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Gesellschaft

Ein Alptraum: Das Kind ist weg

Viele Eltern von vermissten Kindern zerbrechen an dem Schlag. Aber die meisten Fälle gehen gut aus.
Von Wiebke Dördrechter, dpa

Mit einem Plakat wird im Bahnhof nach der vermissten Inga gesucht. 2015 verlor sich die Spur der Fünfjährigen in einem Wald bei Stendal. Foto: Wolf/dpa
Mit einem Plakat wird im Bahnhof nach der vermissten Inga gesucht. 2015 verlor sich die Spur der Fünfjährigen in einem Wald bei Stendal. Foto: Wolf/dpa

Hamburg.Hilal, Inga, Aref. Diese Namen haben sich in das Gedächtnis vieler Menschen in Deutschland gebrannt. Seit Jahren sind die Kinder wie vom Erdboden verschluckt: Die damals zehnjährige Hilal Ercan verschwindet 1999 in der Nähe der elterlichen Wohnung in Hamburg. Vor knapp drei Jahren verliert sich die Spur der fünfjährigen Inga in einem Wald bei Stendal (Sachsen-Anhalt). Und Aref, damals vier Jahre alt, wird seit April 2016 vermisst, nachdem er seiner Mutter auf einem Spielplatz in Eschwege aus den Augen geriet.

Mehr als 8000 Kinder wurden nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) 2017 als vermisst registriert. Die meisten tauchten wohlbehalten wieder auf. 95,8 Prozent der Vermisstenfälle konnten geklärt werden. Meist handele es sich um Ausreißer, die wegen Problemen im Elternhaus oder in der Schule weggelaufen seien. Auch ein illegaler Kindesentzug eines der Elternteile könne ein Grund sein. Wie viele Kinder und Jugendliche als dauerhaft vermisst gelten, ist nicht bekannt. Das BKA führt keine Statistik. „Die aktuellen Vermisstenzahlen werden jeweils zum Quartalsanfang erstellt und beinhalten die Vermisstenfälle, die nach einigen Tagen geklärt werden, und ungeklärte Fälle, die bis zu 30 Jahre zurückliegen“, erklärt eine Sprecherin. Zum 1. April 2018 seien 1980 Kinder und 5243 Jugendliche vermisst gemeldet. Hinzu kämen 5183 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sowie 968 entzogene Minderjährige, deren Aufenthaltsort unbekannt sei.

Der Faktor Zeit ist entscheidend

Wird ein Kind Opfer eines Verbrechens, spielt der Faktor Zeit eine entscheidende Rolle. Laut einer Studie des US-Bundesstaates Washington, bei der Kindesentführungen mit tödlichem Ausgang untersucht wurden, sind die ersten drei Stunden nach der Tat ausschlaggebend. 76 Prozent der Kinder überlebten diese Zeit nicht. 88 Prozent würden innerhalb der ersten 24 Stunden getötet. „Daher ist es wichtig, einen großen Teil der Bevölkerung in möglichst kurzer Zeit zu informieren“, erklärt Lars Bruhns, Vorstand der Hamburger Initiative Vermisste Kinder.

Viele Länder – etwa Polen, Großbritannien und die Niederlande – haben bereits ein Akut-Alarmsystem etabliert, das die Bevölkerung etwa per SMS benachrichtigt. Bruhns: „In den Niederlanden können 12 Millionen der 17 Millionen Einwohner dadurch innerhalb von 15 Minuten erreicht werden.“

Der Politikberater drängt seit Jahren auf ein ähnliches Alarmsystem für das Bundesgebiet. Mit der derzeitigen Verfahrensweise der Polizei sei man im Zweifel zu spät. „Nach dem Verschwinden von Inga hatten wir die Hoffnung, dass so ein Akutfall zu einem Umdenken führt“, sagt Bruhns. Beim BKA heißt es: „Die derzeitige Art der Vermisstenbearbeitung in Deutschland ist eingespielt und effizient und hat sich aus polizeilicher Sicht sehr bewährt.“ Eine Veränderung sei nicht geplant.

Die Hamburger Initiative Vermisste Kinder, die 1997 von Bruhns’ Mutter Monika ins Leben gerufen wurde, unterstützt die Angehörigen vermisster Kinder. „Trotzdem sollen Eltern natürlich als erstes die Polizei benachrichtigen“, sagt Bruhns. Der Verein kümmert sich auch um eine Hotline – als Anlaufstelle für alle Themen rund um vermisste Kinder. Staatliche Förderung erhält die Initiative nicht. Alle Mitglieder sind ehrenamtlich tätig. Sogar die Kosten für den Telefonanschluss hätten sie privat bezahlen müssen. „Dabei übernimmt man zum Teil halbstaatliche Arbeit“, ärgert sich Bruhns.

Angehörige werden krank

Was es für Eltern bedeutet, wenn das eigene Kind spurlos verschwindet, ist nur schwer nachzuempfinden. „Die Ungewissheit ist das Schlimmste“, weiß Bruhns aus Gesprächen mit Angehörigen. Viele Familien zerbrächen daran. „Gerade bei Angehörigen von Langzeitvermissten ist immer wieder zu beobachten, dass sie die Ungewissheit über das Schicksal des eigenen Kindes einfach nicht ertragen können und krank werden“, berichtet Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des Weißen Rings, der sich um Opfer von Verbrechen kümmert.

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