MyMz

Beruf

Der Trend geht zum Multijobber

Aus Spaß an der Freude oder aus der Notwendigkeit heraus: Immer mehr Menschen gehen einem Zweiterwerb nach.
Von Tanja Rexhepaj

Wenn ein Job nicht reicht: immer mehr Menschen halten ausschau nach einem Zweitberuf.
Wenn ein Job nicht reicht: immer mehr Menschen halten ausschau nach einem Zweitberuf. Foto: dpa

Regensburg.Jeden Morgen pendelt Sonja Haun (Name geändert) von Norden kommend in den Landkreis Regensburg ein. Als medizinisch-technische Assistentin in der Radiologie bestimmen bildgebende Diagnoseverfahren ihren beruflichen Alltag, der seit Jahren geregelt in Teilzeit abläuft: Ihre Arbeitszeit liegt zwischen 8 und 13 Uhr am Vormittag; insgesamt leistet sie 20 Wochenarbeitsstunden. Seit einigen Monaten reicht das der 44-Jährigen jedoch nicht mehr. „Seit Kurzem bin ich alleinerziehend. Deshalb möchte ich finanziell unabhängig sein“, sagt die Mutter zweier Kinder im schulpflichtigen Alter. Mit einer Halbtagstätigkeit ist das nicht zu bewerkstelligen, also wollte Sonja Haun mehr arbeiten. „Dass ich in meinem Job als MTRA aufstocke, dazu war mein Arbeitgeber nicht bereit“, berichtet sie. Also musste ein Zweitjob her.

Die Zahl der Mehrfachbeschäftigten steigt

Wie Sonja Haun nehmen immer mehr Menschen in Deutschland neben ihrem Hauptjob eine weitere Beschäftigung auf. Wie viele es tatsächlich sind, darüber gibt es unterschiedliche Zahlen: Das Statistische Bundesamt „Destatis“, gibt die Zahl für das Jahr 2015 mit fünf Prozent oder rund zwei Millionen Menschen an. Im Arbeitszeitreport 2016 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, kurz BAuA, ist von sieben Prozent die Rede. Eines steht jedoch fest: Die Zahl der Mehrfachbeschäftigten ist stark steigend. Destatis gibt einen Zuwachs von 15 Prozent seit 2011 an. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) zählte im Jahr 2004 1,4 Millionen Mehrfachbeschäftigte und gibt ihre Zahl zum Stichtag 30. Juni 2014 mit 2,9 Millionen an. Die meisten Mehrfachverdiener (83,5 Prozent) üben nach Angaben der BA einen Mini-Job auf 450-Euro-Basis neben ihrer sozialversicherungspflichtigen Haupttätigkeit aus.

Das wollte Sonja Haun eigentlich auch. Doch: „Auf dem Land gibt es keinen Mini-Job“, sagt sie. Und: Da sie am Nachmittag ihre beiden Kinder zuhause betreuen muss, wäre sie auf einen Job in den Abendstunden angewiesen gewesen; „in der Stadt geht das ja, da kann man zum Beispiel in einer Kneipe bedienen, aber hier?“. Sonja Haun brauchte flexible Arbeitszeiten und wollte wegen der Kinder möglichst wohnortnah etwas finden. Schon immer hatte sie sich auch ehrenamtlich engagiert; sie ist es gewohnt, mehrere Dinge parallel zu bewältigen, hat organisatorisches Geschick – also machte sie sich im Nebenjob selbstständig. Ein Kleingewerbe für Dienstleistungen im medizinischen Bereich hat sie angemeldet. „Zwei, drei Aufträge für kleinere Praxen hatte ich schon“, sagt sie. Abends gegen acht Uhr, wenn die Kinder bereits im Bett sind, fängt ihr Zweitjob an. Bis zehn Uhr etwa investiert sie in den Aufbau ihres eigenen Unternehmens. Derzeit ist sie mit der Ausgestaltung eines Internetauftritts beschäftigt. Unterstützung bekommt sie von der Regensburger Servicestelle „Frau und Beruf“. Über den dort regelmäßig stattfindenden Gründerinnentag ist sie auf das Angebot aufmerksam geworden. Mit der Entscheidung, sich im Nebenerwerb selbstständig zu machen, ist Sonja Haun zufrieden. Ihr Arbeitgeber war damit einverstanden, und für sie ist es die beste Wahl, denn: „Oberste Priorität haben meine Kinder“.

„Ich bin jemand, der immer wieder eine neue Herausforderung sucht. Als Unternehmer habe ich eh kein klassisches Acht-Stunden-Denken.“

Frank Zimmermann, Selbstständiger Finanzdienstleister, Designer und Online-Versandhändler

Nicht alle Frauen jedoch haben den Mut zu so einem Schritt. Von den 14 Frauen, die sich innerhalb der vergangenen zwölf Monate mit Unterstützung von Doris Baruck, Leiterin der Servicestelle „Frau und Beruf“, und deren Mitarbeiterinnen neben ihrer Festanstellung für einen selbstständigen Nebenjob entschieden haben, gebe es lediglich zwei, die diesen Schritt letztendlich tatsächlich gegangen sind, um ihre Existenz und die ihrer Kinder zu sichern, sagt Doris Baruck. Weitaus größer ist die Zahl der Frauen, die einen Minijob aufgenommen haben: Nach Angaben von Robert Brüderlein, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Regensburg, waren zum 31.12.2015 im Agenturbezirk 60668 Personen geringfügig entlohnt beschäftigt, davon gut ein Drittel im Nebenjob. Der Frauenanteil dieser sogenannten Mini-Jobber beträgt laut Brüderlein 64,3 Prozent.

Vom Zuverdienst zur Notwendigkeit

Zu diesen zählt beispielsweise Lina Stadlmüller (Name geändert). Jeden Morgen zwischen vier und halbsechs macht sie ihre Tour durch Königswiesen und wirft in jeden Abonnentenbriefkasten eine druckfrische Ausgabe der Mittelbayerischen Zeitung. Seit 30 Jahren macht Lina Stadelmüller das nun schon. Angefangen als Austrägerin hat sie, als ihre Kinder noch klein waren. Damals sei das Zeitungsaustragen ein Zuverdienst zum Familieneinkommen gewesen – und praktisch, weil sie es zu einer Zeit erledigen konnte, in der die Kinder noch schliefen. Als die Kinder etwas größer waren, ist die gelernte Hauswirtschafterin aus dem Landkreis Regensburg auch wieder halbtags in ihren Job als Verkaufskraft in einem Bistro eingestiegen. Seit gut 20 Jahren macht sie die beiden Tätigkeiten parallel. Lange Zeit war der Austrägerjob einfach ein willkommener Zuverdienst für sie, doch inzwischen ist er zur Notwendigkeit geworden: „Seit ich alleine lebe, muss ich mir damit meinen Lebensunterhalt verdienen“, sagt sie. Da ihr Teilzeitjob im Bistro in wechselnden Schichten stattfindet, ist das für die Frau, die allmählich auf die Rente zugeht, alles andere als einfach. „Aus lauter Jux und Tollerei mache ich das alles bestimmt nicht“, sagt sie. Und über die Zeit in Rente macht sie sich auch Gedanken: „Ob es dann reichen wird?“

Rechtliches zum Nebenjob

  • Recht auf Nebenjob:

    Im Rahmen des Rechts der freien Berufsausübung hat jeder ein Recht auf einen Nebenjob, das heißt ein Arbeitgeber kann einen Nebenjob nicht generell verbieten. Dennoch gibt es einige Dinge, die beachtet werden müssen.

  • Das Arbeitszeitgesetz:

    Grundsätzlich darf eine maximale Gesamtarbeitszeit von 48 Wochenstunden nicht überschritten werden. Auch müssen vorgeschriebene Pausen eingehalten werden.

  • Konkurrenz:

    Der Zweitjob darf nicht in einem Konkurrenzbetrieb ausgeübt werden.

  • Krank:

    Wer im Hauptjob krankgeschrieben ist, darf in der Regel währenddessen auch dem Nebenjob nicht nachgehen.

  • Anforderungen:

    Die Arbeitsfähigkeit darf nicht unter dem Zweitjob leiden: Das Hauptarbeitsverhältnis darf nicht beeinträchtigt werden durch die Anforderungen des Nebenjobs.

„Der Hauptgrund für eine Mehrfachbeschäftigung ist bei über der Hälfte der Multijobber finanzieller Natur. Dabei geht es häufiger um einen Zuverdienst als um die Sicherung des Lebensunterhalts. Vor allem bei den Vollzeitbeschäftigten ist aber auch Spaß an der Tätigkeit ein häufiger Grund“, heißt es im BAuA-Arbeitszeitreport 2016. Und weiter: „Bei genauerer Betrachtung der Mehrfachbeschäftigten, die ihre Nebentätigkeit hauptsächlich aus Spaß an der Tätigkeit ausüben, zeigt sich, dass es sich dabei häufiger um Männer, Personen im Alter von 30 bis 55 Jahren und höher qualifizierte Personen handelt.“

In zwei Branchen unternehmerisch tätig

In diese Kategorie fällt Frank Zimmermann, 40 Jahre alt, seit 15 Jahren im Hauptberuf selbstständiger Finanzdienstleister in Regensburg. Seit gut einem Jahr hat er sich mit seinem Label Decihell, unter dem er selbst entworfene Businessklamotten für Rocker und Metalfans vertreibt, einen wiederum selbstständigen Nebenerwerb aufgebaut. „Ich bin jemand, der immer wieder eine neue Herausforderung sucht“, sagt Zimmermann. Um seine Hemden mit dem Devilhorn-Zeichen am Kragen an den Mann zu bringen, beginnt sein Arbeitstag nun ungefähr eine Stunde früher. „Da arbeite ich Bestellungen und Retouren ab, die am Vorabend eingegangen sind.“ Tagsüber ist er dann von seinem Büro aus für seine Kunden mit Finanzdienstleistungen da, und am Abend vom Sofa aus geht es wieder um www.decihell.com, den eigenen Online-Shop, über den er seine Kleidung verkauft. „Als Unternehmer habe ich eh kein klassisches Acht-Stunden-Denken“, sagt Frank Zimmermann, dem sein Zwölf-Stunden-Tag keine Mühe bereitet.

So verschieden die Motive sind, sich einen Zweitjob zu suchen, so vielfältig sind die Menschen und ihre Geschichten dazu – der Arbeitszeitreport 2016 spricht von einer „heterogenen Erwerbsgruppe“. Die einen sehen sich eher als Mehrfachbeschäftigte, die anderen als Multijobber. Jedenfalls steht fest: Eine Arbeit oder zwei oder gar drei kann nur dort ausgeübt werden, wo es auch Arbeit gibt. Die aktuelle Beschäftigungsstatistik zum Thema Mehrfachbeschäftigung der Bundesagentur für Arbeit gibt darüber Aufschluss: Die fünf Kreise mit den höchsten Mehrfachbeschäftigungsquoten sind Ravensburg, Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen, Miesbach und Oberallgäu. Sie alle weisen Werte von über 12,5 Prozent auf. In den ostdeutschen Kreisen Uckermark, Anhalt-Bitterfeld und in der Stadt Dessau-Roßlau gibt es relativ gesehen die wenigsten Mehrfachbeschäftigten, nämlich lediglich 3,4 Prozent.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

Aktuelles aus der Region und der Welt gibt es über WhatsApp direkt auf das Smartphone: www.mittelbayerische.de/whatsapp

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht