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Gesundheit

Der Kampf um den Sauerstoff

Millionen Deutsche leiden unter Atemaussetzern, die ihnen den Schlaf rauben. Das Uniklinikum bietet eine neue Therapie.
Von Julia Weidner

Das ist die erste Station bei Schlafapnoe-Patienten: Im Schlaflabor wird gemessen, wie oft bei ihnen der Atem aussetzt. Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa
Das ist die erste Station bei Schlafapnoe-Patienten: Im Schlaflabor wird gemessen, wie oft bei ihnen der Atem aussetzt. Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa

Regensburg.60 Mal pro Stunde wacht Klaus Schuberth in der Nacht auf und schnappt nach Luft. Immer wieder wird sein Körper im Schlaf mit zu wenig Sauerstoff versorgt. Dann zuckt er kurz, holt aktiv Luft – und fällt wieder zurück in seinen Schlaf.

Klaus Schuberth leidet an Schlafapnoe. Bei dieser Krankheit erschlafft im Schlaf die Muskulatur im Schlund, dadurch fällt die Zunge zurück und blockiert den Atemweg. So kommt es zu Atemaussetzern mit zu schwacher Sauerstoffzufuhr – und das in Schuberths Fall fast minütlich.

Jetzt gibt es am Uniklinikum in Regensburg für Patienten wie ihn eine neue Therapiemöglichkeit. Eine Therapie mit einer Schlafmaske ist gescheitert. In Frage kam lange nur eine aufwendige Kiefer-OP, bei der der Kieferknochen durchtrennt und nach vorn verlagert wird. Bis Dr. René Fischer, HNO-Arzt am UKR, Anfang 2018 einem anderen Patienten den ersten Zungenschrittmacher in Regensburg einsetzte. Dieses High-Tech-Gerät besteht aus einem Pulsgenerator und einer Elektrode. Sie gibt in der Nacht Impulse an den Zungennerv ab, damit sich die Muskulatur dort zusammenzieht und so die Atemwege frei bleiben. Und auch Klaus Schuberths Zungenschrittmacher wurde am Montag aktiviert.

Dr. René Fischer führt die Implantierung des Zungenschrittmachers am Uniklinikum in Regensburg durch. Foto: Weidner
Dr. René Fischer führt die Implantierung des Zungenschrittmachers am Uniklinikum in Regensburg durch. Foto: Weidner

„Aktuelle Studien gehen davon aus, dass über zwölf Millionen Deutsche unter Schlafapnoe leiden, und die Dunkelziffer ist hoch“, sagt Dr. Fischer. Er bietet gemeinsam mit Oberärztin PD Dr. Veronika Vielsmeier das neuartige Therapieverfahren für Schlafapnoe-Patienten am UKR an. Das Problem bei der Erkrankung liegt darin, dass die Betroffenen bislang durch die Atemaussetzer ständig in der Tiefschlafphase aufgeweckt werden. Dadurch fehlen vielen Organen, vor allem dem Herz dringend benötigte Ruhepausen. „ Die Auswirkungen für die Betroffenen reichen von Tagesmüdigkeit bis hin zu Bluthochdruck, der wiederum einen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellt“, erklärt Dr. Fischer.

Zu müde für den Job

Diese Tagesmüdigkeit erschwerte auch Klaus Schuberth über fünf Jahre lang den Alltag. „Ich war Geschäftsmann, habe zahlreiche Mitarbeiter und hohe Umsätze verantwortet“, erzählt er. Durch die andauernde Müdigkeit konnte er sich kaum konzentrieren und fühlte sich nicht mehr fähig, seine Arbeit anständig zu erledigen. „Mir blieb nichts anderes übrig, als zurückzutreten“, sagt er.

„Wenn der Körper sich nicht erholen kann, wird des gefährlich.“

Dr. René Fischer, Arzt in der HNO-Heilkunde am UKR

Auch Fischers erster Zungenschrittmacher-Patient hatte aufgrund der Tagesmüdigkeit Probleme, seinem Beruf wie gewohnt nachzugehen. Benedikt Herrmann ist Lkw-Fahrer in einem Transportunternehmen. Er kam Anfang des Jahres selbst ins Schlaflabor ans UKR, weil er sich den ganzen Tag über schlapp und müde fühlte und in diesem Zustand nicht mehr weiter seinen Beruf ausführen wollte. Auch bei ihm wurde eine schwergradige Erkrankung festgestellt, bis zu 46 mal setzte die Atmung pro Stunde im Schlaf aus.

„20 bis 30 Prozent der Verkehrsunfälle in Deutschland entstehen durch Müdigkeit von Kraftfahrern“, sagt Fischer. Deswegen habe gerade in diesem Berufsfeld eine Schlafapnoe fatale Folgen. Ähnlich wie Klaus Schuberth vertrug er die Schlafmaske nicht – und musste auf eine alternative Therapiemöglichkeit hoffen.

Maske stört viele Patienten beim Schlafen

Bis zu diesem Jahr wurden Schlafapnoe-Patienten in Regensburg vorrangig mittels Positivdrucktherapie (cPAP) über eine Atemmaske therapiert. Sie hält mittels eines erzeugten Überdrucks die oberen Atemwege in der Nacht offen. Viele Patienten kommen mit dieser Maske im Schlaf aber nicht klar. Dr. René Fischer kann das nachvollziehen und bietet deswegen seit diesem Jahr den Zungenschrittmacher als neuartige Option an.

„Das soll jedoch nicht bedeuten, dass jeder Patient hierfür geeignet ist und wir sofort jedem Patienten einen Schrittmacher implantieren können“, sagt Fischer. Zuerst wird weiter mit herkömmliche Methoden behandelt und diese auch ernsthaft probiert. Denn der Zungenschrittmacher und seine Implantation ist sehr teuer. Etwa 20 000 Euro zahlen die Krankenkassen pro Operation. Außerdem muss der Patient mehrere Voraussetzungen erfüllen. Diese sind einerseits anatomischer sowie funktioneller Natur, wie etwa der Art des Kollapses im Rachen, aber auch die körperliche Fitness spielt eine Rolle. So stellt die Gewichtsreduktion bei übergewichtigen Patienten einen weiteren Therapieansatz dar. Denn deutliches Übergewicht ist eine mögliche Ursache für ein Schlafapnoe-Syndrom.

Gemeinsam mit einem Schlafmediziner hat die MZ vier Schlafmythen unter die Lupe genommen:

Vier Schlafmythen unter der Lupe

Erste Erfolge durch die Therapie

Im Moment beobachtet Dr. René Fischer fünf weitere Patienten, die an einer schwergradigen Schlafapnoe leiden. Sie könnten die nächsten sein, denen die innovative Methode zu Gute kommt. Denn die ersten Ergebnisse sind laut Fischer „exzellent“. Bei Lkw-Fahrer Benedikt Herrmann sank die Anzahl der Atemaussetzer pro Stunde von 46 auf vier. Und auch Benedikt Herrmann selbst berichtet nur Positives. Er sei sehr zufrieden mit der Therapie und kann wieder ohne Probleme als Lkw-Fahrer arbeiten. Außerdem erzählt er, dass seine allgemeine Lebensqualität um ein Vielfaches gestiegen ist.

Auf ein solches Ergebnis hofft auch Klaus Schuberth. Die Implantation des Zungenschrittmachers hat er gut überstanden. Jetzt befindet er sich in der Phase, in der das Gerät auf ihn individuell eingestellt wird. Damit es ihm in Kürze endlich wieder einen erholsamen Schlaf beschert.

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