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Panorama
Mittwoch, 19. September 2018 31° 1

Interview

„Der Jugend fehlt die Liebe zur Sprache“

Heute schon ein Gabelfrühstück genossen? Autorin Petra Cnyrim sprach mit uns über fast vergessene Sprachschätze.
Von Heike Sigel

Die Kommunikation hat sich in den letzten Jahren drastisch gewandelt. Das hat auch Auswirkungen auf unsere Sprache. Foto: Fabian Sommer/dpa
Die Kommunikation hat sich in den letzten Jahren drastisch gewandelt. Das hat auch Auswirkungen auf unsere Sprache. Foto: Fabian Sommer/dpa

Frau Cnyrim, warum sollte man alte Begriffe „aufheben“?

Weil die zum Teil sehr charmant sind. Zumindest charmanter als das, was man heutzutage benutzt.

Können Sie uns ein Beispiel geben?

„Blümerant“ ist zum Beispiel so ein Wort, das heute kein Mensch mehr benutzt, das aber viel Charme hat. Heute sagt man: „Boah, mir geht’s schlecht, mir ist komisch.“ „Mir ist so blümerant zumute“ dagegen klingt viel bildhafter und schnörkeliger.

Auf Schnörkeleien legen die Leute in Zeiten von Twitter ja eher gar keinen Wert mehr …

… natürlich darf man sich vor Änderungen nicht verschließen. Unsere Sprache befindet sich nun einmal im ständigen Wandel. Das finde ich auch völlig in Ordnung. Trotzdem ist es schade, dass schöne Umschreibungen und Wörter mit uralter Herkunft und bildhafter Beschreibung oft durch relativ platte Anglizismen abgelöst werden.

Da fällt mir spontan der Begriff „Gabelfrühstück“ aus Ihrem Buch ein. Das würde man heute wohl als Snack bezeichnen?

Genau. Oder als Brunch. Dieses Wort ist in einem völligen Anglizismus aufgegangen. Snack oder Brunch bedeuten zwar dasselbe, sind aber irgendwie ein bisschen lieblos. Bei einem „Gabelfrühstück“ dagegen stelle ich mir vor, wie sich die Leute damals getroffen haben, um einen kleinen Happen, gereicht auf einer Serviette, zusammen zu essen. Jeder hatte eine kleine Gabel in der Hand und man hat beim Essen ein kleines Pläuschchen gehalten. Ein Snack dagegen zeigt, wie die heutige Zeit ist. Da geht man schnell irgendwo hin, isst was, und ist gleich wieder weg.

Und warum bleibt uns für einen kleinen Ratsch, wie wir in Bayern sagen, heutzutage weniger Zeit?

Bei jungen Leute im Teeniealter fällt mir extrem auf, dass moderne Kommunikationsarten wie WhatsApp deren direkte zwischenmenschliche Kommunikation beinahe komplett unterbinden. Eine Freundin hat mir erzählt, dass ihre Kinder nebeneinander auf der Couch sitzen und sich WhatsApp-Nachrichten schreiben. Auf das gesamte soziale Miteinander haben die modernen Kommunikationswege eine enorme Auswirkung.

Es muss alles immer schneller, möglichst neutral und effektiv passieren. Unsere Sprache passt sich dieser Lebensweise an

... und damit ja auch auf unsere Sprache. Fällt Ihnen ein Begriff aus Ihrem Buch ein, der inzwischen komplett von einem Anglizismus abgelöst wurde?

Ja, der sogenannte „Stutzer“. Das war der Begriff für einen Modenarren, der ein bisschen übertrieben, affektiert und auch peinlich war. Heutzutage sagt man zu so jemandem „Poser“.

Wird unsere Sprache ärmer?

Sie passt sich der Zeit an, indem sie immer pragmatischer wird. Es muss alles immer schneller, möglichst neutral und effektiv passieren. Unsere Sprache passt sich dieser Lebensweise an.

Die Deutschen galten ja lange als das „Volk der Dichter und Denker“. Sind wir das noch, ein Volk der Dichter?

