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Er wird kalt und heiß geliebt

Tee klettert auf der Liste der Genussmittel weiter nach oben. Aber was genau steckt in den Beuteln oder Dosen?
Von Kerstin Hafner, MZ

Grüner Tee wird in eine Tasse gegossen: Tee ist im Trend. Foto: dpa
Grüner Tee wird in eine Tasse gegossen: Tee ist im Trend. Foto: dpa

Regensburg.Wir sind zwar nach wie vor eine Kaffeetrinker-Nation, aber 2015 wurde hierzulande so viel Tee konsumiert wie niemals zuvor: Von durchschnittlich 28-Liter-pro-Kopf-Verbrauch ist beim Deutschen Teeverband die Rede. 2016 setzte sich der positive Trend fort. Verglichen mit 2005 werden heute von jedem Bundesbürger durchschnittlich drei Liter mehr Tee im Verlauf eines Jahres getrunken (nicht mehr nur im Winter, sondern vermehrt auch im Sommer). Hierzu tragen vor allem die Ostfriesen als „Weltmeister im Teetrinken“ mit einem Jahresverbrauch von gut 300 Litern pro Kopf bei. Lieblingstee der Deutschen ist und bleibt der Schwarztee (Darjeeling, Assam, Ceylon etc.), grüner Tee liegt bei 30 Prozent. Reine Früchte- und Kräutermischungen ohne Beimengungen von Blättern der echten Teepflanze zählen übrigens streng genommen zu den teeähnlichen Getränken. Rooibos oder Rotbusch ist ein afrikanischer Strauch aus der Familie der Hülsenfrüchtler, also auch keine Teepflanze. Die Sonntagszeitung hat mit drei regionalen Experten gesprochen, warum das Aufgussgetränk so sehr in der Beliebtheit steigt, wohin die Trends gehen, welche Mischungen zu welcher Jahreszeit bevorzugt werden und was für sie selbst eigentlich die Faszination am Teetrinken ausmacht.

Trend Teetrinken: Wellness-Oase, Lifestyle-Getränk und Muntermacher

Ein neuer Zeitgeist und die Lust auf Außergewöhnliches beleben den Teemarkt abseits vom puren Schwarz- und Grüntee, von denen es allein schon Dutzende Sorten gibt. Die Vielfalt an Kreationen sowie Geschmacks- und Wirkstoffkombinationen ist nahezu unerschöpflich, ständig werden neue Mischungen entwickelt. Echter Tee wird aus über 60 Regionen der ganzen Welt importiert, Haupt-Bezugsländer sind Indien, China und Japan. „Eine Tasse Tee ist für viele die kleinste Wellness-Oase der Welt“, erklärt Rick Prokein von der Regensburger Teelust. Seine hausgemachten Früchteteemischungen verschickt er weltweit. Kräuter, Früchte und/oder Beeren werden dafür gepresst, ihr Saft oder Sirup über die Teeblätter gegossen, das Ganze zieht durch und kommt – zwecks hübscherem Aussehen mit unversehrten gefriergetrockneten Früchten vermischt – noch einmal in den Ofen. Fertig ist eine leckere Basis für ein wärmendes Getränk mit natürlichen Aromen ohne Glutamat und Konservierungsstoffe. Denn darauf legt die Kundschaft immer mehr Wert. „Der Trend geht eindeutig zur gesunderen und bewussteren Ernährung, das merkt man schon seit drei, vier Jahren“, sagt Prokein.

„Stammkundschaft erkennt die Qualitätsverpflichtung einer Marke daran, dass im Regal auch mal ein Jahr lang ein bestimmter Tee von einer bestimmten Firma fehlt, wenn die Ernte einfach nicht gut genug war.“

Sander Haltmaier

Sander Haltmaier vom Reformhaus Sander in Abensberg pflichtet ihm bei: „Die Schul- und auch die Arbeitswelt wird immer hektischer; Stress übersäuert den Körper. Deswegen liegen basische Tees seit ein paar Jahren voll im Trend. Selbst für Kinder wird Beruhigungstee gekauft … oder eben Säure-Basen Kindertees.“ Er fügt hinzu: „Und noch ein Wort zu natürlichen Aromen: Früchtetees mit reinen natürlichen (nicht naturidentischen) Aromen werden nicht sauer. Die könnte man stundenlang ziehen lassen. Daran erkennt man den Unterschied.“

Sander Haltmaier Foto: Hafner
Sander Haltmaier Foto: Hafner

Für den Verbraucher, der sich nicht vom Fachmann beraten lässt, sind natürliche Aromen auf der Verpackung im Regal immer dann zu erkennen, wenn das Wort ausgeschrieben und nicht mit „nat.“ abgekürzt ist, rät Haltmaier, der in seinem Reformhaus ausschließlich Biotees verkauft, die nicht nur das EU-Biosiegel tragen, sondern zusätzlich auch in Deutschland auf Pestizide rückstandskontrolliert werden. Dafür gebe es allerdings kein extra Siegel. „Stammkundschaft erkennt die Qualitätsverpflichtung einer Marke daran, dass im Regal auch mal ein Jahr lang ein bestimmter Tee von einer bestimmten Firma fehlt, wenn die Ernte einfach nicht gut genug war. Wir führen derzeit zum Beispiel keinen Bio Japan Sencha, wegen Fukushima.“

