mz_logo

Panorama
Mittwoch, 18. Juli 2018 30° 3

Porträt

Andreas Mayer erfindet sich stets neu

Andreas Mayer ist gelernter Wachszieher – und hat damit einen aussterbenden Beruf erlernt. Er hat sich selbstständig gemacht.
Von Kerstin Hafner

Andreas Mayer hat ein Handwerk gelernt und ist froh darüber. Foto: Hafner
Andreas Mayer hat ein Handwerk gelernt und ist froh darüber. Foto: Hafner

Regensburg.Wenn der erlernte Beruf aufgrund gesellschaftlichen Wandels ausstirbt, muss man flexibel sein. Davon kann Wachszieher Andreas Mayer ein Lied singen. Immer wieder war der gebürtige Altöttinger und Wahl-Regensburger im Laufe seines Arbeitslebens gezwungen, sich neu zu orientieren und sich als Unternehmer veränderten Kundenwünschen anzupassen. „Wie heißt es noch gleich: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“, sagt Mayer lachend. Zugegeben: Ein bisschen Galgenhumor schwingt mit. Trotzdem bricht Mayer eine Lanze für alle Handwerksberufe.

Eigentlich hat Andreas Mayer im väterlichen Betrieb in Altötting einen schönen Job erlernt. „Wachsziehen ist kreativ und man arbeitet mit einem Naturprodukt“, erklärt er. Trotzdem braucht er seine Fertigkeiten heute kaum noch. Religiöse Kerzen und Duftkerzen werden im Ausland sehr viel billiger produziert und als Massenware containerweise importiert. Meist bleiben für Handwerker nur noch Sonderanfertigungen nach speziellen Wünschen übrig, individuelle Einzelobjekte beispielsweise zur Taufe oder Erstkommunion. Und weil man davon allein nicht leben kann, ist Andreas Mayer als Händler mittlerweile ziemlich breit aufgestellt.

Das BWL-Studium und eine Lehre: Mayer brachte alles unter einen Hut

Doch zurück auf Anfang: Als zweiter Sohn eines Wachsziehers wuchs Mayer, Jahrgang 1961, im oberbayerischen Wallfahrtsort auf. Da der ältere Bruder Gabriel das Geschäft übernehmen sollte, ging Andreas Mayer zum Studium der Betriebswirtschaftslehre nach Regensburg. Neben dem Studium machte er eine Wachszieherlehre im elterlichen Betrieb. „Schon damals gehörte der Kerzenfachhandel Dunzinger zur Kundschaft meines Vaters und weil ich sowieso zwischen Altötting und Regensburg hin- und her gependelt bin, hatte ich auch immer die Bestellungen mit im Gepäck.“

Das Kerzen-Handwerk liegt ihm. Foto: Mayer
Das Kerzen-Handwerk liegt ihm. Foto: Mayer

Früher lief der Handel mit Kerzen aller Art und Wachsstöcken noch ganz gut. „Wachsstöcke haben früher zur Aussteuer gehört, heute weiß kaum noch jemand, was das überhaupt ist“, sagt Mayer. Schmunzelnd erinnert er sich an die längst vergangene Zeit: „Da hat beim Dunzinger ein gewisses Fräulein Hilde die Kerzen sogar mit dem Taxi ausgeliefert, damit die Ware auch ja sicher bei den geistlichen Herren ankam.“ 1985 wurde dem jungen Mann die heimatliche Welt zu eng. Er heuerte in einer New Yorker Marketing-Agentur an, denn: „Mich hätt’s zerrissen, wenn ich nicht mal rausgeschmeckt hätt’.“ Aber eine Sechseinhalb-Tage-Woche mit zehn Urlaubstagen pro Jahr holte ihn rasch zurück auf den Boden der Tatsachen. „Der Big Apple war für mich nichts als Arbeit und ein Haufen Schatten in den Hochhausschluchten. Da schätzt man das ‚dahoam‘ wieder. Also bin ich zurückgekommen.“

„Der Big Apple war für mich nichts als Arbeit und ein Haufen Schatten in den Hochhausschluchten. Da schätzt man das ‚dahoam‘ wieder.“

Andreas Mayer über seine Arbeit in New York

Im Jahr 1989 pachtete Mayer für 15 Jahre das Kerzenfachgeschäft Dunzinger, zuerst am Viereimerplatz, später in der Simadergasse, wo auch die Werkstatt lag. Sogar ein Kerzenmuseum wollten Familie Dunzinger und er einrichten, um die Attraktivität des Ladens zu steigern, denn das Genre befand sich schon damals auf dem absteigenden Ast – und Regensburg ist nun mal nicht dasselbe Pflaster wie Altötting. „Die Klientel ist einfach weggestorben. Das muss man so knallhart sagen. Und irgendwann begannen die Pfarreien, ihre Kerzen selbst zu basteln“, sagt Mayer.

Als dann das Donau-Einkaufszentrum und ein paar Gartencenter mit eigenen Deko-Abteilungen eröffneten, wurde es für den Fachhandel eng. Andreas Mayer erinnert sich mit ein bisschen Wehmut: „Da ist natürlich Umsatz weggebrochen. Eigentlich weiß ich bis heute noch nicht, warum aus dem Museum letztlich nichts geworden ist, aber man kann sich sowieso nicht gegen eine so offensichtliche Entwicklung stemmen.“

Seine Produktion kann sich sehen lassen. Foto: Mayer
Seine Produktion kann sich sehen lassen. Foto: Mayer

Neue Ideen waren gefragt. Die Sortiments-Erweiterung mit Hummelfiguren, Schnitzereien und Kunstgewerbe rettete Familie Mayer über die letzten Jahre des Pachtvertrages. 2004 war Schluss und der Wachszieher mit dem Stehaufmännchen-Gen verlegte sich mit seinen Kerzen auf den Großhandel und Messen. Er kaufte als Basis für sein Lager und das Büro den ehemaligen Reiterhof in Penk, eine Hofstelle im Naabtal, die seit 1635 besteht. Zeitweilig gehörte das Gehöft zur Burg Löweneck, deren Überreste auf einem Hügel über Penk stehen. Daher rührt auch der heute bekannte Hofname Gut Löweneck. „Wir haben mittlerweile ein Café und eine Weinbar dort eingerichtet, sind bekannt für unser Verwöhn-Frühstück und bieten Brotzeiten für Radler und Wanderer an“, sagt Tausendsassa Mayer.

Dieses zweite Standbein war nötig, weil sich auch der Großhandel nach der Jahrtausendwende immer mehr auf billige China-Importe und amerikanische Duftkerzen verlegte. „Als Unternehmer in einer aussterbenden Branche musst du dich ständig neu erfinden. Und von meinem Einfallsreichtum war ja zudem eine Familie mit damals noch kleinen Kindern abhängig. Also musst du investieren, dich neu aufstellen. Immer und immer wieder.“

Das Sortiment musste an neue Kundenwünsche angepasst werden

Mayer nahm zu seiner ursprünglichen Einkaufswelt mit Kerzen und Kunsthandwerk die Sparten Wohnambiente, Tischdeko, Feinkost und Garten neu dazu, Platz genug war auf dem Lande ja reichlich vorhanden. Das Angebot passte er saisonal an.

Zum Verkauf vor Ort gesellte sich schließlich die Gastronomie. „Ich wollte, dass das Gut Löweneck Ausflugs-Charakter bekommt, schließlich befindet es sich in idealer Entfernung zu Regensburg für einen Halbtages- oder Tagesausflug mit Auto, Fahrrad oder Kanu ins malerische Naabtal.“ Aktuell liegt der Schwerpunkt des Familienbetriebs sogar im gastronomischen Bereich. „Allerdings könnte ich mir auch vorstellen, dort eventuell auch mal Trachtenmode zu verkaufen“, konkretisiert Andreas Mayer seine Pläne für die Zukunft. „Man muss den Markt beobachten und immer flexibel darauf reagieren.“ Fest einkalkuliert sind bei der Zukunftsplanung Tochter Veronika und Sohn Sebastian – junge Erwachsene, die schon heute fleißig mithelfen.

Seit ein paar Jahren ist Mayer als offizieller Partner einer Grill-Marke auch ins boomende Segment der „Freiluftküchen“ eingestiegen. Er bietet inzwischen auf seinem Gut Löweneck professionelle Grill- und Barbecue-Kurse an, die sowohl Fleischkunde als auch verschiedene Grill-Techniken umfassen. Für den perfekten Kaffee zuhause veranstaltet er Barista-Kurse mit allen Tricks und Kniffen, die ein italienischer Barkeeper so auf Lager hat. Das passt recht gut zu Regensburg, schließlich bezeichnen sich deren Bewohner nur zu gerne als Bürger der nördlichsten Stadt Italiens. „Dann müssen sie auch einen g’scheiten Cappuccino draufhaben“, meint der Meister lachend. Obwohl Andreas Mayer in seinen Jugendjahren einen Beruf gewählt hat, dem schon bald der Hauch des Vergänglichen anhaftete, und obwohl er sich deswegen in vergangenen Jahren des Öfteren neu orientieren musste, bricht der Unternehmer heute immer noch leidenschaftlich eine Lanze für das Handwerk.

Für das kreative Arbeiten bricht er noch heute eine Lanze

„Eine gute Handwerkslehre gibt dir einfach etwas Brauchbares mit fürs ganze Leben. Diese Fingerfertigkeit, die du erlernst, wenn du mit deinen Händen etwas erschaffst, kann später sehr nützlich sein. Man kann sich praktisch immer selbst helfen“, schwärmt er. Entgegen dem allgemeinen Trend zur Akademisierung gibt Andreas Mayer Schulabgängern einen gut gemeinten Tipp mit auf den Weg: „Ich kann jungen Menschen nur empfehlen, ins Handwerk zu gehen. Das ist was Kreativeres als ein Bürojob.“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht