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Forschung

Den Schönen liegt die Welt zu Füßen

Schön ist, was von der Allgemeinheit als schön empfunden wird. Perfekte Proportionen lassen einen Menschen attraktiv wirken.
Von Heike Sigel

Heidi Klum Foto: dpa
Heidi Klum Foto: dpa

Regensburg.Schönheit liegt im Auge des Betrachters, heißt es. Schließlich findet jeder etwas anderes schön: Kurze Haare, lange Haare, kleine Brüste oder große Busen, blaue oder braune Augen. Alles reine Geschmackssache. Wirklich? Mitnichten! Dass Schönheit keineswegs nur im Auge des Betrachters liegt, gilt in der Attraktivitätsforschung längst als ausgemacht. Wissenschaftler haben bewiesen, dass in der Gesellschaft ein extrem breiter Konsens darüber vorherrscht, was als attraktiv wahrgenommen wird und was nicht. Merkmale, die auf Jugendlichkeit und Gesundheit schließen lassen, symmetrische Gesichter und schlanke Körper zählen demnach zu den wichtigsten Schönheitsmerkmalen unserer Zeit. Und noch etwas ist Fakt, wenn man den diversen Studien glauben darf: Schöne Menschen haben es im Leben wirklich leichter. Hübsche Babys werden öfter geknuddelt, attraktivere Kinder bekommen bessere Noten und schöne Menschen besser bezahlte Jobs. Außerdem werden ansehnliche Menschen auch noch für intelligenter, freundlicher, fleißiger und ehrlicher gehalten. Kurz: Diskriminierung aufgrund des Aussehens ist weiter verbreitet, als vielen bewusst ist.

Schönheitsideale sind immer auch ein Spiegel der Gesellschaft

Entsprechend zählen ästhetisch-chirurgische Eingriffe, die ein jüngeres, gefälligeres und auch fitteres Aussehen herstellen sollen, inzwischen zu den gefragtesten Leistungen in der ästhetischen Medizin. Wir leben in einem multimedialen Zeitalter, das Internet vergisst kein hässliches Selfie, und außerdem will niemand zum alten Eisen gehören. Also ab zum Schönheits-Doc, und alles wird gut? „Die Nachfrage nach Schönheits-OPs steigt zwar ständig an, aber, dass die Leute von einer Schönheitsoperation zur anderen pilgern, das kann ich nicht bestätigen“, relativiert Professor Dr. Dr. Lukas Prantl. „Die meisten Patienten sind gut informiert und haben keine unrealistischen Wünsche, sondern wollen sich nach einer Operation einfach wohler und attraktiver fühlen.

„Die Nachfrage nach Schönheits-OPs steigt zwar ständig an, aber, dass die Leute von einer Schönheitsoperation zur anderen pilgern, das kann ich nicht bestätigen.“

Prof. Dr. Dr. Lukas Prantl

Die sind nach einer Schönheits-Operation unendlich dankbar, freuen sich sichtlich über ihr neues Körpergefühl und sind wirklich völlig glücklich.“ Der Direktor der Klinik für Plastische und Ästhetische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Caritas Krankenhaus St. Josef und Universitätsklinikum Regensburg kann auf eine jahrelange Erfahrung mit Schönheitsoperationen bauen, er ist Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) und hat unter anderem eine Studie zum Thema „Das Schönheitsideal im 21. Jahrhundert“ verfasst. Von einem ausufernden „Schönheitskult“ in unserem Jahrhundert spricht Professor Prantl darin nicht, wohl aber von übereinstimmenden Attraktivitätsmerkmalen, die sich in den letzten Jahrzehnten herausgebildet haben.

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In einer eigenen Untersuchung hat Prantl beispielsweise die ideale Augenbrauenform bei Frauen unter die Lupe genommen. Fazit: Bogenförmige und schmale Augenbrauen mit einem Maximum in der Mitte à la Greta Garbo sind out. Heidi Klums Augenbrauen sind in. Die sind relativ tiefliegend, steigen nach außen hin zu zwei Dritteln an und fallen dann ein Drittel ab. Vor allem junge Leute fanden die tiefer liegenden Brauen besonders attraktiv. Woher gerade diese Präferenz kommt, ist wissenschaftlich nicht wirklich zu erklären. Andere Schönheitsideale dagegen, schreibt Prantl, spiegeln immer auch die in der jeweiligen Gesellschaft herrschenden Machtverhältnisse wider. So wurde gebräunte Haut erst in den 60er Jahren zum Schönheitsattribut, als die besser verdienenden Kreise das Mittelmeer als Urlaubsziel entdeckten. Und auch die Verbreitung „verwestlichter“ Augenlider in asiatischen Ländern, die zunehmenden Nasenoperationen im arabischen Raum sowie die Vorliebe vieler Afroamerikaner für geglättete Haare beweisen den Einfluss von sozioökonomischen Faktoren in der Attraktivitätswahrnehmung.