Gute Frage. Es gibt bei uns bestimmt noch viele Poeten, Dichter und Denker. Ich will da wirklich niemandem etwas absprechen. Aber ich denke schon, dass es sprachtechnisch – im Vergleich zur Romantik – etwas dünn geworden ist. Wir sind eher das Volk der Fleißigen und Effektiven. Im Alltag ist es manchmal schlimm, was man so hört. Allein wegen der vielen Abkürzungen. Die Kinder sagen zum Beispiel „lol“ (steht für den englischen Begriff „laugh out loud“, Anm. d. Red.) zueinander, wenn sie etwas witzig finden. Als ich das zum ersten Mal hörte, musste ich wirklich nachdenken, was dieses Kind mit dem Begriff überhaupt sagen wollte. Da kann man nicht mehr wirklich von Sprache reden.

Wie gut kennen Sie alte Wörter? Testen Sie hier Ihr Wissen:

Sie sind zwar keine Sprachwissenschaftlerin, arbeiten aber als Autorin tagtäglich mit Ihrer Muttersprache. Was bedeutet Sprache für Sie persönlich? Ist sie vielleicht auch ein Stück Heimat?

„Die Kinder sagen zum Beispiel ,lol’ [...] Da kann man nicht mehr wirklich von Sprache reden.“ (Petra Cnyrim) Foto: Daniel Reinhardt/dpa
„Die Kinder sagen zum Beispiel ,lol’ [...] Da kann man nicht mehr wirklich von Sprache reden.“ (Petra Cnyrim) Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Zum einen ist Sprache für mich ein Kommunikationsmittel. Zum anderen ist sie aber auch ein Kulturgut, das auf jeden Fall erhaltens- , aber zumindest erinnerungswert ist. Deshalb habe ich ja auch das „Buch der leider vergessenen Wörter“ geschrieben. Und ja, Sprache ist auch Heimat. Das wiederum hat dann viel mit den jeweiligen Dialekten zu tun. Aber Dialekte sterben ja leider auch immer mehr aus.

Gibt es ein Wort aus Ihrem Buch, das Sie besonders liebgewonnen haben?

Sehr nett finde ich „fringsen“, diesen umgangssprachlichen Begriff, den man in der Nachkriegszeit für das Stehlen verwendet hat. Das Wort entstand mehr oder weniger unfreiwillig durch die von Kardinal Joseph Frings gehaltene Silvesterpredigt aus dem Jahre 1946. Die in der Nachkriegszeit entstandene Not der Bürger veranlasste viele dazu, lebensnotwendige Dinge wie Nahrungsmittel oder Heizmaterial zu stehlen. So war zu dieser Zeit der Raub von Kohle aus Zügen oder Lastwagen oft die einzige Möglichkeit, sich selbst und die Familie durch den Winter zu bringen. Die zu diesem Thema gehaltene Silvesterpredigt des Kardinals stellte den Diebstahl der Kohle als teilweise notwendiges Übel der Zeit dar. Durch die Unterversorgung der Bevölkerung und die schlechte Lage auf dem Arbeitsmarkt sei es zur Erhaltung des eigenen Lebens ein verständlicher Vorgang, würde man sich die Versorgung mit dem Notwendigsten ergaunern. Die Rede verbreitete sich in der Bevölkerung rasend schnell und schon kurz darauf sprach man allgemein vom „Fringsen“, wenn man sich Dinge habhaft machte, ohne dafür zu bezahlen – kurz, wenn man stahl. Der Begriff hat sich sehr lange gehalten, obwohl der Kardinal mit seiner Predigt auf keinen Fall einen Freibrief für das Stehlen geben wollte.

Wenn Sie in die Zukunft blicken: Was ist Ihr Wunsch für die deutsche Sprache?

Ich wünsche mir vor allem das Interesse der jungen Leute dafür, wie sich unsere Sprache entwickelt und wie sie sich verändert hat. Jemand, der sich für etwas interessiert, der schaut dann auch genauer hin. Im Moment ist unsere Sprache für Viele ein pragmatischer Durchlaufposten, der jedes halbe Jahr durch irgendwelche Abkürzungen beschleunigt und erneuert wird. Kurz: Mir fehlt bei der Jugend die Liebe zu unserer Sprache.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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