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Panorama
Donnerstag, 26. April 2018 16° 3

Gesellschaft

Das Grab muss Richtung Mekka liegen

Mehr Muslime lassen sich in Deutschland begraben. Bestattungen ohne Sarg werden aber zum Beispiel in Bayern nicht akzeptiert.

Alijah Dzananovic, Imam beim Islamischen Kulturzentrum der Bosniaken in Berlin, steht mit Trauernden beim Totengebet. Muslime lassen sich in einem Leinentuch bestatten, was in Deutschland nicht auf allen Friedhöfen genehmigt wird. Foto: Christoph Soeder/dpa

Berlin.Eigentlich sollte die Beisetzung längst begonnen haben. Doch auf dem Friedhof im Berliner Bezirk Spandau muss eine Trauergemeinde aus Bosniern warten. Unterschriften fehlen. Die Friedhofsverwaltung sei unsicher, ob das Grabfeld bereits bezahlt wurde. „Das ist reine Schikane“, sagt Isikali Karayel. Deutsche müssten nicht im Voraus bezahlen.

Der Berliner Bestatter Karayel hat sich auf muslimische Beerdigungen spezialisiert. Meistens laufe alles problemlos ab. Für Friedhofsverwaltungen sei es längst kein Problem mehr, dass er seine Toten im Leinentuch anstatt im Sarg unter die Erde bringt. Ansonsten störten sich seine Kunden aber auch nicht groß an einem Sargbegräbnis. „Im Islam ist lediglich vorgeschrieben, dass die Bestattung einfach sein muss. Ohne Schnickschnack – ob mit oder ohne Sarg.“

Keine Ausnahmen in Bayern

Laut dem Zentralrat der Muslime in Deutschland entscheiden sich Hinterbliebene immer häufiger dafür, Verstorbene in Deutschland beerdigen zu lassen. „Viele Muslime haben nur noch lose Verbindungen zu der Heimat ihrer Vorfahren“, sagt Sprecher Zakaria Said. Für die kommenden Jahre rechnet der Verein mit einer steigenden Zahl muslimischer Bestattungen. „Muslime leben mittlerweile in dritter Generation in Deutschland und die Zahl älterer Muslime steigt“, sagt Said. Nach den jüngsten Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge lebten Ende 2015 mehr als vier Millionen Muslime in Deutschland.

Ihr prozentualer Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt damit etwas über fünf Prozent. In dem multikulturellen Berlin hat sich die Zahl muslimischer Bestattungen innerhalb von zehn Jahren fast verdoppelt. Ließen sich 2006 laut der Senatsverwaltung für Umwelt rund 170 Menschen auf muslimischen Grabfeldern beerdigen, waren es 2016 bereits mehr als 330. Auf fünf Friedhöfen wurden Gräber mit Ausrichtung nach Mekka geschaffen. Auf allen sind sarglose Bestattungen möglich.

„Das wird ein Friedhof, der sich sehen lassen kann.“

Mohammad Abu Dahab, stellvertretender Vorsitzender des Trägervereins Muslimische Friedhöfe Wuppertal

Den deutschlandweit ersten Friedhof in muslimischer Trägerschaft soll es bald in Wuppertal geben. „Das wird ein Friedhof, der sich sehen lassen kann“, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Trägervereins Muslimische Friedhöfe Wuppertal, Mohammad Abu Dahab, der Deutschen Presse-Agentur. Doch noch fehlen dem Verein knapp 400 000 Euro. „Muslime könnten auch etwas mehr spenden.“

2014 änderte NRW sein Bestattungsgesetz. Als bislang einziges Bundesland können Kommunen Errichtung und Betrieb von Friedhöfen seitdem an gemeinnützige Religionsgemeinschaften oder religiöse Vereine übertragen, wenn sie den dauerhaften Betrieb des Friedhofs sicherstellen können. Bislang war die Trägerschaft von Friedhöfen nur öffentlich-rechtlichen Körperschaften gestattet. Diesen Status haben muslimische Verbände bislang nicht verliehen bekommen. „Wir blicken in vielen Bundesländern auf eine positive Entwicklung, die es Muslime in Deutschland ermöglicht, bestattet zu werden“, sagt der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek. Keine Ausnahme von der Sargpflicht macht allerdings Bayern. Nach Angaben des bayerischen Innenministeriums gibt es in vielen Gemeinden muslimische Grabfelder auf den Friedhöfen – bestattet wird jedoch nur im Sarg. „Es ist ein herber Rückschlag für die deutschen Muslime in Bayern gewesen“, sagt Mazyek, „dass die CSU unter Horst Seehofer im vergangenen Dezember gegen eine sarglose Bestattung gestimmt hat.“

Die Frauen bleiben auf Distanz

Auf dem Berliner Friedhof Gatow im Bezirk Spandau hat die Beerdigung nach 20 Minuten begonnen. „Im Namen des Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen“, betet der Imam vor dem Grab auf Arabisch. Er möge den Verstorbenen zu sich nehmen. 15 Männer haben sich vor dem Geistlichen versammelt. Sie fahren sich mit den Händen durchs Gesicht, beugen ihre Köpfe bis zum Boden. Die Frauen warten in einiger Entfernung.

Nach der Beisetzung zieht der Trauerzug entlang muslimischer Grabsteine mit arabischen Schriftzügen zurück zur Pforte. Auf einem freien Feld hat ein Bagger ein Loch ausgehoben. „Da erweitern sie“, sagt Karayel und zeigt in Richtung des Feldes. Sein Handy klingelt. Er nimmt ab und wird hektisch. „Wir müssen uns etwas beeilen. Die nächste Bestattung wartet.“ (dpa)

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Tendenz steigend

  • Der Vorsitzende des Zentralrats

    der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Bestattung nach islamischem Ritus bei gleichzeitiger Einhaltung der deutschen Gesetze sei ein „starkes Zeichen“ dafür, dass Muslime und der Islam zu Deutschland gehörten. Nicht nur in Berlin nehmen muslimische Bestattungen jährlich zu.

  • So haben sich

    in Nordrhein-Westfalen Bestattungen nach islamischem Ritus von 2011 bis 2016 in nahezu allen größeren Städten verdoppelt.

  • auch in Baden-Württemberg und Hessen. In Frankfurt/Main ließen sich 124 Muslime im vergangenen Jahr bestatten. 2015 waren es noch 104. (dpa)

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