„Tee hat sich zum Lifestyle-Getränk entwickelt – so wie früher schon der Kaffee.“

Sandra Bachfischer-Urban

„Tee war früher in Deutschland ein Wintergetränk zum Aufwärmen vor dem Kamin, auf der Hütte beim Skifahren mit einem Schuss Rum oder bei Erkältungen. Mittlerweile hat sich Tee allerdings zum Lifestyle-Getränk entwickelt – so wie früher schon der Kaffee“, berichtet Sandra Bachfischer-Urban vom gleichnamigen Teehaus in Regensburg. Bester Beweis: Sommercocktails auf Teebasis wie der Earl Grey Martini oder der Grüntee-Mojito. Die Kundschaft in Teefachgeschäften wird immer jünger, viele Studenten lieben Tee, Männlein wie Weiblein gleichermaßen. Nicht neu, aber aktuell besonders beliebt ist Verveine (Zitronenverbene, ein Eisenkrautgewächs). Dieser Aufguss von ganzen Blättern, die beim Trinken einfach im Tee belassen werden, wird in Frankreich schon immer gerne zum Abschluss eines Menüs serviert, weil Verveine stoffwechselanregend und verdauungsunterstützend wirkt. Eine Tasse zum Frühstück bringt Schwung für den Tag und verleiht gelassene Konzentration. Abends wirkt sie beruhigend und entspannend. Also genau das, was ein Student im Prüfungsstress braucht. Der koffeinreiche Mate und Matcha (Grünteepulver), der Muntermacher, sind immer noch angesagt.

Getränk für viele Anlässe: Sommersorten und Teemischungen für die kalte Jahreszeit

Die Wellness-Welle, die wohl einst vom Grünen Tee angestoßen wurde, schlägt sich merklich im Umsatz nieder. Tee wird in Deutschland zwar immer noch vermehrt im Winter, aber mittlerweile doch das ganze Jahr hindurch gekauft. „Im Sommer mögen die Leute eher hellere Fruchtmischungen mit Aprikose, Pfirsich, Feige und verschiedensten Blüten, im Winter steht den meisten der Sinn nach allem, was in Plätzchen oder Glühwein steckt: Zimt, Ingwer, Zitrusfrüchte, rote und dunkle Beeren, Rum, Kardamom, Bratäpfel, Nelken …“, weiß Sandra Bachfischer-Urban. „Ein Highlight für besondere Teemischungen ist natürlich immer die Vorweihnachtszeit, viele Kunden nehmen unsere hausgemachten Mischungen daheim als Basis für ihren eigenen Punsch. Ich denke, dass Tee von den nicht sowieso bereits passionierten Teetrinkern oft eher als Getränk für Anlässe gesehen wird. Manche Tee-Einsteiger fürchten sich fast vor der vermeintlich komplizierten Zubereitung. Dabei ist es gar nicht so wild. Aber natürlich ist es anders als mit Kaffee, der fertig aus der Maschine kommt. Tee muss man ziehen lassen, für Tee muss man ein bisschen Zeit mitbringen. Und deswegen verkaufen sich die Festtagsmischungen so gut, denke ich. Weil man in dieser Zeit entschleunigen möchte, sich Zeit nehmen will für sich selbst und die Familie.“ Tee tut der Seele gut, aber nicht nur ...

Heilmittel Tee: Entzündungshemmer, Entschlacker, Schmerzlinderer und Gute-Laune-Bringer

Schließlich ist das Aufgussgetränk oft auch ganz förderlich fürs körperliche Wohlbefinden – nicht nur der echte Tee, sondern auch die teeähnlichen Erzeugnisse. Für fast jedes körperliche und geistige Zipperlein ist ein Kraut mit spezieller Wirkung gewachsen – anregend und belebend, beruhigend, entschlackend oder entzündungshemmend. Natürlich kann Tee nicht heilen, aber Beschwerden lindern und eventuell Medikamente unterstützen. „Angurate zum Beispiel ist ein Magentee aus der Baumrinde einer Heilpflanze, die schon den Inka bekannt war“, erzählt Sander Haltmaier. „Schachtelhalm-Zinnkraut-Tee wirkt entzündungshemmend, drei bis vier Tassen Frauenmantel-Tee entspannen bei Regelschmerzen und Brennnessel wirkt entschlackend.“

Sandra Bachfischer-Urban  Foto: Hafner
Sandra Bachfischer-Urban Foto: Hafner

Im Januar ist Entschlackung, zumindest laut Rick Prokein und Sandra Bachfischer-Urban, überhaupt das Zauberwort schlechthin. „Nach den ganzen Plätzchen und Weihnachtsbraten und den guten Vorsätzen zum Neuen Jahr wollen die Menschen entgiften und abnehmen. Deswegen sind zum Jahreswechsel dann immer die Detox- und Entschlackungstees groß angesagt. Auch Früchtetees mit weniger Fruchtsäure (ohne Hibiskus/ohne Hagebutte), weil sie dadurch magenfreundlicher sind. Bei Winterdepression durch Lichtmangel helfen Tees mit Olivenblatt und Tulsi, dem indischen Basilikum.“ Wer übrigens den Sommer 2017 in Bikinifigur beginnen will und sich etwas Weihnachtsspeck angefuttert hat, sollte jetzt mit dem Entschlacken beginnen.

„Manchmal nimmt das schon fast groteske Züge an. Einige Leute rennen wirklich jedem Trend hinterher.“

Rick Prokein

Omas Rumtopf, Hüttenzauber, Sonnenstrahl, Morgentau – Tees mit klingenden Namen finden reißenden Absatz. Das wissen die Hersteller natürlich. Doch auch wenn Beauty- und Lifstyle-Magazine ein neues Superfood ausloben, beginnt der Run. Goji, Acai, Moringa … findet man kurze Zeit nach dem ersten Hype natürlich auch in Teemischungen. „Manchmal nimmt das schon fast groteske Züge an. Einige Leute rennen wirklich jedem Trend hinterher“, amüsiert sich Prokein.

Rock Prokein Foto: Hafner
Rock Prokein Foto: Hafner

„Dabei reagiert doch jeder Organismus anders auf die zugeführten Nahrungsmittel. Man kann einfach nicht davon ausgehen, dass sich in jedem Körper derselbe Wirkungsgrad entfacht.“ Bei Tee muss man sich einfach Zeit lassen und vieles ausprobieren, um seinen individuellen Geschmack und auch seine persönlichen „Wohltäter“ herauszufinden. Teelust bietet zweimal im Jahr Teeproben mit Verkostung für Stammgäste an. „So entwickle ich meine Hausmischungen, manchmal tüftle ich in meiner Teeküche Jahre, bis alles passt.“

„Für die meisten Männer dient der Tee ohne viel Brimborium als Kaffee-Ersatz, als Muntermacher bei der Arbeit oder zum Runterkommen danach.“

Sandra Bachfischer-Urban

Laut Sander Haltmaier kaufen ältere Herrschaften eher Kräutertees und jüngeres Publikum erliegt öfters den Verlockungen der modernen Wellness-Ecke. Den Regensburger Experten zufolge sind die Domstädter anfangs meist konservativ, werden aber mit der Zeit experimentierfreudiger, was die Geschmacksrichtungen betrifft. Angeblich kaufen Männer überwiegend pure oder aromatisierte Schwarz- und Grüntees, Frauen mehr Mischungen und Wellnesstees. „Für die meisten Männer dient der Tee ohne viel Brimborium als Kaffee-Ersatz, als Muntermacher bei der Arbeit oder zum Runterkommen danach“, weiß Bachfischer-Urban. „Frauen machen bei uns 60 Prozent der Kundschaft aus. Sie trinken durchschnittlich eher süßere Mischungen, Detox-Tees oder Chai mit Milch und zelebrieren die Tea Time auch mal richtig.“ Generell könne man sagen, dass heute auch mehr junge Menschen Wert auf Qualität legten. „Zu uns kommen mittlerweile recht viele Studenten.“ Weiters erklärt die Expertin: „In Bayern mögen es die Menschen beim Tee etwas leichter und süßer, im Norden gern kräftig und gerbstoffhaltig. Die Ostfriesen zum Beispiel lassen ihren Schwarztee auch länger ziehen. Sie mögen das Herbe.“ Kennt man ja vom Bier – den Slogan „friesisch herb“.

Tipp für ein besonderes Geschmackserlebnis: Kandis und Agavensirup besser als Haushaltszucker

In puncto Qualität nimmt Sandra Bachfischer-Urban Tee-Einsteigern noch eine Angst: „Grundsätzlich muss man sagen, dass jeder Beuteltee, der in Deutschland (auch in den Supermärkten) angeboten wird, von kontrolliert guter Qualität ist. Alle großen Hersteller achten darauf. Wer noch mehr Kontrollen möchte, muss sich allerdings an zertifizierte Händler wenden. Generell ist in meinen Augen loser Tee auf jeden Fall besser als Beuteltee und ein besonderes Geschmackserlebnis.“ Grüner Tee mit Milch und leichte Schwarztees wie Darjeeling mit Milch sind für Bachfischer-Urban ein No-go. „Und was jeden feinen Teegeschmack erschlägt, ist handelsüblicher Haushaltszucker.“ Zum Süßen solle man daher besser Kandis, Agavensirup, Honig oder Rohrzucker verwenden.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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