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Freitag, 23. Februar 2018 2

Bildung

Computer killen Handschrift

Kaum jemand muss heute noch etwas mit der Hand schreiben. Die klassische Handschrift leidet darunter. Dabei ist sie wichtig.
Von Christoph Arens, KNA

Eine neunjährige Grundschülerin übt Schreibschrift – Lehrer beobachten, dass die Schreibfähigkeiten bei Schülern nachlassen. Foto: Jan Woitas/dpa

Bonn.Sie steht schon fast auf der Roten Liste für bedrohte Arten. Glaubt man Bildungsexperten, stellt das Schreiben mit der Hand im Zeitalter von Computer und Tablet immer mehr Kinder vor Probleme.

Stirbt die Handschrift aus? Der Welttag der Handschrift am heutigen Dienstag soll das verhindern. Der 23. Januar ist der Geburtstag von John Hancock (1737-1793), dem Erstunterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776. Seine Unterschrift auf dem Dokument ist besonders markant – und deshalb hat er sich sozusagen als Patron der Handschrift etabliert.

Es geht auch schneller

Im Alltag ist die Handschrift immer noch wichtig: Notizen, Einkaufszettel, To-Do-Listen, Familienkalender in der Küche, die Weihnachtskarte, der Liebesbrief, das Kondolenzschreiben – all das wird mit Hand geschrieben, weil es schneller geht oder einfach persönlicher wirkt.

Aber reicht das, um diese alte Kulturtechnik zu erhalten? In den USA ist die geschwungene Handschrift schon weithin aus den Schulen verschwunden. Als 2016 die Meldung durch die Medien geisterte, dass Finnlands Schulen das Schreiben von Hand abschaffen wollten, schien das Totenglöcklein endgültig zu läuten. Die finnische Botschaft stellte klar: Nur die gebundene Schreibschrift werde aus den Lehrplänen entfernt. Druckschrift werde weiter unterrichtet.

Auch das lässt bei Bildungsforschern die Sorgenfalten wachsen. Marianela Diaz Meyer, Geschäftsführerin des Schreibmotorik Instituts in Heroldsberg, ist sich sicher: Es geht beim Handschreiben nicht nur um eine schöne, aber verzichtbare Kulturtechnik – sondern um Bildungschancen.

Sie verweist auf Erkenntnisse der Neurowissenschaft, dass das Schreiben mit der Hand die Entwicklung des Gehirns fördert. Auch die Bielefelder Graphologin Rosemarie Gosemärker bestätigt: „Die Erinnerungsleistung derer, die mit der Hand schreiben, ist erheblich besser. Das liegt daran, dass das Schreiben das Gehirn ganzheitlich aktiviert.“

Die Handschrift als Denkwerkzeug. Als Beispiel nennt Diaz Meyer den klassischen Spickzettel: Wer ihn von Hand geschrieben hat, muss ihn oft nicht einmal mehr benutzen, weil er sich den Inhalt bereits eingeprägt hat. Tippen gehe zwar schneller, hinterlasse aber im Gehirn weniger Spuren.

Früher lernten Grundschüler eine schöne Handschrift mit viel Drill. Noch vor den ersten Leseübungen wurden Tafeln und Hefte seitenweise mit geschwungenen Buchstaben gefüllt.

Heute lernen Kinder meist gleichzeitig lesen und schreiben – zuerst mit Druckbuchstaben. Erst dann üben sie Schreibschrift.

Zwar sieht die Kultusministerkonferenz vor, dass die Kinder nach der Grundschule eine „lesbare und flüssige Handschrift“ haben sollen. Die Realität sieht aber anders aus.

Feinmotorische Verarmung

2016 ermittelte das Schreibmotorik Institut, dass mehr als 96 Prozent der Eltern das Schreibenlernen mit der Hand noch für wichtig halten. Über 23 Prozent der Eltern stellten allerdings fest, dass ihre Kinder Probleme haben, mehr als 30 Minuten am Stück zu schreiben. Vier Fünftel (79 Prozent) der Lehrer an weiterführenden Schulen meinten, die Handschrift ihrer Schüler habe sich im Schnitt verschlechtert. 83 Prozent der Grundschullehrer gaben an, dass sich die Kompetenzen, die Schüler für die Entwicklung der Handschrift mitbringen, verringerten.

Die Rede ist von einer feinmotorischen Verarmung. In Tests zeige sich, dass viele Erstklässler nicht einmal in der Lage seien, eine handelsübliche Knetstange weich zu kneten oder feinere Schneideaufgaben zu machen, sagt die Nürnberger Bildungsforscherin Stephanie Müller und verweist darauf, dass eine Hand ein hochkomplexer Apparat mit über 30 Muskeln ist, dessen Steuerung gelernt sein muss.

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Kommentar

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