Ein erfolgreiches Model muss heute unbedingt groß und schlank sein

Eine Korrektur der Augenstellung, informiert Professor Prantl, sei heutzutage „keine große Operation mehr“. Als schön gelte es, die Augenachse nach außen leicht anzuheben, um den sogenannten „Jaguarblick“, wie ihn zum Beispiel auch Melania Trump hat, zu simulieren. „In Kombination mit einer Ober- und Unterlidstraffung mache ich das heutzutage fast routinemäßig“, sagt der Chirurg. Gleichzeitig betont Prantl, dass bei einer derartigen OP immer auch die optimalen Proportionen im Gesicht oder am Körper des Patienten gewahrt werden müssen. „Das Schwierigste an der Sache ist, dass man es so perfekt hinkriegt, dass alles optimal passt – von der Narbe über die Form.“

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Hauptsächlich in den westlichen Industrienationen, in denen es paradoxerweise immer mehr übergewichtige Menschen gibt, gilt Schlankheit seit Jahrzehnten als schön. Das war früher anders, wie Gemälde aus vergangenen Jahrhunderten beweisen. Im Barock zum Beispiel galt Körperfett noch als Statussymbol. Das perfekte Model im 21. Jahrhundert dagegen muss nach wie vor unbedingt groß und schlank sein. „Ich weiß, das hört sich jetzt sicher ziemlich oberflächlich an, aber ,groß und schlank‘ ist einfach das gängige Schönheitsideal in der Modefotografie“, sagt Andreas Fuchs, Modefotograf aus Regensburg und inzwischen auch international unterwegs. Er fotografiert Modestrecken und macht sogenannte „Sedcard-Shootings“ mit Models, die sich mit seinen Fotos dann bei renommierten Agenturen vorstellen. Ein gutes Model, so Fuchs, müsse sich vor der Kamera nicht nur gut bewegen können, sondern auch wandelbar sein. „Kleine Makel, wie die Zahnlücke bei Lara Stone oder auch Cindy Crawfords Muttermal können im Model-Business aber manchmal sogar ein Vorteil sein“, weiß Fuchs.

„Kleine Makel, wie die Zahnlücke bei Lara Stone oder auch Cindy Crawfords Muttermal können im Model-Business aber manchmal sogar ein Vorteil sein.“

Andreas Fuchs

Trotzdem: Das Streben nach makelloser Schönheit nimmt in unserem Jahrhundert inzwischen merklich an Fahrt auf. Professor Prantl berichtet von einer Studie des Kosmetikunternehmens „Clinique“, nach der jede zweite koreanische Frau eine Schönheitsoperation durchführen lassen würde. „In England interessiert sich ein Drittel der Frauen ernsthaft für Schönheitsoperationen. Ähnliche Ergebnisse erzielte die Umfrage bei italienischen und deutschen Kundinnen. Und in den USA sind derartige Operationen längst zu einem Statussymbol geworden“, sagt der Chirurg.

Die Regensburgerin Micaela Sabatier kann das Schönheitsideal „groß und dünn“ nur bestätigen. Sabatier kennt das Modebusiness wie kaum eine zweite. Zwischen ihrem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr arbeitete sie selbst erfolgreich als Model.

Model Heidi Klum Foto: dpa
Model Heidi Klum Foto: dpa

Mit ihrer Firma „The Show“ organisiert Sabatier seit über 25 Jahren Fashion-Shows für namhafte Kunden wie Adidas oder Triumph, und seit ein paar Monaten arbeitet sie als Brand Director für die Modefirma Strenesse New GmbH. „In den letzten Jahren waren die Models extrem dünn und jung. Früher gab es ungefähr zehn Topmodels, heute ist ein viel schnellerer Wechsel zu spüren“, stellt die Fachfrau fest. Laut Micaela Sabatier kommt es bei der Auswahl des perfekten Models immer auf den Auftraggeber an. Wäschefirmen beispielsweise buchen Mädchen mit runden Gesichtern und sinnlichen Körpern. Sabatier: “Die Models müssen für einen solchen Auftrag auf jeden Fall Körbchengröße 75 B haben.“ Design-Firmen setzen vermehrt auf große und androgyne Typen, während Sportmode überwiegend von Models mit athletischen Körpern mit weniger Oberweite präsentiert wird. Bei der Haute Couture gilt: „Sehr groß, sehr dünn, klassisches Gesicht.“

Perfekte Proportionen bestimmen den Grad der Attraktivität

Wie auch Professor Lukas Prantl, so achtet auch Micaela Sabatier auf perfekte Proportionen. „Wichtig bei der Auswahl meiner Models sind auch schöne Haare, gepflegte Zähne, ein guter Ausdruck – und Natürlichkeit“, ergänzt sie. „Man muss einfach auch sehr fotogen sein. Filmstars zum Beispiel sehen in Wirklichkeit oft ganz anders aus, weil sie vor der Kamera einfach wahnsinnig fotogen sind.“ Viele Schönheitsideale von früher seien auch heute noch gültig. „Brigitte Bardot oder Sophia Loren zum Beispiel sind immer noch schön.“ Das Schönheitsideal des 21. Jahrhunderts werde weniger von der Biologie als von kulturellen oder gesellschaftspolitischen Einflüssen geprägt, glaubt die Regensburgerin. Obwohl Micaela Sabatier viel mit attraktiven Menschen zu tun hat und genau weiß, dass mithilfe des passenden Models auch die Mode und viele andere Produkte viel besser und schneller an den Konsumenten gebracht werden können, geht die Schönheit eines Menschen für sie doch viel weiter als bis zum nächsten Hochglanzfoto. „Seine Ausstrahlung, sein Charisma, sein Standing und sein Selbstbewusstsein machen einen Menschen attraktiv“, sagt Sabatier und fügt an: „Ein lachender und offener Mensch gewinnt sofort sehr an Attraktivität.“ In der Attraktivitätsforschung ist Schönheit pragmatisch definiert: „Schön ist, was die Allgemeinheit als schön bezeichnet“, lautet hier die Devise.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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