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Katastrophe

Die Welt trauert im Internet

Nach dem Germanwings-Absturz haben Beileid und Mitgefühl das Netz überschwemmt. Doch Menschen brauchen auch Riten vor Ort.
Von Kim Alexander Zickenheiner, dpa

Der Twitter-Hashtag „#indeepsorrow“ ist aauf dem Display eines Smartphones unter einem Teil des Logos der Fluggesellschaft Germanwings abgebildet.
Der Twitter-Hashtag „#indeepsorrow“ ist aauf dem Display eines Smartphones unter einem Teil des Logos der Fluggesellschaft Germanwings abgebildet. Foto: dpa

Berlin.„Die unfassbare Tragödie lässt Worte versagen“, heißt es auf einer der vielen Facebook-Kondolenzseiten, die eigens nach dem Germanwings-Absturz eingerichtet wurden. Die Welt trauert öffentlich – im Internet. Nach der Katastrophe drücken unzählige Nutzer ihr Mitleid mit den Opfern in sozialen Netzwerken aus. Die Lufthansa stellt den Hashtag #indeepsorrow (in tiefer Trauer) zu ihren Auftritten, die Logos des Konzerns und anderer Airlines sind ergraut. Tokio Hotel, Boris Becker, Sarah Connor – auch Prominente tun ihre Trauer kund. Doch die Pixel-Kerze wird das Grablicht nicht ersetzen, sagen Experten – und für die Hinterbliebenen zählt vor allem eins: echter Trost.

Der Weg zum Tweet ist kurz

Dass dennoch so viele Menschen ihre Trauer online verkünden, liege auch an den niedrigen Hürden im Netz, sagt Internetsoziologe Stephan Humer. „Der Weg vom Nachrichtenportal zum Twitter-Post ist kurz. Eine Facebook-Seite ist schnell eingerichtet.“ Aber obwohl das Internet im Leben vieler Menschen fest verwurzelt ist, glaubt Humer nicht an feste soziale Konventionen dort – wie etwa den Umgang mit einem Trauerfall. „Ein Beileids-Kommentar ist ein Versuch, selbst mit einer solchen Nachricht umzugehen. Er kann aber auch schnell missverstanden werden.“ Denn oft sei Nutzern die Öffentlichkeit des Internets wenig bewusst, sagt Humer – bis Reaktionen von völlig Fremden kommen. „Viele Leute sehen es in der Regel als sehr abgeschlossenen Raum.“

Dort reicht die Trauer vom schnellen Eintrag mit wenigen Worten über Profilbilder mit brennenden Kerzen und Trauerflor bis hin zu ganzen Webseiten, die nur dem Gedenken gewidmet sind. Auf diesen virtuellen Friedhöfen können Nutzer Seiten aufsetzen, digitale Lichter entzünden und ihre Gedanken hinterlassen – normalerweise für liebe Verstorbene, nun aber auch häufig für die Opfer des Absturzes. „Wir wollen gemeinsam für die beten, die alles verloren haben, für die Menschen, die trauern“, heißt es auf einer solchen Seite, erstellt noch am Tag der Katastrophe.

Trauernde brauchen konkrete Handlungen

Doch wichtig für die Trauernden seien weiterhin konkrete Handlungen und Orte, sagt Oliver Wirthmann vom Kuratorium Deutsche Bestattungskultur im Bundesverband Deutscher Bestatter. „Die Gesellschaft braucht Formen des Gedenkens, auf die wir uns einigen können.“ Das seien – und blieben – Dinge wie der Händeschlag, der Grabstein oder die Trauerfeier. „Natürlich ändert sich auch die öffentliche Trauerbekundung mit neuen Möglichkeiten, sie auszusprechen“, sagt Wirthmann mit Blick auf das Internet – das sei aber nur Ergänzung zur persönlichen Karte oder dem Anruf.

Denn Wirthmann sieht ein Spannungsfeld: Obwohl etwa großes Interesse an öffentlichen Trauerfeiern herrscht und viel Beileid im Internet verkündet wird, zögen sich die meisten Menschen ins Private zurück, wenn der Tod sie selbst betrifft – so komme es zu Beerdigungen „in aller Stille“.

Nicht jedem hilft die Anteilnahme

Ob Mitleid im Netz dann den Angehörigen etwas bringt, sei von Fall zu Fall ganz unterschiedlich, sagt Erneli Martens. Seit 15 Jahren ist die Pastorin Notfall-Seelsorgerin in Hamburg. Sie ist da für die Hinterbliebenen, sofort, wenn jemand stirbt. „In der Trauer sind wir sozusagen maßlos“, sagt sie. Vielen helfe Anteilnahme sehr, auch wenn sie von weit weg und von Fremden kommt – anderen nicht. „Die Menschen sagen dann: Was mischen die sich in mein Leben ein? Was soll das?“ Denn auszuloten, was angebracht ist, sei viel einfacher im Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Auch für die Betroffenen hinterließen solche Unterhaltungen viel mehr Eindrücke, spendeten mehr Trost. „Anders, als wenn ich ein paar Sätze ins Internet schreibe“, sagt Martens.

Dass die Trauer ganz vom Friedhof zu Facebook wandert, sei auch deshalb unwahrscheinlich, sagt Wirthmann vom Bestatter-Verband. Das bedeute aber nicht, dass virtuelle Beileidsbekundungen etwas Schlechtes seien. „Man muss sich nur bewusst sein, auf welcher Ebene das stattfindet.“ Die rein technischen Möglichkeiten des Internets würden dabei heute schon genutzt – etwa mit QR-Codes auf Grabsteinen, die zu einer Gedenkseite führen, oder mit Video-Übertragungen von Trauerfeiern. Internetsoziologe Humer geht noch einen Schritt weiter. „Es wird bestimmt in den nächsten Jahren rein digitale Trauerkonferenzen geben. Das ist dann auch ein Schlusspunkt.“

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