MyMz

nr. sieben

Der Klang der Persönlichkeit

Der Ton macht den Unterschied: Eine Stimme verrät mehr, als den meisten Menschen bewusst – und vielleicht lieb – ist.
Von Walter Schmidt

Bereits durch die Stimme nimmt eine Person Gestalt an. Beim Zuhörer entsteht ein Bild, das oft gar nicht so weit von der Realität entfernt ist.
Bereits durch die Stimme nimmt eine Person Gestalt an. Beim Zuhörer entsteht ein Bild, das oft gar nicht so weit von der Realität entfernt ist. Foto: Seraphim Vector/Fotolia

Regensburg.Sich für alle hörbar im Ton zu vergreifen, ist für keinen Menschen angenehm, doch für Ingwart Jung wäre es obendrein schlecht fürs Geschäft. Denn der 59-Jährige Trauerredner aus Ratingen bei Düsseldorf verdient seit fast zwanzig Jahren sein Geld damit, den richtigen Ton zu treffen – und dies vor erschütterten Hinterbliebenen, die gerade einen lieben Menschen verloren haben.

Für ihn geht es ganz besonders darum, mit seinen Worten Anklang zu finden, seinen Zuhörern aus dem Herzen zu sprechen und niemanden vor den Kopf zu stoßen. „Grundsätzlich ist der gute Ton für Trauerredner immer eine Gratwanderung“, weiß Jung. Dafür sei es nötig, „sehr sensibel“ zu sein, auch für verhaltene Signale der Trauernden. „Wenn es nicht spätestens nach ein paar Minuten mucksmäuschenstill ist im Raum, habe ich etwas falsch gemacht.“ Gute Trauerredner müssten „authentisch wirken“; sie dürften nicht unnatürlich ergriffen sprechen. „Wir sollten weder auf die Tränendrüse drücken, noch den Menschen mit Nachdruck ins Gewissen reden“, sagt Jung. Die Zuhörer hätten nämlich „ein feines Gespür dafür, ob der Redner sich auf sie persönlich einlassen kann“. Inwiefern das gelingt, hört Jungs Kundschaft besonders daran, wie er seine Stimme einsetzt.

Der hörbare Ausdruck der Persönlichkeit

Schwingungen der Stimmlippen im Kehlkopf vermitteln nämlich viel mehr, als den meisten Menschen bewusst ist. „Die Stimme ist der wahrscheinlich deutlichste Ausdruck unserer Persönlichkeit“, sagt der Kommunikationsforscher Walter Sendlmeier von der Technischen Universität Berlin (TUB), der sich ausgiebig mit der Psychologie des Sprechens befasst hat. Menschen besäßen „zuverlässige Sensoren“ für die Stimmen anderer.

7 unverkennbare Stimmen

  • Gert Fröbe:

    Einer der besten Bösewichte unter deutschen Schauspielern hat seine diabolische Wirkung auch der Stimme zu verdanken. Gert Fröbes (1919-1988) leicht sächselndes Organ klingt irritierend hell für den massigen Körper. Dazu muss man wissen: James Bonds „Goldfinger“ hat erst ab dem 40. Lebensjahr an Gewicht zugelegt.

  • Scarlett Johansson:

    Sie raunt, haucht, gurrt, umgarnt: Die herbe Stimme von Samantha ist das Zentrum des Spike-Jonze-Films „Her“. Der Held (Joaquín Phoenix) verliebt sich in eine körperlose Computerstimme allein aufgrund ihres Klangs. So etwas klappt nur mit Scarlett Johansson am Mikro.

  • Mario Adorf:

    Bei ihm stehen Stimme und Aussehen so im Einklang, dass man ihn sich kaum anders vorstellen kann als dunklen, kräftigen, schweren Mann. Adorf verkörpert seine Stimme und umgekehrt.

  • Cornelia Froboess:

    Zwischen „Zwei kleinen Italienern“, „Lulu“ an den Münchner Kammerspielen und der wunderbaren Luna beim „Bär im blauen Haus“ liegt die ganze Bandbreite ihrer rauen Stimme. Froboess kann frech, rotzig, herb und derb klingen. Oder warm kratzen, wie ein selbstgestrickter Wollpulli.

  • Til Schweiger:

    Ganz ehrlich: Seine Stimme ist gar nicht schön, das leicht gequetschte Genuschel eigentlich unerträglich. Aber genau deshalb macht auch sie Til Schweiger unverkennbar.

