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Kirche

Frühere Kirchen, ganz weltlich genutzt

Italien geht mit kaum noch besuchten Gotteshäusern kreativ um. Kunst statt Kruzifixe: Das gefällt nicht allen.
Von Alvise Armellini, dpa

Blick in das frühere Nonnen-Kirchenkloster San Paolo Converso: Wo bis 2014 gebetet wurde, ist nun ein Designstudio eingezogen. Foto: Alvise Armellini
Blick in das frühere Nonnen-Kirchenkloster San Paolo Converso: Wo bis 2014 gebetet wurde, ist nun ein Designstudio eingezogen. Foto: Alvise Armellini

Mailand.In Europa werden die Christen weniger und die Kirchen leerer. Den Vatikan stellt das vor eine schwere Frage: Was tun mit Gotteshäusern, die keiner mehr braucht?

In Rom beschäftigt sich seit Donnerstag eine zweitägige Konferenz des vatikanischen Kulturministeriums unter dem Titel „Wohnt Gott hier gar nicht mehr?“ mit dem Thema leerstehende Kirchen. Experten sollen angehört werden, bevor der Vatikan eine neue Richtlinie für seine Bischöfe darüber herausgibt, wie sie die Entscheidung treffen, einem Gotteshaus die Segnung zu entziehen.

Das Kanonische Recht erlaubt Bischöfen, Gebäude, die nicht mehr für religiöse Zwecke zum Einsatz kommen, umnutzen zu lassen - möglichst in einer „profanen, aber nicht verkommenen“ Funktion. Ist das Gebäude einmal profaniert, verliert die Kirche ihren heiligen Status und Religionsbehörden verlieren ihre Kontrolle darüber.

„Sicher ist es unangenehm zu sehen, dass Bier und Schnaps auf etwas gereicht werden, was früher ein Altar war.“

Carlo Capponi

In der norditalienischen Metropole Mailand lässt sich beobachten, wie eine solche Neunutzung aussehen kann. Nicht alle Ideen dürften dem Geschmack des Papstes entsprechen. Wo früher gebetet und gepredigt wurde, hängt nun zeitgenössische Kunst. Oder es fließt Alkohol.

„Sicher ist es unangenehm zu sehen, dass Bier und Schnaps auf etwas gereicht werden, was früher ein Altar war“, sagt Carlo Capponi, der die Kulturerbe-Abteilung der Mailändischen Diözese leitet, der Nachrichtenagentur dpa. Er meint das „Gattopardo“, ein Discoclub in einer ehemaligen Kirche, die in den 70er Jahren entwidmet wurde.

In „La Chiesetta“ gibt es heute Cocktails und Bier statt Andachten. Foto: Alvise Armellini
In „La Chiesetta“ gibt es heute Cocktails und Bier statt Andachten. Foto: Alvise Armellini

Ein anderes Beispiel ist „La Chiesetta“ („Das Kirchlein“), ein Pub in einer früheren Kapelle aus dem 18. Jahrhundert. „Es gibt wohl einige, die uns blasphemisch nennen“, sagt Davide, Barkeeper in dem schummerigen Gemäuer. Aber im Bewertungsportal Tripadvisor seien sie ganz oben - „der Ort ist beliebt“. Zwischen Fresken und angestrahlten Zierbögen werden andachtsvoll benannte Cocktails gereicht: „Pilger“, „Kardinal“ oder auch ein Schluck „Weihwasser“. Auch Profanes geht über die Theke, wie der „Turbodiesel“ mit Whiskey und Bier.

In einer anderen Ecke Mailands hat das Designstudio CLS Architetti das frühere Nonnen-Kloster San Paolo Converso in sein Hauptquartier und ein Ausstellungszentrum verwandelt.

Kurienkardinal Gianfranco Ravasi, gewissermaßen Kulturminister des Vatikans, hätte gern mehr dezente Umnutzungen von Kirchen: Gemeindezentren, Konferenzräume, lokale Museen, sagte er im Juli.

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„Am besten wäre es, wenn es in der Gemeinde bliebe, als ein Symbol von spirituellem, kulturellem oder gesellschaftlichem Wert“, so Ravasi. Ansonsten sollten alle religiösen Symbole entfernt werden, bevor die Gemäuer gewerblich genutzt würden. Manchmal sei es auch sinnvoller, Kirchen abzureißen, so Ravasi – aber das sei mehr eine Option in Nordamerika als in Europa, wo Gotteshäuser meist auch historisch wichtig sind.

In Italien finden sich für katholische Kirchen oft auch Nutzer anderer Religionsgemeinschaften. In Rom und Mailand etwa werden sie von orthodoxen Christen-Gemeinden aus Osteuropa, Ägypten oder Äthiopien ausgeliehen. In Deutschland wurden nach Angaben aus dem Vatikan seit dem Jahr 2000 mehr als 500 katholische Kirchen geschlossen. Ein Drittel der Gebäude wurde abgerissen, der Rest verkauft.

Das „Gattopardo“ ist heute eine Bar und Disco. Foto: Café Gattopardo
Das „Gattopardo“ ist heute eine Bar und Disco. Foto: Café Gattopardo

Laut dem Soziologieprofessor Luca Diotallevi von der Universität Roma Tre kann das Phänomen umgenutzte Kirchen „viele gesellschaftliche Konflikte verursachen“. Das spiegele aber nur wider, dass die Religion ihre Bedeutung im Westen verliere. Andererseits spürten einige große Städte einen regelrechten „religiösen Boom“, verursacht durch den Zuzug tiefgläubiger Einwanderer und eine Krise weltlicher Werte. Die Glaubens-Praktiken haben sich laut Diotallevi geändert. Die Menschen seien weniger bereit, den in Westeuropa verankerten „konfessionellen, staatlichen Religionen“ zu folgen. Auch wenn Glaube für viele wichtig sei, nehme die Teilnahme an der Heiligen Messe ab.

„Wir müssen uns klar sein, dass wir in einer Minderheiten-Lage sind.“

Gianfranco Ravasi

Zu akzeptieren, dass die Zahl der Gotteshäuser „über dem derzeitigen Bedarf der Gläubigen“ liege, sollte die Katholische Kirche dazu bringen, ihr Auftreten in der westlichen Gesellschaft zu überdenken, findet Kulturminister Ravasi. Die Kirche solle zu einer alten Form des Christentums zurückkehren: Weniger hierarchisch, basisorientiert. „Wir müssen uns klar sein, dass wir in einer Minderheiten-Lage sind“, sagte er mit Blick auf eine Statistik der spanischen Stadt Bilbao, „wo nur 34 Prozent der Kinder getauft werden“.

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