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Medizin

Echte Alternative oder Pseudomedizin?

Die Gräben zwischen Befürwortern und Gegnern der Homöopathie sind tief. Warum eigentlich? Wir haben bei Experten nachgefragt.
Von Heike Sigel

Die Wirksamkeit von Globuli ist umstritten. Foto: janvier/stock.adobe.com
Die Wirksamkeit von Globuli ist umstritten. Foto: janvier/stock.adobe.com

Regensburg.Marianne Schlosser aus Schnaittenbach schwört seit vielen Jahren auf die Homöopathie. Vor allem bei kleineren Wehwehchen will sie ihre Globuli nicht mehr missen. „Bevor ich zum Arzt gehe, besuche ich lieber meine Heilpraktikerin“, sagt die 60-Jährige. „Denn der Arzt macht ja auch gar nicht lange rum. Da bekommt man sofort Schmerztabletten aufgeschrieben, nur, weil man ein bisschen schlapp ist. Für Gespräche bleibt da gar keine Zeit.“

Dr. Natalie Grams kennt solche Aussagen. Die Ärztin und ehemalige Homöopathin steht der sogenannten Alternativ- oder Komplementärmedizin im Allgemeinen und der Homöopathie im Besonderen äußerst kritisch gegenüber. In ihrem neuesten Buch „Gesundheit! Ein Buch nicht ohne Nebenwirkungen“ weist sie immer wieder darauf hin, dass die meisten alternativen Heilmethoden den wissenschaftlichen Nachweis für ihre Wirksamkeit schuldig bleiben.

Die Wirksamkeit von Globuli ist umstritten. Foto: janvier/stock.adobe.com
Die Wirksamkeit von Globuli ist umstritten. Foto: janvier/stock.adobe.com

Allerdings wünscht sich auch Grams das ausführliche ärztliche Gespräch in den Medizinalltag zurück. „Wie viel Bedeutung dem Arzt allein durch die Art seines Umgangs mit dem Patienten zukommt, das sehen wir nicht zuletzt an der Homöopathie und dem Zulauf, den sie erfährt, vielleicht auch als eine niederschwellige Form der Gesprächstherapie“, sagt die Medizinerin. Für sie stammt die Homöopathie „aus einer vorwissenschaftlichen Zeit“. „Es gibt keine widerspruchsfreie Evidenz für eine Wirksamkeit“, lautet ihr Fazit.

Dr. Hans Baierl weist diese Kritik entschieden zurück. „Wenn ich Babys behandle, bin ich komplett auf die Symptome des Kindes angewiesen, weil es sich nicht äußern kann. Wo, bitte schön, ist da die Gesprächstherapie?“, fragt der Internist, der in Regensburg eine homöopathische Praxis betreibt.

Ein ideales Thema, um auf den anderen loszugehen

Natalie Grams’ Urteil, Globuli seien schon deshalb wirkungslos, weil allein die Verdünnung des Ursprungsmedikaments zu groß sei, um eine physiologische Wirkung entfalten zu können, lässt er nicht gelten. „Meine Erfahrung zeigt mir die Wirksamkeit. Ich als Internist würde nie eine Placebo-Medizin praktizieren! Ohne Wirksamkeit hätte ich als fundierter Schulmediziner doch sonst niemals 22 Jahre lang Homöopathie angewandt.“

Baierl berichtet von schnellen Erfolgen nach der Gabe der richtigen Globuli bei vielen seiner Patienten. Ein Erstgespräch dauert bei ihm mindestens eineinhalb bis zwei Stunden, jede weitere Konsultation mindestens eine halbe Stunde. So will er sicherstellen, möglichst sofort das richtige Medikament finden zu können. „Wenn Sie ein Kind mit schwersten Ohrenschmerzen behandeln, ihm eine homöopathische Arznei geben und nach zwanzig Minuten sind die Beschwerden weg, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Besserung an der Arznei liegt, doch sehr naheliegend“, sagt er.

„Die Wissenschaft ist noch nicht so weit, um den genauen Wirkmechanismus der Homöopathie erklären zu können.“

Dr. Hans Baierl, Internist mit homöopathischer Zusatzausbildung

Die Gräben zwischen Befürwortern und Gegnern der Alternativmedizin jedenfalls scheinen unüberwindbar. Die Skeptiker werfen vor allem Homöopathen einen „Verstoß gegen die medizinische Ethik“ vor, während die Gegenseite „intrigante Machenschaften“ hinter der Kritik an der Alternativmedizin vermutet. So geschehen vor ein paar Wochen in Regensburg. Auf Einladung der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) hätte Dr. Natalie Grams im Donaueinkaufszentrum sprechen sollen.

Interview

Patienten werden verunsichert

Die Ärztin und ehemalige Homöopathin Dr. Natalie Grams sieht die Alternativmedizin kritisch. Im Interview erzählt sie, warum.

Bereits im Vorfeld der Veranstaltung, die dann aufgrund einer Erkrankung im Familienkreis der Referentin ausfallen musste, wurde in den sozialen Medien zur Störung des Vortrags aufgerufen. Roland Preußl, geschäftsführender KEB-Bildungsreferent, schrieb die Initiatoren der Störaktion umgehend an. Er wollte sie ausdrücklich zur Veranstaltung einladen und damit eine sachliche Diskussion in Gang bringen.

„Unsere Vorträge beinhalten immer auch eine Diskussion und da sind konstruktive Beiträge, nicht aber destruktive Störer, immer willkommen“, sagt der Diplom-Theologe. „Meine Einladung zum Austausch wurde aber abgelehnt. Und zwar mit dem Hinweis, mit jemandem wie Frau Grams mit ihren ,inquisitorischen Machenschaften‘ wolle man nicht sprechen.“

Homöopathie ist ein in Deutschland recht weit verbreitetes alternatives Verfahren. Foto: Patrick Pleul/dpa
Homöopathie ist ein in Deutschland recht weit verbreitetes alternatives Verfahren. Foto: Patrick Pleul/dpa

Den Regensburger Diplom-Psychologen Gerhard Hecht erinnert die teilweise sehr hitzig geführte Diskussion über die Homöopathie „mehr an einen Religions- als an einen Wissenschaftskrieg“, wie er sagt. „Es geht um die Frage, wer die richtige Sicht auf die Welt hat und um die Bereiche Macht und Geld – also ein ideales Thema, um auf den anderen loszugehen.“ Hecht ist überzeugt: „Wenn jemand so heftig reagiert, dann ist immer mindestens eine dieser Achsen berührt.“ Er persönlich hält es mit der Devise: „Wer heilt, hat recht“.

Bei den meisten Krankheiten seien noch viele Fragen unbeantwortet, „weshalb herrische Rechthaberei hier auf beiden Seiten fehl am Platz ist“. In dreihundert Jahren werde unsere Medizin womöglich belächelt, glaubt der Psychologe. „Wir wissen noch viel zu wenig darüber, wie Krankheit funktioniert und deshalb sollten lieber alle gemeinsam danach streben, ihr ganzes Wissen zu sammeln und zu erweitern.“ Auch Dr. Hans Baierl plädiert für eine Kooperation zwischen sogenannten Schul- und Alternativmedizinern: „Das ist in Indien längst gang und gäbe.“

Viele Krankenkassen zahlen homöopathische Behandlungen

Dr. Natalie Grams gibt sich an diesem Punkt wenig kompromissbereit: „Methoden, die sich keiner wissenschaftlichen Evidenzprüfung stellen oder ihr nicht standhalten, können und dürfen nicht Gegenstand des öffentlichen Gesundheitswesens sein.“ Nichtsdestotrotz zahlen viele Krankenkassen homöopathische Behandlungen anstandslos und auf dem deutschen Ärztetag wurde ein Antrag auf Streichung der Zusatzbezeichnung für homöopathisch ausgebildete Ärzte kürzlich mit Mehrheit abgelehnt.

In Tübingen entsteht außerdem gerade eine Professur für Komplementärmedizin, was unter anderem Dr. Alexander Tournier, Mitbegründer und Direktor des Londoner Homeopathy Research Institute, freuen dürfte. „Im Verhältnis zur konventionellen Medizin ist die Homöopathie-Forschung ein relativ kleines Gebiet. (…) Wir brauchen mehr Forschung und mehr Unterstützung – die müsste es eigentlich geben, da laut WHO die Homöopathie die zweithäufigste medizinische Methode der Welt ist“, sagt er in einem Interview auf Homöopathie online, einer Seite des Deutschen Zentralvereins Homöopathischer Ärzte.

„Mich erinnert die Diskussion über die Homöopathie mehr an einen Religions- als an einen Wissenschaftskrieg.“

Gehard Hecht, Diplom-Psychologe

Andererseits gibt es eine Studie aus den USA (JAMA oncol 2018) von Skyler B. Johnson und seinem Team, die den Schluss nahelegt, dass Krebspatienten mit mindestens einer konventionellen Therapie schlechtere Überlebenschancen haben, wenn sie zusätzlich ein Verfahren aus der Komplementärmedizin anwenden. Der Grund: Diese Patienten lehnen weitaus häufiger weitere schulmedizinische Therapien ab als die Vergleichsgruppe ohne alternativmedizinische Zusatzbehandlung. Die landläufige Meinung, dass Homöopathie zumindest nicht schade, gerät damit jedenfalls ins Wanken.

Dennoch: Die Homöopathie ist laut einer Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2014 für rund 60 Prozent der Deutschen eine wertvolle Ergänzung zur konventionellen Therapie. Der Anteil der Verwender stieg demnach von 53 Prozent im Jahr 2009 auf aktuell 60 Prozent. Viele Patienten vertrauen angesichts der hitzigen Diskussionen anscheinend auf ihr Bauchgefühl. Auch Marianne Schlosser tut das. Die vierfache Großmutter behandelt nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Familienmitglieder mit Globuli. Die ganze Debatte ficht sie nicht an: „Ich glaube, was ich sehe. Und bei mir und meinen Enkeln wirkt die Homöopathie,“ sagt sie. „Das kann doch schließlich nicht alles Zufall gewesen sein.“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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