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Panorama
Montag, 21. Mai 2018 25° 1

Modeleisenbahn

Altes Hobby mit neuen Features

Die Digitalisierung hat im Modellbau Einzug gehalten. Technische Spielereien und Special Effects bedeuten einen Preissprung.
Von Kerstin Hafner

Modelbahn ist auch modern. Foto: Erwin Winter

Roding.In Horst Seehofers Modelleisenbahn-Keller grüßt aus einem Diorama die Bundeskanzlerin; bei den Modellbahnfreunden Regental aus Roding bevölkern Bauern bei der Heuernte, Kinder beim Schlittenfahren oder sich zuprostende Biergartenbesucher die Szenerie. Realitätsnah soll alles wirken, schließlich lebt eine schöne Modelleisenbahnanlage nicht nur von gut funktionierender Technik, sondern auch von liebevoll arrangierten Landschaften, durch die der Schienenstrang verläuft. „Bei uns im Verein finden sich glücklicherweise beide Kategorien von Modellbahnfreunden – die Spieler, denen die elektronisch-technische Seite besonders am Herzen liegt, und die Modellbauer, die sich mit großer Hingabe der detailverliebten Modellage abwechslungsreicher Kulissen widmen“, erklärt 1. Vorsitzender Johannes Dobkowitz. Das geht sogar so weit, dass die Schienenseiten und Bolzen mit ‚Flugrost‘ bemalt werden, damit sie besonders echt wirken.

Künstliche Bäume basteln und Bahndämme schottern

„Fingerspitzengefühl, Geduld und Ausdauer sind das Wichtigste bei diesem Hobby“, sagt Dietmar Rehn, der Webmaster, Technik-Guru und Jugendbetreuer des seit 1996 bestehenden Vereins. In der Jugendgruppe herrscht Fluktuation. „Es kommen schon immer wieder ein, zwei neue Kinder dazu, aber meist fehlt das Durchhaltevermögen für eine jahrzehntelang anhaltende Liebe zu diesem Hobby“, weiß er. Die Modellbahnfreunde Regental sind bis auf ein, zwei sporadische Ausnahmen aktuell ein reiner Männerverein. Kleine Buben finden meist durch die biennal stattfindenden Ausstellungen in der Rodinger Mehrzweckhalle Gefallen an den Miniatur-Wunderländern und kommen dann zur Jugendgruppe, in der sie verschiedene Techniken wie Löten oder Gipsen erlernen beziehungsweise erfahren, wie man künstliche Bäume bastelt oder die Bahndämme schottert.

Auch in Furth im Wald wird die Tradition weitergeführt.

Der Verein besitzt drei gemeinschaftliche Anlagen, alle in Spurweite H0 – Die dauerhaft im Vereinsheim aufgebaute Hausanlage, an der alle Mitglieder in wechselnder Konstellation in ihrer Freizeit basteln; die große Modulanlage, die nur zu Veranstaltungen aufgebaut wird und ansonsten in Planen verpackt in Regalen lagert, sowie die Segmentanlage ‚Bahnhof Roding‘, mit der ein Stückchen Heimatverbundenheit demonstriert werden soll. Dazu kommen noch verschiedene kleine Jugendanlagen, an denen der Nachwuchs bastelt.

„Das Gute dabei ist, dass es praktisch in allen größeren Bahnhöfen ein Starbucks-Café gibt, wo man die Gattin kurzzeitig zwischenparken kann.“

Schriftführer Klaus-Peter Hartl

Seit 2002 ist der Alte Bahnhof in Roding das Vereinsheim der Regental-Modellbahnfreunde, um das sie von vielen Gleichgesinnten beneidet werden – schließlich fühlen sich Modellbahner auch immer vom großen Vorbild angezogen. „Wenn wir auf Vereinsausflügen sind oder mit der Familie im Urlaub, dann sind Besuche in Bahnhöfen oder Modellbahnausstellungen natürlich Pflichtprogramm“, betont Schriftführer Klaus-Peter Hartl. Er grinst verschmitzt: „Das Gute dabei ist, dass es praktisch in allen größeren Bahnhöfen ein Starbucks-Café gibt, wo man die Gattin kurzzeitig zwischenparken kann.“

„Modellbahnbau ist ein schwieriges Terrain für jeden Verein, weil das Hobby durch die Digitalisierung mittlerweile sehr kostenintensiv geworden ist“, erklärt Rehn. „Eine moderne Lok eines renommierten Herstellers kostet heutzutage nunmal rund 500 Euro. Vor zwanzig Jahren hat man eine gute Lok für 120 bis 150 D-Mark bekommen.“ Was der gebürtige Dresdner aber an der teuren technischen Weiterentwicklung liebt, sind die zahlreichen Features, mit denen Loks, Waggons, Anlagenteile und Landschaftsszenen inzwischen ausgestattet sind. „Da gibt es Rauchgeneratoren, die Qualm erzeugen, diverse Sound-Effekte, einzeln ansteuerbare LED-Lichter und so weiter.“ In ausgereiften Szenerien drehen sich Karusselle, tanzen Figuren, gehen Frauen mit dem Nudelholz auf den Gatten los. Vom Holzhacker bis zum Wildbiesler lässt sich alles finden, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Man hört, wie der Heizer Kohle in den Kessel einer Dampflok schippt oder Feuerwehrsirenen, Jahrmarktsmusik und Hubschrauberrotoren. Doch wo früher vielleicht nur ein Heli auf einer Landezone stand, fliegt heute eine Drohne über die Anlage. Nichts scheint unmöglich. Allerdings hat eben auch alles seinen Preis. „Ich war letztens in Zürich und habe einige Schweizer Anlagen gesehen. Was die da auf die Beine stellen, ist unglaublich. An den Bahnen sieht man, dass dort das Geld zuhause ist. Aber auch die Landschaften sind der Wahnsinn. Die stellen ganze Bergmassive mit echten Wasserfällen ins Modell“, schwärmt Rehn, der schon als Bub mit diesem Hobby in Kontakt kam. „Ich stamme ja aus Sachsen. In der DDR war Eisenbahnmodellbau bis zur Wende sowas wie ein Volkssport. Freizeitbeschäftigung Nummer 1 für viele Buben und Männer. Die Vereine sind auch heute noch sehr aktiv.“

Auch in Regenstauf werden immer wieder Menschen von dem „Modelbau-Virus“ erfasst.

Hügel, Tunnel, Gemäuer und Wälder aus Gips

Um Geld zu sparen, machen die Modellbahnfreunde Regental vieles selbst. Da werden zum Beispiel Figuren-Rohlinge in der chinesischen Großpackung eingekauft und dann von Hand bemalt. Hügel, Tunnel, Gemäuer und Wälder werden aus Gips und Spachtelmasse, Draht, Kunststoff, Styrodur, grünem Beflockungsmaterial und Sprühkleber hergestellt. Auch Airbrush wird zur Gestaltung eingesetzt. Der Trick liegt dabei in der Imperfektion. Dächer und Fassaden werden optisch verwittert, Zaunlatten schief gesetzt, Dachschindeln herausgebrochen. Größter Ideenpool ist das Miniatur-Wunderland in der Hamburger Speicherstadt. Federführend im Landschaftsbau ist Hartl, für die Technik ist Informatiker Rehn zuständig. „Der Dietmar krabbelt dankenswerterweise auch bei mir daheim unter meiner Anlage herum, seit ich selbst nicht mehr auf die Knie gehen kann“, erklärt Dobkowitz. „Diese 25-Quadratmeter-Anlage sollten Sie mal sehen“, lacht Rehn. „Seine Bahn fährt durch eine naturgetreue Kopie des Kaukasus.

Modeleisenbahnen faszinieren Groß und Klein. Foto: Strasser

Da steht die komplette Flora und Fauna der Gebirgswelt bis hin zum winzigen Feuersalamander auf dem Dachboden rum.“ Während Rehn das technische Tüfteln und Problemlösen Spaß macht, hockt Dobkowitz gern stundenlang am Rechner und recherchiert, wie er die Modell-Landschaft bis ins Detail originalgetreu gestalten kann. Aus so einer Symbiose entsteht die perfekte Anlage.

Rund 35 Mitglieder zwischen acht und 84 Jahren sind in Roding aktiv. „Der Willi, unser Senior, ist sowieso der Umtriebigste von allen, aber auch der Nikolai ist was Besonderes. Der Junge hat Durchhaltevermögen“, sagt Dobkowitz. Nikolai ist Anfang 20, studiert in München und ist von klein auf mit dabei. „Aktuell eher passiv, weil ich unter der Woche einfach zu weit weg bin, aber um die Jugend kümmere ich mich schon auch noch ein bisschen, bringe ihnen verschiedene Techniken bei, gebe beim Bauen Anleitung.“ Nikolai ist über seinen Vater zu diesem Hobby gekommen. „Mein Papa hatte eine Bahn oben am Speicher stehen, mit der durften wir Kinder spielen.“

„So ist es meistens“, weiß Jugendbetreuer Hartl. „Die Kinder bekommen, wenn sie sechs/sieben Jahre alt sind, entweder ein Starterset geschenkt oder der Vater holt zu Weihnachten seine eigene alte Modellbahn aus den Kisten und baut sie im Wohnzimmer auf. Manchmal infiziert sich das Kind dann mit dem Virus.“ Selbst in Zeiten, in denen viele Dreijährige schon auf einem Tablet herumwischen, gibt es noch Kinder, die von der versteckten Technik einer Modellbahn fasziniert sind und das Geheimnis hinter den Effekten lüften wollen. Die nächste Ausstellung des Vereins findet übrigens heuer im Herbst in der Mehrzweckhalle Roding statt, Mitte November.

Fachsimpeln mit Gleichgesinnten, aber auch mit großen Unternehmen

Allerdings gehen die Modellbahnfreunde Regental auch auf andere Ausstellungen, mit Teilen ihrer Modulanlage oder mit dem Bahnhof-Roding-Segment. „Mit der Modulanlage waren wir sogar schon auf der Intermodellbau-Messe in Dortmund. Da muss man auch erst mal einen Platz bekommen. Dafür bewerben sich verdammt viele Leute“, erklärt Rehn stolz. Bei Ausflügen zu Firmen wie RailMaint (einem Unternehmen für Wartung und Instandhaltung von Schienenfahrzeugen des Personen- und Güterverkehrs) nehmen die Vereinsmitglieder an informativen Betriebsführungen teil. „In der Oberpfalz pflegen die einschlägigen Vereine einen sehr guten Kontakt untereinander. Man trifft sich im Rahmen der ‚Oberpfalzrunde‘ zu verschiedensten Terminen wie Stammtischen, Tauschbörsen, Ausstellungen, Sommerfesten oder Christkindlmärkten. Fachsimpeln mit Gleichgesinnten ist auch hier wichtiger Bestandteil der Vereinskultur. „Furth, Nabburg, Schwandorf, Amberg, Regensburg, Landshut … wir tauschen uns gerne mit anderen Vereinen aus, denn die Technik im Modellbau ist ein Fass ohne Boden“, sagt Rehn. „Auf Ausstellungen fahren inzwischen sogar oft mit mehreren Kameras bestückte Waggons, die Bilder aus realitätsnaher Perspektive auf Leinwände übertragen. Da ist es zum Beispiel wichtig, dass Tunneleinfahrten auch innen detailgetreu gestaltet werden. Unser Meister dafür ist Vereins-Vize Gerhard Laubmeier.“

„Zu Beginn hatten wir nur das Obergeschoss, unten war ein Jugendtreff. Nachdem es aber dort zu wild zuging, bekamen wir das gesamte Gebäude.“

1. Vorsitzender Johannes Dobkowitz

Vereinsheim: Der Alte Bahnhof in Roding

Der Stadt Roding sind die Eisenbahner besonders dankbar für die Überlassung des Alten Bahnhofs und die Unterstützung bei der Renovierung. „Zu Beginn hatten wir nur das Obergeschoss, unten war ein Jugendtreff. Nachdem es aber dort zu wild zuging, bekamen wir das gesamte Gebäude. Dann haben wir aus dem Erdgeschoss erstmal ein paar hundert leere Flaschen rausgetragen und Polstermöbel, die man nur mit der Kneifzange anfassen möchte“, erinnert sich Dobkowitz augenzwinkernd. Das Parterre wurde entkernt, die Graffiti an allen statisch tragenden Wände übertüncht, Regale für das Lager montiert, die Fassade gestichen. Dann zog die Werkstatt des Vereins ein. Oben befinden sich heute die Sozialräume, der Raum für die ständig aufgebaute Hausanlage und der sogenannte Schattenbahnhof. „Im Schattenbahnhof stehen alle Modellzüge, die gerade nicht auf der Hausanlage fahren“, erklärt der 1. Vorsitzende. „Natürlich haben andere Vereine größere Vereinsheime. Für uns aber ist es ein Glücksfall, im Alten Bahnhof – einem Wahrzeichen der Stadt Roding – residieren zu dürfen. Deshalb halten wir dieses denkmalgeschützte Gebäude von 1880 in Ehren und gut in Schuss. Schließlich haben wir alle viel Freizeit reingesteckt und 2002 fast ein dreiviertel Jahr lang renoviert.“

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