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Soziale Netzwerke

Datenschutz: Das Leben der Anderen

In der Datenschutz-Debatte fehlt Social-Web-Experte Markus Glaser ein Aspekt: Wie gehen wir mit Privatem von Freunden um?
Von Katharina Kellner

Tratsch und Gerüchteküche gibt es im Leben wie auf Facebook. Wer ein paar Regeln befolgt, hilft, seine Freunde zu schützen. Foto: Mascha Brichta/dpa
Tratsch und Gerüchteküche gibt es im Leben wie auf Facebook. Wer ein paar Regeln befolgt, hilft, seine Freunde zu schützen. Foto: Mascha Brichta/dpa

Regensburg.Das ist der Klassiker, sagt Markus Glaser: Ein Nutzer hinterlegt sein Geburtsdatum nicht auf Facebook. Aber ein Blick auf die Pinnwand genügt, um herauszufinden, wann der Geburtstag mit hoher Wahrscheinlichkeit ist: Der Tag, an dem viele Gratulationen kommen. Wer ein Profil nach Privatem überprüft, der freut sich über die Information, die so einfach zu haben ist.

Markus Glaser befasst sich mit der Frage, wie Nutzer von sozialen Netzwerken – oft unbewusst – mit der Privatsphäre ihrer „Freunde“ umgehen. Die kann man schneller verletzen, als einem lieb ist, wie die Sache mit dem Geburtstag zeigt.

Auf das Thema gekommen ist Glaser, als er in einer Studie las, MySpace-Nutzer posteten dreimal so viele Fotos von anderen als von sich selbst. Der Geschäftsführer der Regensburger Firma „Hallo Welt!“, die Lösungen für interne Firmenkommunikation anbietet, fand das spannend. Er befragte in Interviews Nutzer sozialer Netzwerke darüber, wie sie mit eigenen Daten und denen befreundeter Nutzer umgehen. Für ihn kommt dieser Aspekt in der Diskussion um Privatsphäre und Social Media zu kurz: In Broschüren von Datenschutz-Initiativen lese er häufig Tipps wie: Sparsam sein mit Information, Privatsphäre-Einstellungen überprüfen. Über die Interaktion mit anderen Nutzern stehe da selten etwas. Dabei habe er „erstaunliche Dinge, die Leute über andere schreiben“ gefunden.

Wer kann sich nicht über ein bestandenes Abi freuen?

Grundsätzlich schätzt Glaser die Vorzüge des Social Web: „Es bringt Dir ja viel: Du bleibst mit Leuten in Kontakt, es ist unterhaltsam. Aber Du musst auch ein Stück von Dir mit reingeben. Wenn alle nur zuschauen, verliert das Netzwerk an Sinn.“ Wer mitmischen wolle, müsse abwägen: Das Agieren auf Facebook sei aus Sicht des Datenschutzes per se gefährlich. „Wo Daten erhoben werden, ist auch klar, dass sie verwendet, oder vorsichtig gesagt, auch kreativ verwendet werden.“ Was man als Nutzer aber tun könne, sei „die Auswertungsmöglichkeiten einzuschränken.“

Glaser sieht die Privatsphäre von Nutzern nicht nur durch Firmen bedroht, sondern auch im Zwischenmenschlichen. Zum Beispiel dort, wo es um Machtverhältnisse gehe wie dem zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Auch die Mutter, die das Krankheitsbild ihres Kindes postet, um zu fragen: ‚Kennt jemand einen guten Arzt?‘, verletzt die Privatsphäre des Kindes. Auch emotionale Beziehungen „von Liebe bis hin zu krassem Streit“ würden im Netz ausgetragen. Da komme es vor, dass ein Mensch etwas über einen anderen herausfinden wolle, um ihm zu schaden. In diesem Graubereich – dem, „was im echten Leben Klatsch, Tratsch und Gerüchteküche ist“, könnten Verletzungen der Privatsphäre nicht gesetzlich geregelt werden, sagt Glaser. Dies müsse über Normen und Sensibilisierung passieren.

Allerdings kann man anderen sogar schaden, wenn man nur eine Information über sich selbst weitergibt. Glaser nennt ein Beispiel: „Nach der Abi-Prüfung schreiben aus einer Klasse mit 20 Leuten 18 auf Facebook: ,Juhu, ich habe bestanden.‘ Dann ist es plausibel, dass die beiden, die sich nicht äußern, durchgefallen sind.“ Solche Rückschlüsse seien auch im echten Leben häufig – bei einer größeren Gruppe müsse der Staat oder die Gesellschaft für geeignete Anonymisierungsverfahren sorgen. Bei einer lokalen Gruppe wie den Abiturienten könne es eine „lokale Gruppenethik“ richten. Dabei ist es nur menschlich, dass man über seine Erfolge berichten will. Glaser hat aus den Nutzerinterviews gelernt, dass viele für Reputation sogar freiwillig ein Stück Privatheit aufgeben.

Vier Punkte nennt der Experte, die man im sozialen Netzwerk beherzigen sollte: Sich erstens die Auswirkungen auf die Reputation eines anderen zu überlegen, bevor man Daten poste. Und es im Zweifelsfall lieber sein zu lassen. Zweitens: Klare Identifikation zu vermeiden: Keine Namen, keine Gesichter ohne Erlaubnis, keine Fragen wie „Hast Du eigentlich morgen Geburtstag?“ Das hilft bei der Identifizierung. Wer das Foto einer Person, die auf einem Partybild betrunken unter dem Tisch liegt, mit ihrem Namen tagged, mache es der Suchmaschine denkbar einfach. Drittens: Wenn mir etwas nicht passt, was ein Freund gepostet hat, sollte ich ihn darum bitten, zu löschen. Umgekehrt: Dem Betroffenen eine Chance zum Eingreifen zu geben: „Um Einverständnis fragen oder jemanden aufmerksam machen ist schon besser, als einfach zu posten.“

Man schaut nicht bei anderen ins Wohnzimmer

Viertens sieht Glaser unter Freunden eine Art „Fürsorgepflicht“ gegeben. Wer etwas Problematisches sehe, sollte andere darauf aufmerksam machen oder selbst eingreifen. „Es gibt Leute, die glauben, weil sie selber nicht auf Facebook sind, weiß Facebook nichts über sie. Das ist ein Irrglaube.“

Aus vermeintlich harmlosen Informationen könne, wer es darauf anlege, Intimes wie Arbeitsstelle, Gehalt oder Krankheiten herausfinden. Sogar dann, wenn ein Nutzer unter Pseudonym schreibe. „Das wird bei Big Data immer wieder als Problem analysiert: Du hast mehrere überlappende Datensätze und machst es immer plausibler, dass es sich um ein- und dieselbe Person handelt. Drei Anhaltspunkte wie gleicher Name, gleicher Wohnort und gleiche Vorlieben machen das schon sehr wahrscheinlich.“

Glaser wünscht sich, dass sich im Social Web ein allseits akzeptierter Verhaltenskodex etabliert, wie es ihn im echten Leben gibt: In der Übereinkunft, dass man anderen Menschen nicht ins Wohnzimmer starrt. Auch dann nicht, wenn keine Gardinen an den Fenstern sind. Wer es mache und dann erzähle, die Nachbarn schauten jeden Sonntag den „Tatort“, schade seiner eigenen Reputation. Nicht alles, was möglich ist, muss man auch tun.

Markus Glaser

  • Der Regensburger

    ist geschäftsführender Gesellschafter bei „Hallo Welt“. Die 2007 gegründete Firma ist ein Dienstleister im Bereich Wikis und Social Web.

  • Glaser war

    bis vor kurzem Präsidiumsmitglied der Wikimedia Deutschland. (kk)

Lesen Sie dazu auch, wie Marc Zuckerberg nach dem Datenskandal weitermachen und noch mehr Daten sammeln will.

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