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Zeit der kleinen Schritte

Es gibt viele Einsatzmöglichkeiten für Stammzellen: Erstmals sollen Patienten mit einer Augenerkrankung so eine völlig neue Behandlung erlangen.
Von Annett Stein, dpa

Der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, glaubt an Erfolge bei dem Einsatz von Stammzellen. Foto: dpa

Bonn.An einer Klinik in Japan fiel heuer der Startschuss: Erstmals weltweit sollen Patienten mit induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS) behandelt werden. Einige an einer Augenerkrankung leidende Menschen bekommen Retina-Transplantate, die aus Hautzellen herangezüchtet wurden. Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts im hessischen Langen sagt dazu: „Das ist ein Türöffner für die Verwendung von ips-Zellen am Menschen.“ Als iPS werden Zellen bezeichnet, die aus Körperzellen in einen embryonalen Zustand rückversetzt werden. Wie embryonale Stammzellen (ES) können sie sich zu jedem Zelltyp entwickeln – ohne ethische Probleme bei der Herstellung. Der Japaner Shinya Yamanaka hatte für die gelungene Rückprogrammierung den Medizin-Nobelpreis erhalten.

Gehirngewebe in Wiener Labor

„Das Stammzellfeld steht Ende 2013 an einem kritischen Punkt“, resümiert Paul Knoepfler von der Universität Kalifornien im Fachmagazin „Stem Cells And Development“. Neue Ansätze zur klinischen Anwendung böten großen Auftrieb – aber irreführende Informationen vor allem im Internet führen dagegen immer häufiger zu völlig überhöhten Erwartungen. Große Fortschritte in der Stammzellforschung gebe es aber durchaus, betont Oliver Brüstle, Direktor des Instituts für Rekonstruktive Neurobiologie an der Uni Bonn. „Wenn man sich anschaut, was so passiert ist in nur einem Jahr, ist das schon beeindruckend.“

Für Aufsehen sorgten etwa Forscher wie das Team um Jürgen Knoblich von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, denen es gelang, bis zu vier Millimeter große Gehirngewebestücke herzustellen. „Das eröffnet spannende Möglichkeiten, die frühen Schritte der menschlichen Gehirnentwicklung und die Ursachen von Fehlentwicklungen zu erforschen“, sagt Brüstle.

Viel Kritik musste der US-Forscher Shoukhrat Mitalipov für Darstellungsfehler in einer Studie einstecken. Er hatte erstmals menschliche Klon-Embryonen hergestellt und daraus Stammzellen gewonnen. Solche Stammzellen könnten theoretisch in jede beliebige Art von Körperzellen transformiert werden und so künftig einmal kranke oder verletzte Zellen ersetzen. Die Studie hatte auch für Aufsehen gesorgt, weil ein ähnlicher Bericht des Forschers Hwang Woo Suk aus dem Jahr 2004 als Schwindel aufflog.

Immer weiter Richtung Durchbruch

Herausforderungen gibt es für die Forscher weiter genug. „Die Kernfrage ist noch immer: Haben wir die richtigen humanen pluripotenten Stammzellen schon gefunden?“, fragt Brüstle.

„Die erste wirklich wichtige Anwendung in der Praxis werden Screening-Modelle sein“, ist Jürgen Hescheler, Direktor am Institut für Neurophysiologie der Universität Köln, überzeugt. Mit embryonalen oder iPS-Zellen wird dabei die schädliche Wirkung von Medikamenten, Umweltgiften oder Kosmetika getestet. „Das hat zwei Vorteile: Es gibt keine Tierversuche mehr und man testet Substanzen ohnehin besser an menschlichen Zellen.“ Hescheler drückt es so aus: „Wir haben die Kugel jetzt lange den Berg hochgeschoben, nun fehlen noch die letzten Anstrengungen, um sie richtig ins Rollen zu bekommen.“

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