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Dienstag, 19. Juni 2018 26° 3

Musik

Bacharach-Schock von The Sea and Cake

Machen Prekop und McEntire jetzt Pop? Nein, „Any Day“ ist die neueste Version des Chicago-Post-Rock.
Von Helmut Hein

The Sea and Cake: Archer Prewitt, John McEntire und Sam Prekop (v. l.) Foto: Heather Cantrell
The Sea and Cake: Archer Prewitt, John McEntire und Sam Prekop (v. l.) Foto: Heather Cantrell

The Sea and Cake war Mitte der 1990er Jahre unbestritten die Supergroup der Chicagoer Post-Rock- und Neo-Folk-Szene, die damals weltweit stilbildend für die sehr vitale Indie-Musik in ihren verschiedenen Spielarten wurde. Supergroup deshalb, weil Musiker wie Sam Prekop oder John McEntire auch Mitglieder von, wie man das heute musikwissenschaftlich belehrt nennt, „codierenden“ Bands wie Gastr del Sol oder Tortoise waren und überdies als Toningenieure und Produzenten neue Soundvorstellungen entwickelten, die bis heute in vielen Produktionen fortwirken. Prekop und McEntire integrierten sogar Elemente des avancierten Jazz oder der Latin-Music.

Auf dem Cover von „Any Day“ stapelt sich Gerümpel.
Auf dem Cover von „Any Day“ stapelt sich Gerümpel.

Umso erstaunter ist man im allerersten Moment, wenn man „Any Day“, das erste Sea-and-Cake-Album seit sechs Jahren, hört. Man könnte fast von einem Burt-Bacharach-Schock sprechen. Bei Bacharach, dem vermutlich erfindungsreichsten Komponisten und vor allem Arrangeur der amerikanischen Pop-Musik des letzten halben Jahrhunderts, wollten viele nur „Easy Listening“, eine Art Strand- oder Kaufhausmusik hören, wo sich den „Kennern“ rasch ein komplexer Sound-Kosmos erschloss.

Mainstreamradiotauglicher Neo-Pop

Auf den kürzesten Nenner gebracht: Musik, die beim ersten Hören einleuchtet oder mitreißt, hält selten stand, sie verblasst rasch und wird banal. Der Bacharach-Pop aber wird bei jedem Hören reicher, vielfältiger, faszinierender, auch „haltbarer“. So wie es den Bacharach-Schock gibt, so gibt es übrigens auch, um nur einen Namen zu nennen, den Sonic-Youth-Schock. Zunächst ist da nur Lärm und wer jetzt sofort entnervt aufgibt, wird das Wunder verpassen, wie aus dem Lärm plötzlich Melodien und „Narrationen“, also Erzählungen, aufblühen.

The Sea and Cake

  • Die Anfänge

    1993 gründeten Sam Prekop (Gesang, Gitarre), Archer Prewitt (Gitarre), Eric Claridge (Bass, Synth.) und John McEntire (Drums) die Band.

  • Neubeginn

    Any Day ist das erste Album, nachdem Claridge die Band verlassen hat. Erschienen ist es für ca. 16 Euro (CD) und ca. 8 Euro (MP3) bei Thrill Jockey (Rough Trade).

Ein wenig so verhält es sich auch bei dem neuen Sea-and-Cake-Album. Wo man früher subtilen, knisternden, fast schon kammermusikalischen Post-Rock hörte – Post-Rock deshalb, weil aus dieser Musik alle Rock-Schwere und -Bedeutsamkeit verschwunden und an ihre Stelle eine souveräne, auch coole Leichtigkeit getreten war –, begegnet einem unverhofft fast schon mainstreamradiotauglicher Neo-Pop, der an einem vorbeiplätschert.

Was aber, wie sich bald erweist, nicht an den Songs, sondern an den eigenen Hörgewohnheiten liegt. Was man hört, hängt eben immer auch vom Kontext des Hörens ab. Wo überall Mainstream-Pop ist, wird auch The Sea and Cake, einige flüchtige Momente lang wenigstens, Mainstream-Pop.

So hören sich The Sea and Cake an:

Der in die Jahre gekommene und vielleicht ein wenig jammerig gewordene Sam Prekop kennt das Problem. Im Titelsong „Any Day“ singt er: „Ich nehme an, ich bin der Letzte hier, der noch lebt, den man noch nicht gebrochen hat, der immer noch auf das ‚Sublime‘ wartet.“ Das Sublime, das wäre das Pop-Erhabene des alten Chicago-Stils, an dem er festhalten will, „like old time“. Geht das? Es geht auf jeden Fall, wenn man sich genügend Zeit für die Platte nimmt.

Sie braucht, wie im Grunde jeder einzelne Mensch auch, Raum, um sich entfalten, all die Ecken und Widerborstigkeiten, die Details und kleinen Abgründe zeigen zu können. „Any Day“, das ist der gute alte Prekop-McEntire-Chicago-Post-Rock, montiert auf ein Gestell oder Gefährt aus purem Pop, das hoffentlich nicht allzu sehr auf Abwege gerät.

Auf Facebook beantwortet die Band Fragen ihrer Fans:

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