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Philatelie

Briefmarken – auf ewig abgestempelt?

Den Postwertzeichen hängt ein Hauch von Nostalgie an. Doch Sammler glauben trotzdem an die kleinen Kunstwerke.
Von Philipp Seitz, MZ

Regensburg.Es ist schon einige Jahrzehnte her, dass sich der Brief mit der knallgelb gefärbten Marke auf große Reise in die Welt hinaus begeben hatte. Seit dem letzten ereignisreichen Abenteuer fristet das bedruckte Stück Papier ein trostloses Dasein, eng zusammengepfercht in einem braungefärbten Lederalbum, abgestellt im Keller und überzogen von einer dicken Staubschicht – abgestempelt und für immer vergessen?

Geschichten aus fernen Ländern

Dabei könnte der Inhalt des Albums – die kleinen Marken mit den aufgedruckten Zahlen – doch eine bewegte Geschichte erzählen. Eine jede für sich, eine jede eine andere. Sie würden von ihrer Reise berichten, von fernen Ländern und anderen Briefen, denen sie auf ihrem Weg begegnet sind. Aber auch von den nervenaufreibenden Tauschbörsen, den Auktionen, den Ausstellungen, auf denen sie sich mit weiteren gezackten Schönheiten präsentierten. Und sie wüssten so manche amüsante Anekdote über Sammler, in deren Alben sie es sich schon heimisch gemacht hatten...

Die Blütezeit des Sammelns ist jedoch vorbei. In den 70er-Jahren hatten noch viele Jugendliche ein eigenes Album. Heute ist das unvorstellbar. Das Briefmarkensammeln ist aus der Mode gekommen. Es gilt als ein eingestaubtes Hobby, das überwiegend von Pensionären ausgeübt wird. Ein Hobby, dem der Nachwuchs fehlt und das bei der jungen Generation immer mehr an Attraktivität verloren hat. Vorbei die Zeiten, in denen der Mann seine große Liebe noch romantisch fragte, ob er ihr denn seine Briefmarkensammlung zeigen dürfte. Allein die Idee, einen Brief zu verfassen, wäre für viele Jugendliche schon abwegig. E-Mail und SMS haben den Brief als Kommunikationsmittel nahezu überflüssig gemacht.

Der technische Fortschritt setzt den bunten Postwertzeichen zu. Erstmals haben sie sich 1840 auf den Weg durch das Vereinigte Königreich gemacht. Auf der „One Penny Black“, der ersten Briefmarke der Welt, war noch das Porträt von Königin Viktoria, Urgroßmutter der jetzigen britischen Königin Elisabeth II., aufgedruckt. In der Zwischenzeit zierten schon viele prominente Gesichter die Briefmarken: Papst Benedikt, Helmut Kohl oder auch Albert Einstein, um nur einige davon zu nennen.

Ihre Bezeichnung im Volksmund hatte die „One Penny Black“ ihrer schwarzen Farbgebung zu verdanken. Der Urheber der berühmten Marke war Sir Rowland Hill. Wie sich später herausstellte, war beim ersten Postwertzeichen der Welt aber doch ein Fehler unterlaufen: die Farbe. Zwar wurde die schwarze Briefmarke mit einem roten Stempel entwertet – doch oft war der Abdruck auf ihr nur sehr schlecht zu erkennen oder konnte leicht entfernt werden. Immer häufiger wurde der Versuch unternommen, das Postwertzeichen ein zweites Mal zu verwenden. Die britische Post sah sich deshalb zu Maßnahmen gezwungen, um den Portobetrug zu verhindern: Nach nur einem Jahr wurde die schwarze Briefmarke aus dem Verkehr gezogen – und in Rot wieder auf den Markt gebracht.

Die Farbe des Stempels sollte sich ebenfalls ändern: Die „Penny Red“ wurde nun mit einem schwarzen Stempel versehen. Mögliche Fälscher hatten die Rechnung zudem ohne die Weitsicht von Sir Rowland Hill gemacht, denn dieser stattete die ersten englischen Briefmarken sogar mit einem Wasserzeichen als Sicherheitsmerkmal aus – und setzte damit Maßstäbe für alle folgenden Ausgaben. Das britische Postsystem, das wurde schnell klar, hatte sich bewährt. Es dauerte nicht lange, bis weitere Länder das Briefmarkensystem einführten.

In Deutschland machte das Königreich Bayern den ersten Schritt und gab vor 165 Jahren im November 1849 drei Postwertzeichen heraus. Der bei Sammlern sehr gefragte „Schwarze Einser“, wie die Marke aufgrund ihres Aussehens genannt wurde, zierte als erste Briefe in Deutschland. Mit der wachsenden Zahl an Briefmarken verbreitete sich dann das Sammeln der Postwertzeichen immer mehr. Der Siegeszug der Philatelie hatte begonnen.

Visitenkarten der Länder

Doch auch wenn Aufkleber mit Zahlencodes und automatische Stempelreihen inzwischen oft die Marken ersetzen, haben sie noch eine Chance. Es gibt viele Menschen, die um ihre Zukunft kämpfen. Einer davon ist Wolfgang Peschel vom Bund Deutscher Philatelisten. Er verwehrt sich gegen die Aussage, dass es in absehbarer Zeit keine Briefmarken mehr geben könnte. Schließlich seien Briefmarken „Botschafter eines Landes“, mit denen die jeweiligen Postverwaltungen für ihr Herkunftsland werben.

Auch private Zustelldienste geben Marken heraus, auf denen sie vor allem lokale und regionale Besonderheiten festhalten und auf den Briefen ihrer Kunden in die Welt hinaustragen. So zieren unter anderem der Further Drachenstich oder die Regensburger Schlossfestspiele die bei Sammlern beliebten Marken der Regensburger City Mail.

„In der Konsequenz bedeutet dies: Der Briefmarkensammler wird nicht aussterben!“ Als Problem sieht Peschel vielmehr, dass die Marke zunehmend aus der Lebensrealität der Kinder verschwindet, da sie nur noch selten auf der privaten Tagespost zu finden ist.

Nur fünf Prozent der in Deutschland beförderten Briefe tragen laut Peschel ein Postwertzeichen. Der Bund Deutscher Philatelisten hat deshalb eine Arbeitsstelle „Jugend und Bildung“ eingerichtet, um mehr junge Leute für die gezackten Zeitdokumente zu begeistern. Briefmarken-Vereine bieten nachmittags an Schulen Arbeitsgruppen an. „Hier zeigt sich, wie schnell Kinder vom Briefmarkensammeln fasziniert sind“, erzählt Peschel. Der Verband ist überzeugt, dadurch neue Liebhaber für die bunte Marke gewinnen zu können. Eine „One Penny Black“ werden die Schüler zwar nicht in ihrer Sammlung finden, dafür aber einen guten Einblick in die Geschichte verschiedener Länder erhalten. Ob das ausreicht, um das Interesse für das Sammelobjekt Briefmarke zu wecken?

Mehr Briefmarkenhändler

„Ein Rückgang der Briefmarkensammler lässt sich nicht leugnen“, räumt Arnim Hölzer, Präsident des Briefmarkenhandel-Bundesverbandes, ein. „Es sterben uns mehr Sammler, als neue hinzukommen.“ Von einem Tod der Wertmarken oder steigendem Desinteresse könne man dennoch nicht sprechen. Derzeit gebe es in Deutschland rund zwei Millionen Briefmarkensammler. In den letzten Jahren sei die Zahl der Händler angestiegen.

Für Hermann Gröger, den Vorsitzenden der Philatelistenvereinigung Regensburg, gibt es jedenfalls nichts Schöneres, als auf die Jagd nach neuen Marken zu gehen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in Zukunft keine Briefmarken mehr geben wird“, meint er. Immerhin sei die Philatelie auch ein Geschäft: „Wandert die Marke ungenutzt ins Sammelalbum, dann fließt Geld für eine Leistung, die nie erbracht wurde.“ Für viele Kleinstaaten, wie etwa San Marino oder den Vatikan, sei der Verkauf von Postwertzeichen eine gute Einnahmequelle.

Der passionierte Sammler, muss es wissen: Vor knapp 35 Jahren übernahm Gröger die Führung der Regensburger Philatelistenvereinigung, die er zur größten in Bayern machte. Den 225 Mitglieder starken Verein plagen aber ebenfalls Nachwuchssorgen. Das Durchschnittsalter liegt bei 65 Jahren. Allerdings zeichne sich ein Trend ab: „Es stoßen immer wieder ältere Sammler zu uns, die nach ihrer Pensionierung Zeit für die Philatelie haben.“

Philatelie hält Sammler jung

Wenn der Vereinsvorsitzende mit funkelnden Augen von seiner Leidenschaft spricht, ist er nicht zu bremsen. Mit Begeisterung organisiert er die jährlich stattfindende Regensburger Tauschbörse in der RT-Halle, zu der Hunderte von Münz- und Briefmarkenfreunden kommen. Vielleicht hat die Philatelie ein angestaubtes Image, aber Sammler wie Gröger (70) hält sie jung: „Briefmarken zu sammeln ist wie eine Sucht, mit der man nicht mehr aufhören kann. Man will ständig seine Alben komplettieren, wird es aber nie schaffen können.“

Und sicher schlummert noch in so manchem Keller ein etwas verstaubtes Sammelalbum mit einer stattlichen Anzahl an Briefmarken, die nur darauf warten, endlich gefunden zu werden.

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