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nr. sieben

Auch sie hat jetzt ein Geheimnis

Aus Angst vor Ausgrenzung verschweigen viele Mosambikaner ihre HIV-Infektion. In jeder Familie ist jemand betroffen.
Von Julia Jaroschewski

Aids wird in Mosambik totgeschwiegen. Auch für die junge Mutter ist die Krankheit kein Thema, über das sie reden wird. Foto: Julia Jaroschewski
Aids wird in Mosambik totgeschwiegen. Auch für die junge Mutter ist die Krankheit kein Thema, über das sie reden wird. Foto: Julia Jaroschewski

Beira.Ich werde es niemandem erzählen. Wenn ich dich auf der Straße treffe, werde ich niemals sagen, woher wir uns kennen. Das ist jetzt dein Geheimnis.“

Luisa nickt.

„Hast du verstanden?“

Luisa nickt wieder. Ihr Blick geht auf den Boden. Ein entsetztes Lächeln entrutscht ihr. Luisa, die in Wirklichkeit auch anders heißt, hat jetzt ein Geheimnis. Da haut ihre kleine Tochter auf den Tisch. Luisa zuckt zusammen. Vor einigen Minuten hatte sie noch im leergefegten Wartesaal der Krankenstation gestanden. Das Handy klingelt, es klingelte schon, als die Schwester sie ins Zimmer bat.

„Benutzt ihr Kondome?“, hatte Julia Tomas, Oberschwester im Krankenhaus St. Egidio in Beira, gefragt. „Nein, nein.“ Luisa hatte gelacht, peinlich berührt. Dann sagte Julia Tomas: „Luisa, der Test ist positiv.“

HIV bedeutet nicht gleich, zu sterben.

„Es ist jetzt nicht der Moment zu weinen, es ist der Moment nach vorne zu schauen.“ Die Krankenschwester redet, wiederholt.

„Es ist jetzt nicht der Moment zu weinen, es ist der Moment nach vorne zu schauen.“

Krankenschwester Julia Tomas

Ein Schwall von Belehrungen und Sätzen prasseln auf Luisa ein. Die Kleine zappelt und zappelt. Acht Monate alt ist sie, quengelt an der Hand der Mutter, macht große Augen. Luisa nickt und nickt. Die Krankenschwester sagt: „Ich kann dich beglückwünschen, dass du hierhergekommen bist. Das war sehr gut. Wenn du Medikamente nimmst, wirst du solange leben, wie möglich.“

Fast alle kennen jemanden, der sich angesteckt hat

Luisa ist 27 Jahre alt, sie hat drei Kinder. Zwei von einem anderen Mann, der schon gestorben ist. Ihr jetziger Freund ist HIV-positiv. Das hat er ihr erzählt. Das ist fast schon eine Ausnahme in Mosambik. Selten erzählen Männer ihren Partnerinnen, dass sie HIV-positiv sind. Fast alle aber kennen jemanden, der sich angesteckt hat.

Wieder klingelt das Handy. Luisas Freund möchte wissen, ob sie jetzt ein Geheimnis hat.

Wie fast jeder in Beira.

Beira. Die Stadt am Indischen Ozean ist eine der wichtigsten Hafenstädte des südlichen Afrikas. Dort landen Waren aus dem Fernen Osten wie aus China, Indien, Pakistan, aber auch aus Deutschland und anderen Ländern.

Von Beira aus schleppen Trucks die Waren weiter in den Kontinent. Über Schlaglochpisten rumpeln Möbel, Nahrungsmittel und Produkte nach Südafrika, Simbabwe, Sambia, Malawi. Hunderte Trucks fahren täglich in den Hafen von Beira.

Die Strecke ist lang, die Fahrer einsam. „Aids-Highway“ nennt man die Straße, die von der Hafenstadt Beira aus ins Landesinnere führt. Foto: Julia Jaroschewski
Die Strecke ist lang, die Fahrer einsam. „Aids-Highway“ nennt man die Straße, die von der Hafenstadt Beira aus ins Landesinnere führt. Foto: Julia Jaroschewski

Die Schnellstraße, die in Beira beginnt, ist eine der größten Mosambiks. Tausende Pendler gelangen auf ihr zur Arbeit: Mosambikaner, die in südafrikanischen Minen arbeiten, Lkw-Fahrer, die auf dem Highway ihre Routen abarbeiten.

Die Strecke ist lang, die Fahrer einsam und die Familien entlang der staubigen Bahn arm. „Aids-Highway“ wird die Autobahn genannt. Weil die Frauen für wenig Geld Sex anbieten, ohne Verhütung. Weil die Männer einsam im Truck fahren und sich Ablenkung holen. Ohne Verhütung. Weil Aids kein Thema ist. Kondome auch nicht.

Auf der Straße sind Menschen und Waren unterwegs – und das Virus

So gelangt das Virus auf dem Highway ins Land – aus Ländern wie Südafrika, das die höchste HIV/Aids-Rate weltweit hat. Dabei gibt es überall Kondome: Am Eingang öffentlicher Gebäude, am Fahrstuhl der Ministerien in Maputo, Beira oder Nampula. In kleinen Pappkisten, in geflochtenen Körben. Prävention als nationale Strategie: Kondome soll man mitnehmen. Nur benutzen – das machen die wenigsten.

Mobile Blutabnahme-Stationen, wie diese hier vor dem Bahnhof, ersparen den Testwilligen den Weg ins Krankenhaus. Foto: Julia Jaroschewski
Mobile Blutabnahme-Stationen, wie diese hier vor dem Bahnhof, ersparen den Testwilligen den Weg ins Krankenhaus. Foto: Julia Jaroschewski

Mosambik hat die weltweit fünfthöchste Aids-Rate. Die Abnahme der Geburten von Babys mit HIV, deren Mütter infiziert sind, ist ein Erfolg. Auch eine leichte Senkung der Zahl der Neuinfizierten bringt Hoffnung, doch die Zahl der Toten steigt. „In jeder Familie lebt mindestens eine Person mit HIV oder Aids“, sagt die Krankenschwester Julia Tomas von St. Egidio. Alle sagen das, alle wissen es. Aber niemand spricht öffentlich darüber.

In fast allen Krankenhäusern werden HIV- und Aidspatienten behandelt. In kaum einem anderen afrikanischen Land sind so viele Nichtregierungsorganisationen in der Aids-Bekämpfung aktiv. Ärzte und Helfer aus aller Welt sind in Mosambik im Einsatz. Auch Betroffene engagieren sich und versuchen, andere Betroffene aufzuspüren.

Aids in Mosambik

  • Ranking:

    Mosambik liegt auf Platz 5 des internationalen Aids-Rankings. Jeder sechste Mosambikaner ist von HIV oder Aids betroffen, das sind etwa 1,5 Millionen Mosambikaner. Die offizielle Zahl der Neuinfizierungen sinkt – jährlich infizieren sich etwa 120 000 Menschen. Doch die Anzahl der Menschen, die an Aids leiden, steigt.

  • Kinder:

    Nach einer langen Phase der Aufklärung und Etablierung von Programmen konnte eine Reduzierung der Geburten von Kindern mit HIV, deren Mütter infiziert sind, erreicht werden. Etwa 800 000 Frauen tragen das HI-Virus in sich. Unter den Kindern sind 200 000 betroffen. 35 000 Kinder werden durchschnittlich pro Jahr mit dem HI-Virus geboren.

  • Mädchen:

    Für junge Mädchen im Alter von 15 bis 24 Jahren (11,1 Prozent) ist das Infektionsrisiko dreimal höher als bei Jungen im gleichen Alter (3.7 Prozent).

  • Kondome:

    Nur acht Prozent der Frauen und 16 Prozent der Männer im Alter von 15 bis 49 Jahren haben ein Kondom während des letzten Sexualverkehrs genutzt. Die Benutzung von speziellen Kondomen für Frauen liegt bei nur zwei Prozent. In urbanen Gegenden verhüten mehr Menschen (60 Prozent der Frauen und 64 Prozent der Männer) als in ländlichen Regionen (23 Prozent der Frauen und 27 der Männer). Die Rate steigt mit dem Bildungsgrad.

  • Aids-Test:

    Die nationale Gesundheitsstudie von 2011 zeigt, das fast 80 Prozent beider Geschlechter wissen, wo sie sich auf HIV testen lassen können. 2012 und 2013 wurden insgesamt 8,5 Millionen HIV-Tests durchgeführt– ein Drittel der mosambikanischen Bevölkerung hat sich demnach testen lassen. (Jaroschewski; Quellen: UN-Report Mosambik, 2014; INSIDA 2009; Demographic Health Survey 2011)

Eine Gruppe von drei Frauen fragt sich durch Munhavas Hafenviertel. Mit traditionellen Tuchröcken, Rucksäcken, Basecaps laufen sie durchs Viertel. Eine der Frauen hat ein Notizheft in der Hand. Handgeschrieben stehen dort Namen und eine Wegbeschreibung. „Joia, 21 Jahre, hinter den Schienen, bei der Hütte, weiter nach rechts.“ Suchend schauen sie sich um.

Die Kanalisation besteht aus selbstgegrabenen Mulden. Hier liegen Krankheiten quasi auf den Wegen. Daneben spielen Kinder, verkaufen Frauen Obst und Gemüse. Laster wirbeln den schwarzen Staub der Straße auf. Er landet auf Häusern, Essen, Wäsche und vor allem auf der Haut. Es lohnt sich kaum, die dicke Dreckschicht vom Gesicht zu wischen, wenn sich Minuten später eine neue darauflegt. Hinter den Schienen, bei der Hütte... Die Beschreibung ist sehr ungenau. Die Frauen suchen Menschen, die HIV-infiziert sind, sich im Krankenhaus Munhava registrieren ließen, die Medikation begonnen, aber die weitere Behandlung abgebrochen haben. Joia kennen sie nicht – und outen wollen sie die junge Frau durch Nachfragen auch nicht. Eine Sackgasse.

Mona ist oft krank und Tobis Fuß heilt nicht so schnell

Auch in Vaz, einem anderen Armenviertel von Beira, arbeiten freiwillige Helferinnen. Holzhütten stehen neben Baracken mit Plastikfolien. An der Hauptstraße durch das Viertel, einem staubigen Sandweg, steht Maria José hinter einem Stand aus Ästen und Planen. Mann? Gestorben. Tochter? Elf Jahre. Mona ist schüchtern. Ihre Augen sind milchig, eines schielt, sie hat Hautprobleme. Sie hustet immerzu, wie bei einer starken Bronchitis. Mona trägt das HI-Virus seit Geburt in sich. Erfahren hat es die Mutter erst, als Mona wegen Tuberkulose ins Krankenhaus kam.

Alle wissen, dass in jeder Familie jemand betroffen ist. „Ja, aber sagen darf man es nicht.“ Tobi (vorne links) und Mona (vorne in der Mitte) hören zu und schweigen. Foto: Julia Jaroschewski
Alle wissen, dass in jeder Familie jemand betroffen ist. „Ja, aber sagen darf man es nicht.“ Tobi (vorne links) und Mona (vorne in der Mitte) hören zu und schweigen. Foto: Julia Jaroschewski

Mona ist oft krank. „Sie spielt aber wie alle anderen, ganz normal“, sagt ihre Mutter Maria José. So wie auch der zehnjährige Tobi, ein Freund von Mona und Sohn von Maria Josés Bekannten Lina. Seine Verletzung am Bein heilt nicht so schnell. Auch er hatte mit sieben Jahren schon Tuberkulose.

Zweimal am Tag müssen die Kinder Medikamente nehmen. „Sonst ist alles wie bei anderen Kindern“, beteuern die Mütter. Wissen die beiden Kinder von der Krankheit? „Nein, auch in der Schule weiß das niemand.“ Aber die Medikamente nehmen sie? „Ja, immer mit uns zusammen.“

Die Familien sitzen auf einer Bambusmatte auf dem kalten Boden – das Wohnzimmer im Freien. Weiter hinten schlägt ein Bekannter große Steine zu kleinen Brocken, als Baumaterial für andere Bewohner des Armenviertels. Damit verdienen sie ihr Geld. Wenn sie sich über das Thema HIV unterhalten, sitzen die Kinder dabei. Die hören zu und schweigen.

„Willst du was sagen?“, fragt Lina ihren Sohn Tobi. Kopfschütteln. Anders als die Mütter gehen die Kinder zur Schule. Sie lernen Lesen und Schreiben. Ob die Kinder nicht viel mehr von HIV verstehen, als sie in dieser Runde glauben?

Lina und Maria nennen HIV beim Wort, doch auch hier ist es „ihr Geheimnis.“ Wenn andere es erfahren würden, würden sie doch alle tuscheln: „Da ist die, die fasse ich nicht an, mit der esse ich nicht.“ Die Angst vor dem Stigma, die Angst, dass sich alle abwenden würden, ist enorm. Aber wenn doch eigentlich alle wissen, dass in jeder Familie jemand betroffen ist? „Ja, aber sagen darf man es nicht.“

„Wenn andere es erfahren, tuscheln doch alle: Da ist die, die fasse ich nicht an, mit der esse ich nicht.“

Lina, HIV-positiv

Ein Geheimnis ist ein Geheimnis ist ein Geheimnis. So groß, so häufig ist dieses Geheimnis, dass man meint, ein ganzes Land lügt sich an.

Dabei hat die Regierung investiert, in Aufklärung und Präventionsprogramme. Im Fernsehen und im Radio laufen Spots. „Es wird uns eingeimpft, HIV ist schlimm, Achtung, Achtung. Passt auf, AIDS tötet“, sagt Fernanda Lobato. Die 33-jährige arbeitet seit Jahren im Kommunikationsbereich der Aidshilfe. Sie zählt zu einer politisch aktiven Jugend des Landes, die keine Angst hat, Probleme anzuprangern.

„Früher war es wichtig zu sagen, nutzt Kondome, aber heute muss man das ganz anders erzählen“, meint Lobato. Wichtiger sei es, die Menschen in der Behandlung zu halten, denn viele würden die Behandlungen abbrechen. „Aus Angst vor dem Stigma“, sagt Lobato. Da ist es wieder, das Geheimnis. Natürlich, wie überall, trifft es nicht nur die arme Bevölkerung. „Politiker, die Elite – viele sind HIV-positiv“, sagt Lobato. Nur würden sie sich nicht in Mosambik sondern in Südafrika behandeln lassen. Dort, wo es niemand mitbekommt. Die, die es sich leisten können, fliehen vor dem Stigma.

Lina und Maria, die Frauen aus dem Armenviertel, können nicht weg. Sie haben keine Bildung, kaum Geld, nur sich, ihre Männer sind verstorben – auch weil sie es ablehnten, sich testen zu lassen. Die Kinder spielen mit Muscheln. Wer zuerst alle Muscheln des anderen aus den Erdmulden geklaut hat, ist Sieger. Immer drei auf einmal darf man bewegen, ein gutes Strategiespiel. Wird der kleine Tobi seine Klugheit jemals nutzen können? Seine Schwester hängt nebenbei Wäsche auf, der Hof schirmt vom Lärm auf der Straße ab. Bei einem Curandeiro, einem Naturheiler, seien sie früher gewesen, doch er konnte ihnen nicht helfen. Viele Betroffene gehen nicht ins Krankenhaus – sondern suchen erst einen traditionellen Heiler auf.

„Wenn ich jemanden sehe, der Aids hat, schicke ich ihn ins Krankenhaus.“Senhor Faria, Naturheiler

Einen wie Senhor Faria. Schon seine Großmutter und Mutter waren Heilerinnen. Er hat einen kleinen Raum aus Steinen – eng und geschlossen wie ein Fahrstuhl. Stühle und Hocker stehen darin, auf dem Boden Gewürze und Schalen für die Geister, die helfen sollen. In einer ersten Sitzung erscheinen die Geister und erfragen das Problem, stellen die Diagnose. In den weiteren Sitzungen wird behandelt. 100 Meticais kostet die erste Beratung, umgerechnet drei Euro. Die Behandlung mit Kräutern wird teurer: zwischen 1000 bis 3000 Meticais für ein zwei Wochen, 20 bis 70 Euro – für Bewohner der Armenviertel ein Vermögen.

Aus Krankheit schlagen viele Kapital. Doch mittlerweile sagt auch der Naturheiler: „Wenn ich jemanden sehe, der Aids hat, schicke ich ihn ins Krankenhaus.“

„Was ist schlimm daran, keine Kondome zu benutzen?“

In der Kinderstation des Hospitals in Beira herrscht großer Andrang. Foto: Julia Jaroschewski
In der Kinderstation des Hospitals in Beira herrscht großer Andrang. Foto: Julia Jaroschewski

Im Krankenhaus bindet sich Luisa, die gerade von ihrem Testergebnis erfahren hat, ihre Tochter auf den Rücken. „Ist denn irgendetwas schlimm daran, keine Kondome zu benutzen?“ fragt sie nach. Krankenschwester Julia schluckt und sagt vorsichtig: „Gut, also wir empfehlen allen, Kondome zu benutzen“ – und erklärt, was doch inzwischen eigentlich alle wissen müssten: Wie HIV übertragen wird. Wie man sich hätte schützen können.

Jetzt aber sei es wichtig, die Medikamente zu nehmen, ermahnt sie Luisa. In einem Monat soll dann die kleine Tochter getestet werden. In der kommenden Woche soll Luisa zur ersten Behandlung kommen. Aber ob sie ihre Medikamente tatsächlich abholen wird? „Es wird knapp“, sagt Luisa. Sie müsse arbeiten.

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