whistleblower findet sich im Vertrag nicht. (dpa)

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