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Wissenschaft

Der Elternliebe auf der Spur

180 Forscher aus aller Welt diskutieren in Regensburg darüber, welche neurobiologischen Prozesse im Gehirn von Müttern und Vätern ablaufen.
Von Louisa Knobloch, MZ

  • Bestimmte Hormone sorgen dafür, dass nach der Geburt mütterliches Verhalten initiiert wird – bei Mensch und Tier. Foto: Marius Becker/dpa
  • Menschen-Mütter haben in der Stillzeit eine geringere Stressreaktion und sind entspannter, haben die Forscher herausgefunden. Foto: Patrick Pleul/dpa
  • Prof. Dr. Inga Neumann organisiert die Konferenz in Regensburg. Foto: privat

Regensburg. Es ist ein ganz besonderer Moment: Ein Geburtshelfer legt der Mutter ihr Neugeborenes auf die Brust, damit sie es zum ersten Mal stillen kann. Neun Monate lang haben die Eltern auf diesen Augenblick gewartet. Intuitiv kümmern sie sich nun um ihr Baby. Gesteuert werden diese Verhaltensweisen von unserem Körper, der gezielt Hormone und andere Botenstoffe ausschüttet. „Das mütterliche Gehirn verändert sich in der Zeit um die Geburt enorm“, sagt Prof. Dr. Inga Neumann vom Lehrstuhl für Neurobiologie und Tierphysiologie der Universität Regensburg. So sind zum Beispiel das Angstverhalten und die Stressanfälligkeit bei der Mutter in dieser Zeit reduziert.

„Damit wird in der späten Schwangerschaft der Embryo vor Stresshormonen geschützt, die ihn in seiner Entwicklung beeinträchtigen könnten“, so Neumann. Die Veränderung der Stressantwort schützt aber auch das mütterliche Gehirn – die starke Schwankung des Spiegels der Sexualhormone Östrogen und Progesteron vor, während und nach der Geburt könnte sonst zu psychischen Erkrankungen wie einer postpartalen Depression führen. Viele Frauen kennen das prämenstruelle Syndrom, das zu Stimmungsschwankungen führen kann und ebenfalls durch Änderungen im Hormonspiegel während des Zyklus der Frau ausgelöst wird.

Negative Erfahrungen haben Folgen

Mit den neurobiologischen Prozessen, die im Gehirn von Eltern ablaufen, beschäftigen sich derzeit rund 180 Experten aus aller Welt bei der „5. Parental Brain Conference“ in Regensburg. Die Wissenschaftler diskutieren unter anderem darüber, wie wichtig ein positives soziales und emotionales Umfeld für die Entwicklung und das spätere Verhalten des Nachwuchses ist und welche Folgen sexueller Missbrauch und emotionale oder kognitive Vernachlässigung haben. „Solche negativen Lebenserfahrungen können diese Menschen langfristig traumatisieren“, sagt Neumann. Sie können dann später schlechter Stress bewältigen und haben ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen. „Frühe traumatische Erfahrungen hinterlassen im Gehirn dauerhafte ,Narben‘ in Form von epigenetischen Veränderungen“, sagt Neumann.

Während der Geburt wird Oxytocin ins Blut freigesetzt. Der Name des Hormons – er bedeutet im Griechischen „schnelle Geburt“ – deutet schon seine Funktion an. Unter anderem unterstützt Oxytocin die Wehentätigkeit. Parallel dazu wird Oxytocin während der Geburt aber auch im Gehirn freigesetzt, und zwar in den Regionen, die mütterliches Verhalten beeinflussen. Greift der Mensch in diese natürlich ablaufenden Prozesse ein – etwa indem ein Geburtstermin mit Kaiserschnitt festgelegt wird, ohne das natürliche Einsetzen der Wehen abzuwarten – könnte dies Einfluss auf die Mutter-Kind-Bindung haben. „Darüber wissen wir aber noch zu wenig“, sagt Neumann. Fragen wie diese sollen bei dem Kongress diskutiert werden.

Vater-Kind-Bindung ist wichtig

Es gibt auch Fälle, in denen das mütterliche Verhalten nicht wie vorgesehen bei der Geburt initiiert wird. „Im schlimmsten Fall kommt es zu einer postpartalen Depression“, sagt Neumann. Dabei kann die Mutter keine Liebe für das Kind entwickeln und keine Bindung zu ihm aufbauen, fühlt sich überfordert und hilflos. Diese Krankheit sei nicht nur für die Mutter schlimm, sondern auch für das Kind, das keine enge emotionale Bindung erfahre. Auslöser für eine solche Depression nach der Entbindung kann eine genetische Vorbelastung sein, aber auch erschütternde Ereignisse während der Schwangerschaft wie der Verlust eines nahen Angehörigen.

Bei der Konferenz geht es aber nicht nur um die Mütter, sondern auch um die Väter. Der Titel – in den Anfangsjahren noch „Maternal Brain Confernce“ – wurde daher geändert. „Auch der Vater baut eine starke Bindung zu dem Kind auf, die der der Mutter sehr ähnlich ist“, sagt Neumann. Die Wissenschaftler wollen herausfinden, welche Veränderungen sich im väterlichen Gehirn abspielen. So zeigen Studien, dass auch beim Vater der Oxytocin-Spiegel steigt, wenn er sich intensiv mit dem Kind beschäftigt.

„Für das Kind ist die Vater-Kind-Bindung ebenfalls entscheidend“, so Neumann. Das hätten Experimente mit Degus (Strauchratten) gezeigt. Bei diesen Nagetieren kümmern sich wie beim Menschen in der Regel Mutter und Vater um den Nachwuchs. Nahmen die Forscher den Vater weg, beeinflusste das die geistige Entwicklung der Nachkommen.

Die Ergebnisse aus den Tierversuchen sind Neumann zufolge durchaus auf den Menschen übertragbar. Die fundamentalen neurobiologischen Mechanismen seien vergleichbar, dieselben Hormone des Blutes und Botenstoffe des Gehirns würden ausgeschüttet. Auch Menschen-Mütter haben zum Beispiel in der Stillzeit eine geringere Stressreaktion und sind entspannter. „Im Unterschied zu Tieren können wir jedoch basale Verhaltensweisen zum Teil auch rational beeinflussen.“ Im Tierreich leben Jungtiere oft gefährlich, wenn das Muttertier einen neuen Partner hat. Männliche Löwen oder Gorillas und Schimpansen fressen den Nachwuchs ihres Vorgängers beispielsweise auf, um sicherzustellen, dass ihr eigenes Erbgut weiterverbreitet wird. So martialisch geht es beim Menschen nicht zu: Patchwork-Familien werden immer häufiger – ein gutes Verhältnis zu den Kindern des Partners ist hier Voraussetzung für ein Funktionieren der Beziehung.

Doch tief in unseren Genen sind noch alte Verhaltensmuster verankert – etwa das sogenannte Fremdeln. „Sehr kleine Kinder haben vor allem vor bärtigen Männern Angst“, sagt Neumann. Ein fremder Mann, der bei der Mutter auftaucht, könnte schließlich Gefahr bedeuten.

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