mz_logo

Panorama
Sonntag, 24. Juni 2018 18° 3

angeschaut

Die Charité unterm Hakenkreuz

Die zweite Staffel der historischen Krankenhaus-Serie setzt sich mit der Rolle der Ärzte im Nationalsozialismus auseinander.
Von Michael Heitmann, dpa

Artjom Gilz (l-r, spielt Artur Waldhausen), Mala Emde (spielt Anni Waldhausen), Ulrich Noethen (als Ferdinand Sauerbruch), Karl Max Einhäupl, der Vorstandsvorsitzende der Charité in Berlin, Frida-Lovisa Hamann (als Schwester Christel) und Jannik Schümann (spielt Otto Marquardt) am Set zur zweiten Staffel der ARD-Fernsehserie „Charité“ im ehemaligen St. Gabriel-Kloster. Foto: Michael Heitmann/dpa
Artjom Gilz (l-r, spielt Artur Waldhausen), Mala Emde (spielt Anni Waldhausen), Ulrich Noethen (als Ferdinand Sauerbruch), Karl Max Einhäupl, der Vorstandsvorsitzende der Charité in Berlin, Frida-Lovisa Hamann (als Schwester Christel) und Jannik Schümann (spielt Otto Marquardt) am Set zur zweiten Staffel der ARD-Fernsehserie „Charité“ im ehemaligen St. Gabriel-Kloster. Foto: Michael Heitmann/dpa

Prag. Es war erst ein Kloster und beherbergte dann die Hauptpostverwaltung. Nun wird in dem weiträumigen Backsteinbau im Prager Stadtteil Smichov die zweite Staffel der ARD-Serie „Charité“ gedreht. Die Flure wirken kahl und strahlen Krankenhausatmosphäre aus. Am Eingang hängt ein großes Schild „Anmeldung“, ein Pförtner weist wie in einem richtigen Spital den Weg.

Eine Treppe führt tief hinab in den Keller. Unter der Erde stehen im dämmrigen Licht Krankenbetten aus Metall. Wir befinden uns im Operationsbunker der Charité und schreiben die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Mehrere solcher Bunker wurden damals in Berlin gebaut, um auch während der Fliegerangriffe Patienten zumindest notdürftig behandeln zu können.

Ein Krankenzimmer am Set zur zweiten Staffel der ARD-Fernsehserie „Charité“ im ehemaligen St. Gabriel-Kloster. Foto: Michael Heitmann/dpa
Ein Krankenzimmer am Set zur zweiten Staffel der ARD-Fernsehserie „Charité“ im ehemaligen St. Gabriel-Kloster. Foto: Michael Heitmann/dpa

„Wir haben in Prag nach einem Ort gesucht, wo man möglichst kompakt viele Drehorte unterbringen kann“, erklärt Szenenbildner Thomas Freudenthal. Insgesamt gibt es in dem geplanten Sechsteiler 80 verschiedene Motive. Die Orientierung in den Gängen ist auch für die Schauspieler zu Beginn eine Herausforderung: „Ich habe mich auch schon fleißig verlaufen“, sagt Hauptdarstellerin Mala Emde – und lacht.

In der ersten Staffel von „Charité“ ging es um so hoch angesehene Persönlichkeiten aus dem 19. Jahrhundert wie den Arzt und Gesundheitspolitiker Rudolf Virchow. In der zweiten Staffel, deren Sendedatum noch nicht feststeht, tauchen die Macher in eines der dunkelsten Kapitel der Medizingeschichte ein. Sie zeigen die Charité im Nationalsozialismus.

Krankenhausutensilien liegen am Set zur zweiten Staffel der ARD-Fernsehserie „Charité“ im ehemaligen St. Gabriel-Kloster. Foto: Michael Heitmann/dpa
Krankenhausutensilien liegen am Set zur zweiten Staffel der ARD-Fernsehserie „Charité“ im ehemaligen St. Gabriel-Kloster. Foto: Michael Heitmann/dpa

Emde spielte bereits die Rolle der „Anne Frank“

An die Stelle der Krankenschwester Ida Lenze tritt die Medizinstudentin Anni Waldhausen als junge und starke Frauenfigur. Erst eine begeisterte NS-Anhängerin, stellt sie die Geburt ihres ersten Kindes mit einem Hydrocephalus, einem sogenannten „Wasserkopf“, vor schwere Entscheidungen. Soll sie ihr Baby einem Heim übergeben und damit dem sicheren Tod überlassen?

Anni-Darstellerin Mala Emde lobt die internationale Atmosphäre am Set in Prag – und dass Regisseur Anno Saul aufgeschlossen für ihre Vorschläge ist. „Wenn ich irgendwelche Ideen habe, die nicht im Drehbuch stehen, die ich mir überlegt habe, die der Rolle eine andere Facette geben, dann ist er dafür offen“, sagt die 21-Jährige. Sie hatte in dem Doku-Drama „Meine Tochter Anne Frank“ von 2015 das jüdische Mädchen gespielt.

Ulrich Noethen (in der Rolle des Ferdinand Sauerbruch) und Mala Emde (in der Rolle der Anni Waldhausen) im Gespräch Foto: Michael Heitmann/dpa
Ulrich Noethen (in der Rolle des Ferdinand Sauerbruch) und Mala Emde (in der Rolle der Anni Waldhausen) im Gespräch Foto: Michael Heitmann/dpa

Im Fokus steht eine ambivalente Persönlichkeit Charité-Geschichte

Versprochen wird eine Mischung aus Zeit- und Medizingeschichte. Im Fokus der Fernsehserie steht nicht zuletzt der Chirurg Ferdinand Sauerbruch. Seine Haltung zum nationalsozialistischen Regime sei sehr zwiespältig gewesen, sagt Professor Karl Max Einhäupl, heutiger Vorstandsvorsitzender der Charité. „Manches ist bis heute nicht restlos aufgearbeitet.“

Sauerbruch habe als Gutachter des Reichsforschungsrats Projekte unterschrieben und damit ermöglicht, die „in hohem Maße unethisch“ gewesen seien. Es sei aber auch bekannt, dass er einzelnen jüdischen Mitarbeitern beim Verlassen Deutschlands behilflich gewesen sei.

Sauerbruch galt damals als „König der Chirurgie“

Mit der Entwicklung der Unterdruckkammer hatte Sauerbruch die Operation am offenen Brustkorb begründet. Er wurde zu seiner Zeit als „König der Chirurgie“ gefeiert. Einerseits sehen manche Biografen ihm einen „schwankenden Bejaher des Nationalsozialismus“, andererseits war er selbst nie Mitglied der NSDAP.

Für Sauerbruch-Darsteller Ulrich Noethen ist es eine große Herausforderung, eine derart umstrittene Figur darzustellen. „Da kann man keinen freisprechen, man kann ihn aber auch nicht in Grund und Boden verdammen“, sagt der 58-Jährige.

Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité in Berlin, am Set zur zweiten Staffel der ARD-Fernsehserie „Charité“. Foto: Michael Heitmann/dpa
Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité in Berlin, am Set zur zweiten Staffel der ARD-Fernsehserie „Charité“. Foto: Michael Heitmann/dpa

„Die Charité hat in der NS-Zeit keine Ausnahme gemacht“

Von Hitlers Reichskanzlei mit dem Führerbunker war die Charité weniger als zwei Kilometer entfernt. Max de Crinis, Leiter der Psychiatrischen- und Nervenklinik, war an Planung und Organisation der Ermordung von Kranken und Behinderten durch die Nationalsozialisten beteiligt. Mehr als 170 jüdische Ärzte und medizinische Professoren wurden unmittelbar nach der Machtergreifung schnell und bereitwillig entlassen.

„Die Charité hat in der NS-Zeit keine Ausnahme gemacht“, sagt ihr heutiger Chef Einhäupl. Die Fernsehserie werde eine Diskussion über Medizin in Verantwortung entfachen – und Deutschland brauche eine solche Diskussion auch mehr als 70 Jahre nach Kriegsende noch.

Mehr aus der Welt von Film und Fernsehen erfahren Sie in unserer Rubrik „angeschaut“.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht