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Der rastlose Fußball-Weltreisende

Von Zwiesel bis Namibia: Torhüter Lutz Pfannenstiel hat auf allen sechs Kontinenten der Fifa gespielt – und legt nun seine Autobiografie vor.
Von Christian Putsch, MZ

  • Alltag eines Torhüters: Lutz Pfannenstiel holt nach einem Gegentreffer den Ball aus dem Netz. Fotos: privat

Johannesburg. Namibia, na und? Lutz Pfannenstiel versteht nicht, was an seinem neuen Aufenthaltsort ungewöhnlich sein soll. Es ist das 13. Land, in dem der Torwart aus dem Bayerwald Profifußball spielt. „Das ist für mich kein Kulturschock“, sagt der 36-Jährige, der 1996 schon mal bei den Orlando Pirates in Südafrika gespielt hat. „Das Gras, die Stadien, die Menschen: Es erinnert mich alles sehr an damals.“

Seit gut zwei Wochen lebt er nun hier, spielt für den Erstligisten Ramblers Club in der Hauptstadt Windhoek. Der 25. Verein seiner bewegten Laufbahn. Das Haus ist bezogen, das erste Spiel gespielt. Ehefrau Amalia ist zufrieden, ihre Tochter geht schon zur Schule. Er hat sein neues Leben betreten, als gebe es nichts Normaleres. Dabei hatte er zuletzt in Norwegen gespielt, sich im Winter durch Schneemassen gequält. Größer könnte der Kontrast kaum sein.

Ewiges Reisen als Normalität

Doch irgendwann wurde in Pfannenstiels Leben das ewige Reisen zur Normalität, das Verweilen zur Kuriosität. Als einziger Berufsfußballspieler überhaupt hat er auf allen sechs Kontinenten des Fifa-Weltverbands gespielt. Ein Rekord wohl für die Ewigkeit, einer der ungewöhnlichsten Lebenswege, die sein Heimatort Zwiesel im Bayerischen Wald mit seinen 12000 Einwohnern jemals hervorgebracht hat.

Nun erscheint seine Autobiografie. Ein bisschen früh für sein Alter, doch er hat mit 36 Jahren über mehr als die meisten im ganzen Leben zu berichten. Seit Tagen ist das Buch bei Amazon.de das meistverkaufte Fußball-Buch. Nicht schlecht für einen, der nie in einer Top-Liga Fuß fasste und seine Karriere überwiegend in kleinen Ligen wie in Singapur, Norwegen, Neuseeland oder Albanien verbracht hat. Und doch: Es sind gerade diese ungewöhnlichen Wege, abseits der von PR-Agenten und Sponsoren kontrollierten Bundesliga, die faszinieren.

Wie er auf diesen Pfad gelangt ist? „Ich hatte immer den Traum, Profi zu werden“, sagt Pfannenstiel, „und manchmal war ich auch etwas stur“. Er teilte seinen Traum in Zwiesel mit vielen Kindern, aber niemand war so besessen und überzeugt von seiner Realisierbarkeit. Der Ort profitiert im Winter von Ski-Touristen und Schnee – Pfannenstiel hat dieses Element gehasst. Wütend schippte er den Platz des SC Zwiesel frei, um sein Training durchzuziehen. „Es verging kein Tag ohne Fußball. Wirklich kein Tag“, schreibt Pfannenstiel, den weder Weihnachten noch eine Grippe stoppen konnten. Ebensowenig seine zunächst geringe Körpergröße. Mit 13 Jahren war er 1,60 Meter groß, zu klein für einen Torwart. Jede Woche maß er seine Größe am Türbalken. Als er irgendwann einen Wachstumsschub hatte, wurde er zunächst in die Bayernauswahl, dann in die U-17-Nationalmannschaft berufen.

Der Torwart schien auf dem Weg zu einer „normalen“ Karriere zu sein – wäre da nicht diese Ungeduld. Im Alter von 19 Jahren war Pfannenstiel bei Bayern München als erster Torwart fürs Amateur-Team im Gespräch, ein optimales Sprungbrett. Doch Pfannenstiel, bis dahin beim Viertligisten 1. FC Bad Kötzting unter Vertrag, wollte kein Amateur mehr sein – und ging für ein monatliches Gehalt von 5000 US-Dollar in die erste malaysische Liga. Damit war er nicht unbedingt auf dem Radar der internationalen Fangemeinde. Aber im Profifußball.

Es folgte eine lange Odyssee. Pfannenstiel wurde von einem Talentspäher entdeckt und kam zunächst bei Reserveteams in der englischen Liga unter. Er witterte damals, Mitte der neunziger Jahre, seine große Chance. Doch anstatt ihn in die erste Mannschaft zu holen, liehen ihn seine Vereine Wimbledon AFC und Nottingham Forest beinahe im Monatstakt aus, immer dorthin, wo es gerade verletzte Torhüter gab. Er sei der „bezahlte Notnagel des englischen Fußballs“ gewesen, schreibt Pfannenstiel. Gut bezahlt, aber alles andere als glücklich.

Er ließ sich ein auf die Reise durch die unbekannte Welt der kleinen Ligen. In Finnland entdeckte er seine Liebe zu langen Zugfahrten durch die Wälder des Landes. „Meditationszüge“ nennt er das. Südafrika erlebte er 1996 beim Kult-Verein Orlando, kurz nach dem Ende der Apartheid – als einer der wenigen Weißen im Team.

101 Tage in Haft

In China aß er, ohne es zu wissen, während eines Trainingslagers Hundefleisch. „Es hat wie Rindfleisch ge-schmeckt“, sagt Pfannenstiel, den da-nach das schlechte Gewissen plagte: „Ich habe auf einem Tiermarkt einen Hund gekauft, der für den Kochtopf bestimmt war, und ihn laufen lassen.“

Man darf sich sein Leben nicht als unbeschwerte Abenteuerreise vorstellen. Eher als eine Achterbahnfahrt, eine voller Kontraste, Freude, Schmerzen. Wie so viele Lebensläufe eben, nur ungleich extremer. Seine größte Kulisse war im Iran mit fast 100000 Zuschauern, in England spielte er bei Nieselregen vor 50 Fans. Er hat einige der schönsten Flecken der Welt gesehen und einige der hässlichsten.

In Singapur zum Beispiel das Queenstown Remand Gefängnis, 2001 stehen 101 Tage Haft wegen angeblicher Spielmanipulation in seiner Vita – die Anklage basierte auf drei Spielen, in denen Pfannenstiel fehlerfrei gehalten hatte. Zwei Jahre später musste er nach einem Zusammenprall dreimal wiederbelebt werden.

Eine Mischung aus Neugier und Rastlosigkeit trieb ihn manchmal im Halbjahrestakt von Land zu Land. Das war abenteuerlich, wenn auch nicht immer einfach oder ertragreich. Und doch hat man nicht das Gefühl, dass er mit einem der Stars tauschen will.

Seine Karriere hat Pfannenstiel prägnant zusammengefasst: „Sie ist anders verlaufen, als ich mir das 1993 vorgestellt habe. Nicht besser. Nicht schlechter. Aber anders.“

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