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Erika Mustermann rund um die Welt

Für Normalbürger tragen in Deutschland Namen, die jeder kennt. Und wie heißt Lieschen Müller in China oder Kenia?
Von Caroline Bock, dpa

Erika Mustermann ist in Deutschland seit den 80er Jahren als Ausweisname bekannt. Auch die Österreicher kennen eine gleichnamige Frau. Foto: Tim Brakemeier/dpa
Erika Mustermann ist in Deutschland seit den 80er Jahren als Ausweisname bekannt. Auch die Österreicher kennen eine gleichnamige Frau. Foto: Tim Brakemeier/dpa

Berlin.Wenn die Welt kompliziert ist, gibt es im Deutschen den Satz: „Das versteht Lieschen Müller nicht.“ Das heißt, die Frau von der Straße, die nicht rund um die Uhr Akten studiert oder Leitartikel liest, kommt einfach nicht mehr mit. Auch bei Otto Normalverbraucher weiß der Bürger, wovon die Rede ist: von ihm, dem Normalo, der Steuern zahlt oder um seinen Diesel fürchtet.

Oft spielt der Begriff in der Politik eine Rolle, wenn es bürgernah werden soll. Seit den 80er Jahren ist Erika Mustermann als Ausweisname bekannt. Die Fotos von Frau Mustermann heute und früher zeigen Mitarbeiterinnen der Bundesdruckerei, die die Ausweise fertigt. Die Druckerei hält sich bei dem Thema bedeckt. Wer die Frauen sind, soll geheim bleiben. Das Phänomen gibt es in vielen Sprachen und Ländern der Welt.

Pinco Pallino ist in Italien der Otto Normalverbraucher

In Italien heißt Pinco Pallino so viel wie Otto Normalverbraucher. Für Formulare wird Mario/Maria Rossi oder Bianca Rossi benutzt. Ein bekannter Begriff in den USA ist John Doe oder Jane Doe. So wie Erika Mustermann in den deutschen Behörden. Auch Frau Mustermann hat eine Geschichte, aber dazu später. In den Niederlanden heißt Otto Normalverbraucher Jan Modaal (Jan Durchschnitt).

Interessant ist: In den letzten zehn Jahren ist zunehmend eine andere Bezeichnung aufgekommen, die der Rechtspopulist Geert Wilders geprägt hat – „Henk und Ingrid“. Wilders definierte diese selbst als „Durchschnittsniederländer“. Bodenständige, ehrliche Leute, die immer pünktlich ihre Steuern zahlen und sich nach seiner Darstellung von „Ahmed und Fatima“ bedroht fühlen, weil sie diese letztlich finanzieren müssten. Viele Niederländer, die tatsächlich Henk oder Ingrid heißen, haben sich von dieser Sicht distanziert.

Der „gewöhnliche Kowalski“

In der Türkei funktioniert es ebenfalls mit Vornamen. Dort heißen die sprichwörtlichen Bürger etwa Ali, Veli, Ahmet, Mehmet, Ayse oder Fatma. In Polen ist sowohl der Mustername für Formulare als auch der Normalverbraucher Jan Kowalski. Sowohl der Vor- als auch der Nachname sind weit verbreitet. Man spricht auch vom „gewöhnlichen Kowalski“ (zwykly Kowalski), also zum Beispiel: „Was bedeutet die Steuerreform für den gewöhnlichen Kowalski?“ In Österreich warnt ein Portal vor „Ernährungsfehlern von Herrn und Frau Österreicher“. Dort kennt man auch eine Frau Mustermann.

In Israel heißen Durchschnittsbürger in der Statistik oder in Dokumenten Israel Israeli (Mann) oder Israela Israeli (Frau). Früher wurde im Straßen-Slang der jiddische Name Moische Suchmir (auf deutsch etwa: Mosche Suchmich) gebraucht, wenn es um eine beliebige Person ging. In Spanien und im spanischsprachigen Lateinamerika wird von Fulano (irgendwer) gesprochen. Der Normalverbraucher kann auch Juan Pérez sein.

In Kenia kennt man kein einheitliches „Lieschen Müller“

In China wird als Mustername auf Formularen der Name Zhang San benutzt. Um die einfache Bevölkerung zu beschreiben, wird oft der Begriff Buyi genutzt, was übersetzt so viel wie schlichte Baumwollkleidung heißt. Die Bezeichnung stammt aus einer Zeit, in der sich nur sehr wohlhabende Menschen und hohe Beamte Kleidung aus hochwertigeren Materialen leisten konnten. In Kenia kennt man kein einheitliches „Lieschen Müller“, da es etliche Sprachen gibt. Weitverbreitet ist Wanjiku, ein Frauenname aus der Kikuyu-Sprache, die der bevölkerungsstärksten Volksgruppe in Kenia. Wanjiku wird als Beschreibung für die Durchschnittsbürgerin verwendet. Der Begriff soll sich zu Zeiten des Langzeitpräsidenten Daniel arap Moi etabliert haben. Ende der 90er Jahre wurde über eine neue Verfassung für Kenia diskutiert, Aktivisten wollten mehr Mitspracherecht für die Bürger. Daraufhin soll Moi gesagt haben: „Glaubst du, Wanjiku versteht, was eine Verfassung ist?“

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Das steckt dahinter

  • Lieschen Müller: Der Sprachwissenschaftler Lutz Kuntzsch von der Gesellschaft für deutsche Sprache verweist auf Expertenaufsätze: So ist Lieschen Müller laut Autor Heinz Küpper eine „fiktive Person mit seichter, kritikloser, zu Rührseligkeit neigender Kunstauffassung“. Möglicherweise stammt er aus dem Roman „Lumpenmüllers Lieschen“ aus dem 19. Jahrhundert.

  • Otto Normalverbraucher: Der Name kommt von einer gleichnamigen Filmfigur, die von Gert Fröbe gespielt wurde. Die „Berliner Ballade“ von 1948 erzählt die Geschichte eines Kriegsheimkehrers, der seinen Alltag zwischen Ämtern und Lebensmittelkarten meistern muss. Wovon Otto Normalverbraucher träumte: Eine blonde Frau serviert ihm Berge von Kuchen. (dpa)

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