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Minenunglück

Die tiefen Narben von Soma

301 Bergarbeiter starben im Mai 2014 in einer Grube im türkischen Soma. Noch immer ist die Ursache des Unglücks ungeklärt.
Von Mirjam Schmitt, dpa

  • Viele Minenarbeiter haben das Unglück von Soma noch nicht verarbeitet. Foto: afp
  • Neben Trauer herrscht auch ein Jahr nach den Ereignissen noch Wut bei den Überlebenden, den Angehörigen und vielen Menschen, die die Regierungspartei mitverantwortlich für das Unglück und die mangelnde Aufarbeitung machen. Foto: afp

Istanbul.Geschlossene Räume und Dunkelheit lösen bei Ahmet Panik aus, das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Doch am Schlimmsten seien die Alpträume, sagt er. Dann sehe er seine toten Kumpel wieder vor sich und ihre rußverschmierten Gesichter. „Ich nehme Medikamente, sonst halte ich das nicht aus“, sagt er. „Ich kann auch nicht im Dunkeln schlafen.“ Seit einem Jahr leidet der 21-Jährige unter psychischen Problemen. Seit er geholfen hat, seine Kumpel aus dem Bergwerk in Soma zu bergen.

301 Menschen starben im Mai 2014 in der Mine Eynez in der Westtürkei. Das Bergwerk wird von der privaten Soma Holding betrieben und ist seit dem Unglück geschlossen. Wie genau es zu dem Unfall kam, ist bis heute ungeklärt. Durch einen Brandt trat giftiges Kohlenmonoxid aus. Das Gas ist tückisch – farb- und geruchslos. Die meisten Opfer erstickten.

Zur Zeit des Unglücks war Ahmets Schicht schon zu Ende. Als er von dem Unfall hörte, eilte er zur Mine, um zu helfen. Nun leistet Ahmet, der seinen richtigen Namen nicht preisgeben will, seinen Militärdienst ab. Sonst wäre er arbeitslos, wie die meisten, die in der Unglücksmine gearbeitet hatten.

Grubenunglück in der Türkei

Die Männer vertreiben sich die Zeit im Teegarten ihres Dorfes Kinik rund 20 Kilometer westlich von Soma. Aus dem Bezirk kommen die meisten Opferfamilien. Im Ort ist es ruhig, er liegt am Wegesrand zwischen Olivenbäumen. Doch die Idylle trügt. Das Unglück hat Narben hinterlassen. Zu den Erinnerungen kommt die pure Existenzangst. Es gibt keine Arbeit hier, außer in den Minen.

Den „Märtyrerfamilien“ zahlt der Staat eine Waisenrente – je nach Position des Verstorbenen nach Angaben der Familien umgerechnet 330 bis 660 Euro. Den Überlebenden zahlte die Firma ihr Gehalt nach dem Unglück zunächst weiter. Doch Ende vergangenen Jahres kündigte sie mehr als 2800 Kumpeln. Sie arbeiteten in der Unglücksmine Eynez oder anderen Minen der Firma, die inzwischen wegen Sicherheitsmängeln geschlossen wurden.

Arbeitslosengeld, je nach Arbeitsjahren umgerechnet etwa 300 Euro, zahlt der Staat nur sechs Monate. Danach müssen sich die Männer als Tagelöhner auf den Feldern verdingen. Das reicht kaum, um die Familie durchzubringen. Viele haben drei und mehr Kinder. „Man hat uns vergessen“, sagt einer. Ein anderer fügt hinzu: „Wir sind für die wie Taschentücher. Wenn sie uns nicht mehr brauchen, werfen sie uns weg.“

Bei dem Minenunglück starben 301 Arbeiter. Zum Jahrestag treffen sich Angehörige zur gemeinsamen Trauer. Foto: afp

Feti Akin, ebenfalls ehemaliger Kumpel in Soma, geht noch weiter. Die islamisch-konservative Regierungspartei AKP, die auch im Bezirk eine Mehrheit hat, sorge absichtlich dafür, dass die Männer aus Kinik keine neue Arbeit erhielten. „Es gibt genug Arbeit in anderen Minen. Aber sie stellen uns nicht an, weil wir mit den Medien gesprochen und die Arbeitsbedingungen kritisiert haben“, sagt der 43-Jährige. Die Minenbetreiber und die AKP, das ist für Akin und andere ein und dasselbe. Oft seien Bergleute aus Soma von ihren Vorgesetzten zu AKP-Wahlkampfveranstaltungen gebracht worden, berichten Arbeiter. Sie sollten dort der Partei zujubeln.

Ein Sprecher der Bezirksamtes Kinik der islamisch-konservativen AKP erklärte auf Anfrage, die verbliebenen Bergwerke hätten nicht genug Kapazität, um die entlassenen Kumpel anzustellen.

Als „Schicksal“, wie der damalige türkische Ministerpräsident und heutige Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, will Akin das Unglück nicht abtun. „Es gibt Verantwortliche und die müssen bestraft werden.“ Kurz vor dem Unfall reichte der Oppositionspolitiker Özgür Özel im April vergangenen Jahres einen Antrag im Parlament ein. Er wollte die Mine in Soma untersuchen lassen, denn es gab schon lange Hinweise auf Sicherheitsmängel. Die AKP lehnte den Antrag ab.

Die Gesetze sind nicht das Problem

Im September 2014 verabschiedete die Regierung dann doch ein Gesetz, das die Arbeitsbedingungen in den Minen verbessern soll. Nun haben die Kumpel zwei statt einen freien Tag pro Woche. Die Arbeitszeit sank von acht auf sechs Stunden. Die Organisation Human Rights Watch schreibt dazu in einem Bericht: „Das Problem sind nicht die Gesetze der Türkei, sondern der Mangel an deren Umsetzung.“

Seit April stehen nun 45 Angeklagte vor Gericht, darunter der Vorstandsvorsitzende der Firma. Die Staatsanwaltschaft sieht auch staatliche Kontrolleure in der Pflicht. Doch um Staatsbedienstete zu belangen, muss das zuständige Ministerium eine Einwilligung geben. Das sieht ein umstrittenes Gesetz mit der Nummer 4483 vor. Das Arbeitsministerium und das Energieministerium verweigerten jedoch nach Angaben der Anwältin Buket Olcay die Erlaubnis zur Ermittlung.

Später kassierte ein höheres Gericht die Entscheidung der Ministerien wieder ein. Dennoch ist keiner der Verdächtigen vor Gericht erschienen. Olcay, die einige der Opferfamilien vertritt, kritisiert, damit werde die Aufklärung des Unfalls massiv behindert.

Gewinn statt Arbeitssicherheit

Sami Yavuz, ebenfalls ehemaliger Arbeiter in Soma, fährt regelmäßig zum Prozess im westtürkischen Akhisar. Seine Jeans und Hände sind farbverschmiert. Er verdingt sich als Anstreicher für umgerechnet acht Euro am Tag, wie er sagt. Für ihn steht fest, dass die Betreiberfirma an der Arbeitssicherheit gespart hatte, um mehr Gewinn zu erwirtschaften.

„Wir haben unter ständigem Druck gearbeitet. Immer schneller musste es gehen. Unsere Mittagspause haben wir dort gemacht, wo wir gearbeitet haben. Unser Essen war rußverschmiert, aber das war denen egal.“ Auch Yavuz glaubt sich auf einer „schwarzen Liste“ von Arbeitern, die nicht mehr angestellt werden. Andere hätten Angst und unterstützten die AKP, um ihren Job nicht zu verlieren.

Zehn Jahre lang habe Yavuz bei der Soma Holding gearbeitet, erzählt er, und immer dieselbe Gasmaske getragen. Ob sie funktioniere, wisse er bis heute nicht. Wie viele andere Arbeiter erzählt Yavuz, dass es in der Mine kurz vor dem Unglück besonders heiß war. „Wir konnten unsere T-Shirts auswringen, so sehr haben wir geschwitzt“, sagt er. Seinen Vorgesetzten habe er Bescheid gegeben, doch die seien sauer geworden und hätten nur geantwortet: „Isine bak“ - „Kümmere dich um deine Arbeit“. „Hätten sie auf uns gehört, dann wäre der Unfall niemals passiert.“ (dpa)

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