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Panorama
Dienstag, 18. September 2018 28° 1

Psychologie

Der Frühling erwacht – auch in uns

Psychologe und Therapeut Sebastian Sonntag mit seinen Gedanken über Stille und Kräfte, die mit dem Frühling nun kommen.
Von Sebastian Sonntag

Die ersten Anzeichen für den Frühling gibt es schon. Foto: Viktor/Stock Adobe
Die ersten Anzeichen für den Frühling gibt es schon. Foto: Viktor/Stock Adobe

Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte…“ Welcher Schüler ist dem entkommen, diese bekannten Verse von Eduard Mörike auswendig lernen zu müssen? In jedem Fall dürften alle zumindest diese ersten Zeilen des Gedichtes fürs Leben behalten haben. Das ist heute ja schon viel.

Wie auch immer. Meist wurden solche Gedichte ja eh durch den Lehrplan in diese Jahreszeit verlegt. So werden doch die meisten solche schulischen Erlebnisse unwillkürlich mit den Gefühlen verbinden, die der Frühling einfach mitbringt. Es wird wenige geben, die völlig unbeeindruckt und unempfindlich sind für all das, was der Wechsel der Jahreszeiten mit sich bringt. Wie die Dunkelheit, Nässe und Kälte der spätherbstlichen und winterlichen Monate das Gemüt beschweren und niederdrücken können, so kann umgekehrt durch die Wärme, das Licht und die Frische der Frühlingswochen die Seele hell und heiter werden.

Das Aufwachen und Erwachen der Natur bewusster erleben

Kein Wunder, dass so viele Dichter von dieser Jahreszeit ganz besonders inspiriert wurden zu wundersamen und herzerwärmenden Worten. Auch wenn manche etwas weniger prosaisch die andere Wirklichkeit dieser frühen Monate sehen können, wie etwa nüchtern-humorvolle Bauernregeln: „Wer im April schon liegt im Freien, wird’s bald darauf bestimmt bereuen.“ Um dieses Aufwachen und Erwachen der Natur bewusster zu erleben, muss man auch nicht unbedingt im Freien liegen. Es genügt vollkommen, sich Zeit zu nehmen, vor die Türe zu treten und einfach die Augen und Sinne offen zu halten, für das, was geschieht. Oft in so stiller und sachter Weise.

Da bricht durch brettharten Boden so bescheiden und doch ungemein kraftvoll ein Nest von Schneeglöckchen oder die Spitze einer Krokusblüte. Und ganz besonders beeindruckend sind für mich der Anblick und die Bilder von Pflanzen, die sich nicht einmal von Steinhalden oder sogar Teerdecken abhalten lassen, sich ans Licht zu kämpfen. Brauchen wir eigentlich noch lange spirituelle Anweisungen und Belehrungen über wichtige Lebenshaltungen und Verhaltensweisen, wenn wir uns solchen Betrachtungen der frühlingshaften Natur ausliefern? „Naturale Meditation“ nannte dies einmal der Autor eines gleichnamigen Buches: Er bringt darin das Beispiel eines kleinen Kindes, das mitten im Spaziergang mit Mama und Papa plötzlich stehen bleibt, weil es den Blick auf etwas wirft, was für die meisten Erwachsenen völlig belanglos und unbedeutend wäre. Zum Beispiel so ein hervorbrechendes Pflänzchen oder einen Käfer oder einen Schmetterling. Und dieser Autor versucht dort fast händeringend die Erwachsenen zu warnen, jetzt bitte nicht in irgendwelche kluggemeinten Bemerkungen und Erklärungen dem Kind gegenüber zu verfallen. Nein, gerade in solchen Momenten sollten wir dem Kind dieses wunderbare Staunen wortlos lassen und sein wahrhaftes Meditieren nicht stören.

Unser Experte

  • Autor unserer Sonntags-Gedanken:

    Sebastian Sonntag ist Dipl.-Psychologe, Dipl.-Theologe, Paar- und Familientherapeut, Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis in Amberg und Supervisor für Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen in bayerischen Diözesen.

  • Themen:

    Neben eigenen Themen aus den Bereichen Ehe und Familie, Fragen aus dem Lebensalltag und der gesamten Palette der psychologischen Themen einer psychotherapeutischen Praxis, nimmt er in die Reihe gerne Fragen von Lesern auf. Wir behandeln Ihr Anliegen vertraulich. Schreiben Sie einfach eine E-Mail an:

  • sonntag@mittelbayerische.de

Das Wort Jesu kommt mir da in den Sinn: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…“ Ja, das Himmelreich könnte hier wirklich so etwas sein wie der Raum, in dem wir wieder zum Staunen, zur wirklichen Be-Wunder-ung zurückkehren könnten. Dann könnte sich unser oft so eingeengter Begriff von „Wunder“ erweitern. Dann würden wir unter „Wunder“ weniger die Bedeutung von Ereignissen verstehen, die gegen jegliche Naturgesetze erfolgen, sondern mehr in dem Sinn von Erscheinungen, die eben in und mit der Natur sich so wundersam zeigen. In manchen Lebenssituationen könnten wir aus solchen stillen Betrachtungen der frühlingshaften Natur vielleicht ähnliche innere Vorräte sammeln wie die berühmte Maus Frederick aus dem nicht nur Kindern vertrauten Bilderbuch. Sie hatte ja so wundersame Dinge gesammelt wie Farben, Wörter und Sonnenstrahlen, mit denen sie den anderen arbeitsamen Mäusen die dunkle Zeit des Winters verzauberte.

Die zunehmende Helligkeit und Wärme ist eine wichtige Hilfe

Es ist ja bekannt, dass für viele von depressiven Stimmungen geplagten Menschen diese Zeit der erwachenden Natur, der zunehmenden Helligkeit und Wärme eine wichtige Hilfe und Stütze sein kann, aus ihrem Tief leichter herauszukommen.

Wenn man sich dazu noch diese Muse gönnt, in so vielen kleinen Bewegungen und Entwicklungen in der Natur etwas zu erkennen, was auch auf unser menschliches Leben zu übertragen ist, dann hätte man vielleicht noch bewusster Lebenshilfen zur Hand. Zum Beispiel dieses Vertrauen, dass aus noch so dürrem Holz neues Leben wieder aufbricht. Dass sich so viele kleine Pflänzchen durch nichts abhalten lassen und hartnäckig den Weg zum Licht und zur Wärme suchen. Und dass auch trotz noch so bitteren Frosts und Kälte das Leben nicht erloschen ist, sondern nach dieser harten Phase so sicher wieder aufbricht. Wie viele Trauernde und vom Schicksal Geplagte brauchen diese Zuversicht, dieses Zutrauen, dass es wieder herausgeht aus dem Dunkel und dem Schweren. Und vor allem eines kann uns hier die Natur lehren. In einem schönen, toskanischen Spruch wird uns so absolut verständlich und nachvollziehbar deutlich gemacht, dass wir nicht herumkommen, etwas zu lernen: Geduld und Vertrauen. Dort heißt es:

„Du kannst noch so oft an der Olive zupfen, sie wird deshalb nicht früher reif!“ Verstehen kann man es sehr leicht. Es zu leben, ist was anderes.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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