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Panorama
Samstag, 24. Februar 2018 1

Interview

Bei uns herrscht ein höheres Tempo

Tamara Lax und Verena Hauke, Lehrerinnen am Kepler-Gymnasium Weiden, über die Förderung besonders begabter Kinder
Von Tanja Rexhepaj

Tamara Lax (li.) und Verena Hauke unterrichten eine Hochbegabtenklasse. Foto: Tanja Rexhepaj

Weiden.Der erste Jahrgang der Hochbegabtenklassen am Kepler-Gymnasium Weiden hat in diesem Sommer Abitur gemacht und das Kepler-Gymnasium wurde wegen seiner langjährigen Erfahrung auf diesem Gebiet zum Kompetenzzentrum für Begabtenförderung in Bayern ernannt. Welche Aufgaben sind für Sie als zuständige Lehrkräfte damit verbunden?

Tamara Lax: Bei uns am Kepler-Gymnasium ist ein Team aus fünf Personen für das Kompetenzzentrum zuständig. In jedem Regierungsbezirk in Bayern gibt es ein solches Kompetenzzentrum, in Oberbayern sind es sogar zwei. Wir besuchen gemeinsame Fortbildungen zum Thema Begabtenförderung und tauschen uns auch untereinander aus. Zudem bieten wir Impulstage für die Schulen in unserem Regierungsbezirk zum Thema Begabtenförderung an. An unserer Schule haben wir ein Modell entwickelt, das die Schülerinnen und Schüler auf zwei Ebenen unterstützt – insbesondere im kognitiven und im sozialen Bereich haben wir in den Regelklassen, nach dem Vorbild der Hochbegabtenklassen, zusätzliche Angebote. So gibt es zum Beispiel in den fünften Klassen als Enrichment, also als zusätzliches Unterrichtsangebot, eine soziale Stunde und in der siebten Jahrgangsstufe Coaching, bei dem sich drei Lehrkräfte gleichzeitig in der Klasse befinden, damit die Schülerinnen und Schüler in Kleingruppen persönliche Bedürfnisse klären oder Fragen stellen können, die sonst in kein Unterrichtsfach passen.

Verena Hauke: Unsere Arbeit im Bereich der Begabtenförderung wurde wissenschaftlich begleitet von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Außerdem wurden wir vom Weiterbildungsinstitut eVOCATIOn und von der Karg-Stiftung, die in Kooperation mit dem Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst die acht bayerischen Gymnasien mit Hochbegabtenzügen zu Kompetenzzentren für Begabtenförderung qualifiziert haben, unterstützt.

Ab einem IQ von 130 spricht man von Hochbegabung. Eine überdurchschnittliche Intelligenz führt aber nicht automatisch zu überdurchschnittlichen Leistungen. Vielen hochbegabten Menschen hilft erst eine adäquate Förderung, um ihr Potenzial voll zu entwickeln. Besonders im Kindesalter ist das bisweilen schwierig.

Hochbegabung – Segen oder Fluch? Wie würden Sie als Koordinatorinnen der Hochbegabtenklassen das sehen?

Tamara Lax: Einerseits ist es toll, dass die Kinder beispielsweise eine mathematische oder musikalische Begabung haben, die sie weiterbringen kann. Andererseits stehen sich die Kinder oft selbst im Weg. Dazu kommt, dass immer wieder unterschiedliche Bedingungen die Schülerinnen und Schüler daran hindern, ihre besondere Begabung zu entfalten. Das sind dann die sogenannten Underachiever, die zwar einen hohen IQ-Wert haben, aber ihr Potenzial nicht ausschöpfen und dementsprechend demotiviert sein können.

Verena Hauke: Trotzdem würde ich es als Segen sehen. Unsere ersten Absolventen der Hochbegabtenklasse sind eine eingeschworene Gemeinschaft; sie haben hier an der Schule Freunde fürs Leben gefunden und jeder wird integriert und akzeptiert.

„Einerseits ist es toll, dass manche Kinder eine mathematische oder musikalische Begabung haben, die sie weiterbringen kann. Andererseits stehen sich hochbegabte Kinder oft selbst im Weg.“

Tamara Lax, Lehrerin in einer Hochbegabtenklasse

Wie viele Kinder besuchen derzeit eine Hochbegabtenklasse am Kepler-Gymnasium? Gibt es in jeder Jahrgangsstufe eine solche Klasse?

Tamara Lax: Ja, es das gibt es. In der fünften Klasse waren es im vergangenen Schuljahr 17 Schülerinnen und Schüler, in der sechsten Klasse 16. Durchgängig sind es Klassen in dieser Größenordnung, also etwas kleinere Klassenverbände.

Was ist in der Hochbegabtenklasse anders als in einer normalen Klasse?

Tamara Lax: Neben dem bereits angesprochenen Enrichment-Programm und dem Coaching gibt es in den Hochbegabtenklassen in der Unterstufe Wahlunterricht, der verpflichtend ist, während er für die anderen Klassen freiwillig ist. Beim Vermitteln des Stoffes ist das Tempo in der Regel höher…

Verena Hauke: …wie auch der Lautstärkepegel in diesen Klassen, da das Bedürfnis, sich auszutauschen, doch größer ist.
Tamara Lax: Ja, das stimmt. Außerdem gibt es bilingualen Unterricht, zum Beispiel wird in der siebten Klasse Geschichte oder Geographie auf Englisch unterrichtet. Zudem bieten wir den Schülern in der 8. Jahrgangsstufe zusätzlich „Debatte“ als Unterrichtsfach an, um ihrem Mitteilungs- und Diskussionsbedürfnis entgegenzukommen.

„Eine besondere Förderung ist notwendig, weil Hochbegabte oftmals andere Interessen haben als andere Gleichaltrige.“

Verena Hauke, Lehrerin in einer Hochbegabtenklasse

Die Auswahl der Schülerinnen und Schüler für die Hochbegabtenklasse erfolgt durch die Schule selbst, als grundlegende Orientierung zählt das Jahreszeugnis der dritten Grundschulklasse sowie die schulischen Leistungen im Laufe der vierten Klasse. Wann ist ein Kind geeignet für die Hochbegabtenklasse?

Tamara Lax: Die Eltern melden ihre Kinder im Laufe der vierten Klasse bei uns an der Schule für einen IQ-Test an, der in der Gruppe stattfindet. Um die Kinder besser kennenzulernen, führen wir einen Testunterricht durch. Einen Vormittag lang werden die Schülerinnen und Schüler in den Fächern Deutsch und Mathematik beobachtet, Gespräche mit den Eltern ergänzen das Bild. Letztlich wird in jedem Fall individuell entschieden, ob das Kind für die Hochbegabtenklasse geeignet ist oder nicht.

Es soll Fälle geben, in denen Eltern mit ihrem Kind eigens nach Weiden gezogen sind, um das Angebot der Hochbegabtenklasse zu nutzen – warum ist eine spezielle Förderung hochbegabter Kinder überhaupt notwendig?

Tamara Lax: Tatsächlich ist es so, dass wir auch Schülerinnen und Schüler von außerhalb unseres Schulsprengels in diesen Klassen haben; Kinder, die aus Wiesau oder Windischeschenbach kommen und einen langen Fahrtweg in Kauf nehmen.

Verena Hauke: Eine besondere Förderung ist notwendig, weil Hochbegabte oftmals andere Interessen haben als andere Gleichaltrige. In deren Augen sind sie oft die Streber mit den „komischen Hobbys“ und finden nur schwer Freunde. Viele brauchen daher eine gewisse Unterstützung und sie fühlen sich unter Gleichgesinnten viel wohler. Wir erleben manchmal, dass Schüler bis zur siebten, achten Klasse die Hochbegabtenklasse als Stabilisierungsphase nutzen, um dann wieder in eine wohnortnähere Schule zu wechseln, da die langen Anfahrtswege teilweise schon eine Belastung darstellen.

Schlummert in meinem Kind ein Genie?

Woran können Eltern, Erzieher und Lehrer eine Hochbegabung bei einem Kind erkennen? Die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind e.V. (DGhK) hat hierzu einige Kriterien veröffentlicht, die bei gehäuftem Auftreten für eine mögliche Hochbegabung sprechen.

Eltern sollten folgende Merkmale in Betracht ziehen:

Das Kind hat sehr früh ein starkes Interesse an seiner Umgebung.

Es fängt früh an zu sprechen, „überspringt“ die Baby-Sprache, bildet sehr schnell ganze Sätze und verfügt über einen großen Wortschatz.

Es zeigt früh ein starkes Interesse an Symbolen, wie Automarken, Firmen-Logos und dann auch an Buchstaben und Zahlen.

Es löchert Erwachsene mit aufeinander aufbauenden Fragen – auch zu nicht „altersgerechten“ Themen.

Es erfasst komplexe Zusammenhänge und überträgt diese auf andere Fragestellungen.

Es hat Spaß am Lernen von unterschiedlichsten Themen.

Es zeigt einen starken Gerechtigkeitssinn und hinterfragt Entscheidungen von „Autoritäten“. Hat es den Sinn dieser Entscheidungen aber eingesehen, folgt es ihnen manchmal mehr als 100-prozentig.

Es verblüfft Erwachsene häufig mit Fragen nach Ursprung und Sinn des Lebens.

Es bringt sich selber Lesen und Rechnen bei, ohne sagen zu können, wie es das geschafft hat.

Es fällt durch eine starke Phantasie auf und zeigt Initiative und Originalität bei intellektuellen Herausforderungen.

Es verblüfft durch ein gutes Gedächtnis.

Es ist ausgesprochen sensibel für zwischenmenschliche Beziehungen.

Es unterhält sich und spielt lieber mit älteren Kindern oder Erwachsenen als mit Gleichaltrigen.

Es hat nur ein geringes Schlafbedürfnis.

Für Lehrer und Erzieher sind folgende Hinweise aufschlussreich:

Das Kind beteiligt sich im Kindergarten nur ungern an Gruppenspielen, hat aber außergewöhnlich früh ein großes Interesse an Zahlen, Buchstaben oder Symbolen.

Es spielt und spricht im Kindergarten bevorzugt mit älteren Kindern oder Erziehern.

Es hat neuen Lernstoff meist beim ersten Mal verstanden und verabscheut Wiederholungen.

Es „versagt“ anscheinend bei Routine-Aufgaben, wird aber munter bei schwierigen Aufgabenstellungen.

Es schlampt Hausaufgaben, die zu einfach sind, wie z.B. Ausmalen, Päckchen-Rechnen, oder weigert sich, bereits Verstandenes in kleinen Variationen zu wiederholen. Es arbeitet aber sauber und ausführlich, wenn das Thema interessant und fordernd ist.

Es macht in Klassenarbeiten läppische Fehler bei einfachen Aufgaben, schwierigere Aufgaben werden aber fehlerfrei gelöst.

Es bekommt bei Tests schlechte Noten, obwohl der Lehrer subjektiv den Eindruck hat, es müsse alles verstanden haben.

Es langweilt sich im Unterricht und zeigt – manchmal auch demonstrativ – Desinteresse.

Es träumt anscheinend während des Unterrichts, weiß auf Anfragen aber die richtige Antwort.

Es spielt in Pausen nicht mit Gleichaltrigen und wird manchmal von anderen Kindern geschnitten, ausgegrenzt, gemobbt oder auch geschlagen.

Es spielt den Klassenclown, um von anderen anerkannt zu werden oder um etwas gegen Langeweile zu tun.

Es zieht sich total in sich zurück, ist häufiger krank oder simuliert Krankheiten.

Es ist ausgesprochen kritisch gegenüber sich selbst und gegenüber anderen – auch gegenüber Lehrern.


Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.


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