  • Mechthild Großmann:

    Mit fehlenden Stirn- und Kieferhöhlen begründet die Darstellerin der Staatsanwältin im Tatort aus Münster ihre tiefe Stimmlage. Dabei sind es doch die Zigaretten, Frau Klemm!

  • Michael Tregor:

    Einmal gehört, für immer im Ohr: Diese näselnde, surrende, hartnäckige Stimme mit ihrem etwas beleidigten Timbre darf manchmal Kulturbeiträge im Bayerischen Fernsehen schmücken. Ansonsten gehört sie dem nicht minder beeindruckenden Schauspieler Michael Tregor. (asa)

Bereits am Telefon malt unser Gehirn ein Bild vom Gesprächspartner, und das umso nachhaltiger, je öfter wir mit ihm oder ihr schon gesprochen haben. Wer beruflich im Kundenkontakt oder privat als Nutzer von Flirt-Hotlines einen Menschen längere Zeit nur am Telefon erlebt hat, der weiß, wie sehr es irritieren kann, irgendwann den echten Kerl oder die reale Dame zu treffen: „Der sieht so anders aus, als ich dachte“, heißt es dann.

Warum wir einem unbekannten Sprecher auf diese Weise Gestalt geben, weiß auch Walter Sendlmeier nicht. „Ich kann nur vermuten, dass wir so den fehlenden Augenschein, also das volle Erscheinungsbild eines Menschen, ergänzen wollen.“ Es spreche aber viel dafür, „dass uns das so schlecht gar nicht gelingt, denn sonst wären wir ja nicht irritiert, wenn wir danebenliegen“.

Intuitiv suchen wir in der Stimme unserer Mitmenschen auch nach anderen verwertbaren Zeichen – und werden sehr wohl fündig. Denn wie ein Mensch spricht, gibt ziemlich treffend Auskunft über seine Intelligenz, sein Alter und seine regionale Herkunft, außerdem über die Stimmung, also die Gefühle, die ihn gerade durchfluten, manchmal auch beherrschen.

So verrät der Klang eines Redners schon nach wenigen Worten, ob er ängstlich oder entschlossen, erregt oder gelassen, kompetent oder überfordert ist. Wenn bereits die Stimme Bände spricht, wird es sehr schwer, das Publikum noch vom Gegenteil zu überzeugen, es buchstäblich umzustimmen. Entweder die Stimme findet also auf Anhieb Anklang, oder wir drohen, unsere Zuhörer zu verlieren, womöglich sogar zu verstimmen.

Dass wir selbst einem fremden Menschen recht zuverlässig anhören können, wie er gestimmt ist, kann als Teil der angeborenen Überlebensvorsorge gelten. „Schon am Klang der Stimme abschätzen zu können, ob uns jemand eher feindlich oder aber wohlwollend gesonnen ist, war für unsere Vorfahren wichtig, um zu überleben“, sagt Sendlmeier. Wer die Stimmung seines Gegenübers innerhalb von Sekunden treffend beurteilen könne, schaffe es besser, sich rasch auf andere Menschen einzustellen, gerade auf unbekannte: Sind das wohl freundlich gesonnene Unterstützer oder doch eher gefährliche Konkurrenten um ein knappes Gut?

Die Stimmlage ist ein Indikator für die Gemütslage

Bereits Kinder hören an der jeweiligen Stimmlage, selbst nur bei einem kurzen Gruß, ob Vater oder Mutter gestresst von der Arbeit heimkehren oder ob die Eltern zugänglich sind für einen im Herzen getragenen Wunsch. Klingt der Papa etwa mürrisch oder ganz entspannt? Im ersten Fall wartet man lieber ab mit einer Bitte, bis wieder gute Stimmung herrscht.

„Angeboren ist auch, dass wir uns schon als Säuglinge eindeutig solchen Menschen lieber zuwenden, die uns mit einer vergleichsweise hellen Stimme ansprechen“, sagt Walter Sendlmeier. Vor lauten, dunklen Stimmen fürchten sich Babys schnell und beginnen zu weinen. Nicht umsonst verfügten Frauen als die traditionell primären Bezugspersonen von Neugeborenen über höhere Stimmen als Männer. Und die allermeisten Erwachsenen sprechen oder singen im Kontakt zu Säuglingen intuitiv höher als sonst: Sie gurren lieber, als mit Grabesstimme zu brummen: „Ei, was haben wir denn da für ein Schnuckelchen!“

Der Kniff dahinter: „Wenn ich mit höherer Stimme spreche, ohne dabei erschreckend laut zu werden, mache ich mich quasi kleiner vor dem Säugling und wirke deshalb weniger bedrohlich“, urteilt der Sprachwissenschaftler und Stimmtrainer Hartwig Eckert. Hingegen müsse man, um ein Kind in den Schlaf zu singen, die Stimme senken und vor allem leiser singen als normal. „Beides wirkt beruhigend.“ Bedrohliche Raubtiere oder andere grimmige Feinde klingen eben seit jeher anders.

