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Gesellschaft

Amerikaner setzen auf XXS statt XXL

Jumbo-Packungen und ein Jumbo-Lebensstil galten in den USA lange als Maß aller Dinge. Jetzt gibt es eine Gegenbewegung.
Von Johannes Schmitt-Tegge

Hund in XXS: Der Yorkshire Terrier Cocoa von Designerin Linda Facci sitzt g neben einem Miniatur-Hund. Facci fertigt Miniatur-Figuren von Hunden und anderen Haustieren. Foto: Johannes Schmitt-Tegge/dpa
Hund in XXS: Der Yorkshire Terrier Cocoa von Designerin Linda Facci sitzt g neben einem Miniatur-Hund. Facci fertigt Miniatur-Figuren von Hunden und anderen Haustieren. Foto: Johannes Schmitt-Tegge/dpa

New York.Größere Autos, größere Häuser, größere Portionen: „Bigger is better“ heißt es oft in den USA, wo Konsum und Überfluss gern buchstäblich groß geschrieben werden. Selbst Single-Verbraucher greifen im „Superstore“ gern zu Familienpackungen, SUV-Geländewagen wirken wie Monster-Trucks und Einkaufszentren können Kleinstädten gleichen. Oder wie Donald Trump 1987 schrieb: „Wenn du ohnehin schon nachdenkst, kannst du auch gleich im großen Stil denken.“

Trotzdem gibt es Amerikaner, die einen verkleinerten und verschlankten Alltag zu schätzen lernen. Sie leben in kompakten Häusern, verabschieden sich vom Überfluss und predigen Minimalismus. Einige fertigen winzige Versionen von Alltagsgegenständen, Haustieren oder sich selbst an, bilden ihr Leben spielerisch im Kleinen ab. Geht der Trend im XXL-Land hin zu XXS?

Propheten des neuen Lebens

Bei Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus kam die Unzufriedenheit schleichend. „Karrieren mit sechsstelligen Gehältern, Luxusautos, übergroße Häuser und der ganze Kram, der jede Ecke unserer konsumgetriebenen Leben verstopft“ – das hätte sie einfach nicht glücklich gemacht, schreiben die beiden auf ihrer Webseite. „Es brachte nur mehr Schulden, Stress, Beklemmung, Angst, Einsamkeit, Schuld, Überwältigtsein, Depression.“ Mit Büchern, einem Podcast und einer Netflix-Dokumentation sind Millburn und Nicodemus zu Propheten eines von Überfluss befreiten Lebens geworden.

Ähnlich begründen Bewohner sogenannter „Tiny Houses“ ihren Umzug. Sie reduzieren ihren Hausrat für ein Leben auf kleinstem Raum auf das Wesentliche. „Größe ist nicht alles“, schreibt das Homestyle-Magazin „Country Living“ und verspricht ein „einfacheres, aber erfüllteres Leben“. Die Architektur-Webseite ArchDaily nennt Mini-Häuser eine „Quelle für Freiheit“. Deren Anteil am Häusermarkt ist immer noch verschwindend gering und die durchschnittliche Häusergröße steigt seit Jahrzehnten. Verherrlicht werden Kompakthäuser in TV-Sendungen wie „Tiny House, Big Living“ und „Tiny House Hunters“ trotzdem.

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Nicht allen fällt die Verschlankungskur leicht. Den Marktforschern vom Unternehmen SpareFoot zufolge zahlt jeder elfte Amerikaner umgerechnet rund 80 Euro im Monat, um persönliche Dinge langfristig in Lagerhallen zu verstauen. Das Geschäft mit der Gewissheit, sich von alten Möbeln, alter Kleidung oder der Ski-, Surf- und Kletterausrüstung nicht trennen zu müssen, bringt der Webseite Curbed zufolge jedes Jahr einen Umsatz von 38 Milliarden Dollar (33 Mrd Euro). 50 000 Einrichtungen für das sogenannte „Self Storage“ gibt es einem „Bloomberg“-Bericht zufolge landesweit.Auf XXS schwören sogenannte „Miniacs“, die noch kleiner basteln als viele Modellbauer in Europa. In ihren mikroskopischen Welten sind Chipstüten und Kaffeebecher so groß wie Cent-Münzen, realistisch aussehende Laptops haben Dimensionen eines Streichholzheftchens und Bücher passen auf Fingerkuppen. Wer auf der Bastler-Webseite Etsy nach dem Stichwort „Miniature“ sucht, erhält 445 000 Ergebnisse. Den „Miniacs“ geht es wie deutschen Modellbauern häufig darum, sich in großen Fantasiewelten auf kleinem Maßstab verlieren zu können. Linda Facci schuf auf diese Weise einen Hund, den sie sich im echten Leben gewünscht hatte - und ein neues Hobby und Geschäftsmodell gleich mit.

Miniatur-Ehemann

  • Miniaturen:

    Selbst den Lebenspartner oder den besten Freund kann man sich heute in den USA als Miniatur-Ausgabe anfertigen lassen. 3D-Figuren: In der New Yorker Filiale des deutschen Unternehmens Doob fühlen sich Besucher an den Film „Downsizing“ mit Matt Damon erinnert: Bis zu zehn Zentimeter klein stehen die 3D-Figuren aufgereiht – Ehepaare, Kollegen und Familien.

  • Erinnerung:

    Kunden wollten damit besondere Moment im Leben festhalten, sagt Sprecherin Rosalin Siv. Sie müssen dafür lediglich in einer Fotokabine posieren. Dann lösen 56 synchronisierte Kameras gleichzeitig aus, bevor eine Software die Bilder zum 3D-Modell verknüpft.

Aus Schafswolle zwirbelt sie heute Tierfiguren, die sie im Internet für umgerechnet rund 350 Euro pro Stück verkauft – als Geschenk, Figur für eine Hochzeitstorte oder Andenken an das eigene Haustier. Mehr als 300 Stück hat sie schon angefertigt, für 2019 ist Bestellliste so gut wie voll. „Die Menschen lieben ihre Tiere“, sagt Facci der Deutschen Presse-Agentur. Hunde sind ihre Spezialität, sie hat aber auch Mäuse, Hasen oder Eichhörnchen im Angebot. In den USA sind und bleiben „Miniacs“ und Minimalisten die Ausnahme. Denn Amerikaner verherrlichten Größe, schreibt Kirkpatrick Sale in seinem Buch „Human Scale Revisited“. Die Menschen wüssten nicht wirklich, „wie viel genug ist“, und gingen deshalb von der Formel „bigger is better“ aus. Supermärkte in den USA führen heute im Schnitt 40 000 Produkte mehr als Ende der 1990er Jahre. Wer in diesem Überfluss aufwächst, lebt ihn ziemlich sicher auch den eigenen Kindern vor. Bestens ins Bild passt Donald Trump, der 30 Jahre nach seinem Business-Ratgeber als Präsident regiert. Zu Trumps Lieblingswörtern zählt „huge“ – auf Deutsch: groß, riesig, gewaltig.

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