Im Verein mit unserer Sprachfertigkeit ist die Stimme folglich eine der schärfsten Waffen im Überlebenskampf unserer Vorfahren gewesen. Ein ebenso intelligentes, aber bis heute nur grunzendes Säugetier hätte es niemals zur erdbeherrschenden Spezies gebracht, ganz gleich wie scharf seine Klauen, wie bedrohlich seine Zähne und wie gewaltig seine Körperkräfte gewesen wären.

Die eigene Sprechweise ist vertraut wie der eigenen Geruch

Dumm nur, dass viele Menschen nicht wissen, wie ihre Stimme auf andere wirkt. Auf keinem Gebiet des menschlichen Verhaltens klafften Selbst- und Fremdbild „so weit auseinander wie beim stimmlichen Ausdruck und den individuellen Sprechmustern“, sagt Hartwig Eckert. Das liegt zum Teil daran, dass man als Sprecher die Resonanz seines eigenen Schädels, den sogenannten Knochenschall, immer mithört. Die eigene Stimme aufzunehmen und dann abzuhören, kann deshalb verblüffen. Vor allem aber ist uns die eigene Sprechweise so vertraut wie unser Körpergeruch. „Wieso, ich rede doch ganz normal!“, entgegnet jemand, dem gerade mitgeteilt worden ist, er klinge ganz schon genervt.

Dass unsere Wortwahl beim Sprechen unverzichtbare Informationen über unsere Absichten und Meinungen liefert, liegt auf der Hand. Doch darüber, was wir fühlen, verrät unsere Stimme viel mehr. Die gleichen Worte können völlig Unterschiedliches ausdrücken, abhängig davon, in welcher Stimmlage man sie ausspricht und wie man sie betont: „Das ist ein MANN“, sagt die Mutter zu ihrem Kind und deutet im Bilderbuch mit dem Finger auf ihn. „DAS ist ein Mann!“, raunt die Frau ihrer Freundin zu, als ein sehr attraktiver Mann das Café betritt.

Obendrein spielt die Beziehung zwischen Sprecher und Angesprochenem eine große Rolle fürs Verständnis. „Wenn ein Freund mich beim Tennis mit einem Passierball austrickst und ich dann zu ihm ,Du kleines, mieses Arschloch!‘ sage, ist das etwas völlig anderes, als wenn ich diese Wörter gegen einen Fremden benutze“, erklärt Eckert. Aber auch dann muss die vermeintliche Schmähung situationsgerecht betont werden.

Die Betonung macht den Unterschied

Beim Sprechen gibt es mithin immer mehrere Kanäle, über die wir Informationen aussenden: die Wortwahl ist einer, die Stimmlage (hoch oder tief; rau oder sanft) ein weiterer, ein dritter die Betonung. So können wir durch abgehacktes Sprechen unseren Ärger verdeutlichen: „Ich-will-das-verdammte-Geld-jetzt!“ Der SPD-Haudegen Herbert Wehner setzte diese Masche als Redner im Bundestag ebenso virtuos wie penetrant ein, um sich noch mehr Gehör zu verschaffen.

Als Empfänger von Sprachbotschaften müssen wir also das wirklich Gemeinte genau heraushören können. Deshalb vertrauen wir als Zuhörer „immer dem Informationskanal, der sich am schwierigsten maskieren lässt“, sagt Eckert und liefert ein Beispiel. „Wenn ich nach Hause komme und meine Frau frage, ob es ihr gut gehe, und sie bejaht das mit einer dazu nicht passenden Stimmlage oder Betonung, dann werde ich nicht einfach darüber hinweggehen und ihr fröhlich vorschlagen, gleich gemeinsam etwas essen zu gehen.“ Das wäre unpassend, im Wortsinne nicht stimmig.

Glosse

Vielstimmig

Wenn ich mit fremden Menschen telefoniere, dann versuche ich dabei, freundlich zu lächeln. Das sieht der Gesprächspartner zwar nicht, aber – so habe ich...

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht