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Dienstag, 25. September 2018 15° 1

Psychologie

Gemeinsame Zeit als schönstes Geschenk

Manchmal zerbricht man sich den Kopf, was man zu einem Geburtstag mitbringen könnte. Dabei ist es so einfach.
Von Sebastian Sonntag

Gemeinsame Zeit ist häufig das sinnvollste Geschenk. Foto: theaphotography stock.adobe.com
Gemeinsame Zeit ist häufig das sinnvollste Geschenk. Foto: theaphotography stock.adobe.com

Regensburg.Ich denke, solche manchmal kleinen oder manchmal auch größeren Sorgen kennen die meisten von uns: Man ist eingeladen zu einem Geburtstag oder einer Feier, und da gehört es sich doch einfach, dass man ein Geschenk mitbringt. Welch ein Glück, wenn der zu Beschenkende über genügend bekannte Laster und Gelüste verfügt, von Alkoholischem bis Süßem oder ausgefallenen, aber bezahlbaren Hobbys und Interessen. Dann ist der kreative Suchprozess nach willkommenen und sicher auch erwünschten Geschenken nicht allzu strapaziös. Es sei denn, man ist auch beim Schenken einem gewissen selbstauferlegtem Druck ausgesetzt, immer etwas besonders Originelles und Einzigartiges schenken zu wollen.

Ich habe doch schon alles, ihr braucht mir nichts zu schenken

Perfektionismus begleitet so manchen auf allen Ebenen. Warum auch nicht? Die Wirklichkeit aber ist, dass die Bandbreite für die Auswahl von passenden Geschenken immer schmäler wird, je leichter und machbarer für uns alle es wird, sich alle Wünsche selbst erfüllen zu können. „Ich habe doch schon alles, bin wunschlos glücklich, ihr braucht mir nichts zu schenken“, lautet nicht selten die Antwort von den Jubilaren oder Gastgebern. Meist trägt das nicht gerade zur Beruhigung und Gelassenheit der eingeladenen Freunde und Gäste bei. „Wir können doch nicht mit leeren Händen kommen, irgendwas sollten wir schon, zumindest symbolisch, mitbringen“, kommt als leicht verzweifelte Reaktion zurück. Glücklicherweise hat sich bei manchen der so wunschlos zufriedenen Zeitgenossen eine mögliche Lösung für den Geschenke-Notstand eingebürgert. Sie geben irgendein soziales oder karitatives Projekt an, für das die Gäste einen Obolus geben dürfen.

Psychologe Sebastian Sonntag schreibt die „Sonntags-Gedanken“. Foto: Sonntag
Psychologe Sebastian Sonntag schreibt die „Sonntags-Gedanken“. Foto: Sonntag

Das klingt nicht nach Selbstbereicherung und dient einem guten Zweck. In jedem Fall aber hilft es den Gästen, ohne schlechtes Gewissen oder die Befürchtung, das falsche Präsent gewählt zu haben, zur Feier kommen zu können. Eine durchaus gute und schöne Möglichkeit. Wer aber trotz aller Wahlmöglichkeiten gerne seinem Gastgeber, den Freunden oder Jubilaren mit einem Geschenk auch mehr ausdrücken möchte als nur eine konventionelle Geste, dem lege ich folgende Geschichte ans Herz: Es war einmal ein Schüler, der seiner Lehrerin eine wundervolle Muschel schenkte. Sie sagte: „Ich habe noch nie eine solch schöne Muschel gesehen! Wo hast du diese kostbare Muschel denn gefunden?“ Der Junge erzählte von einer versteckten Stelle am anderen Ende der Insel und dass dort hin und wieder solch eine Muschel angeschwemmt würde. „Ich werde diese wundervolle Muschel mein Leben lang aufbewahren und ich danke dir von Herzen. Aber du hättest doch keinen so weiten Weg machen sollen, nur um mir etwas zu schenken.“ Darauf antwortete der Junge: „Aber der weite Weg ist doch ein Teil des Geschenkes!“

„Für gute Freunde, die sich nichts beweisen müssen, kann allein die Tatsache, dass einer zu Besuch kommt und einige Zeit wirklich präsent ist, körperlich und geistig, ein echtes Geschenk sein, das man nicht erklären oder rechtfertigen muss.“

Es ist keine Floskel, obwohl es so oft ausgesprochen wird, was in unserer Zeit immer ein angemessenes und erwünschtes Geschenk sein wird, das ist: jemandem etwas von seiner Zeit schenken. Im Grunde genommen ist es eigentlich ein paradoxer Ausspruch. Zeit kann man nicht schenken, denn keiner hat sie, keinem gehört sie, also kann man sie auch niemandem schenken! Was man mit dieser Aussage und vor allem mit diesem Geschenk ausdrückt und wirklich schenkt, ist die Wertschätzung. „Für dich setze ich so viele Dinge und Wünsche hintenan, die ich eigentlich erfüllen oder umsetzen wollte. Verpflichtungen, berufliche Aufgaben, eigene Interessen und Vorlieben. Für gute Freunde, die sich nichts beweisen müssen, kann allein die Tatsache, dass einer zu Besuch kommt und einige Zeit wirklich präsent ist, körperlich und geistig, ein echtes Geschenk sein, das man nicht erklären oder rechtfertigen muss.

Ein ganz unscheinbares Präsent, oft von geringem materiellen Wert

Gerade bei Menschen, die sehr wohl voneinander um ihre Belastungen, ihre Zeitnot und Betriebsamkeit wissen, muss man nicht viel erklären oder sich entschuldigen, dass man scheinbar mit leeren Händen kommt. Da kann auch ein ganz unscheinbares Präsent, oft von geringem materiellen Wert, ausdrücken: Du hast dir für mich solche Gedanken gemacht, so genau mir zugehört und nicht vergessen, was ich vielleicht so ganz nebenbei einmal gesagt habe. Eine Vorliebe, ein geliebtes Musikstück, ein kleines Büchlein oder ein besonderes Tuch.

Gerade in einer Zeit, in der die Egomanie, die Selbstbezogenheit offenkundig sich ausbreitet auf privaten und öffentlichen Ebenen, wird ein solches Geschenk, das diese Achtsamkeit, diese Aufmerksamkeit und liebevolle Zuwendung zum Anderen zeigt, so wertvoll. Wir sollten, gerade unter guten Freunden, uns viel mehr bewusst machen, dass es wirklich keinerlei Entschuldigung, Rechtfertigung oder eines schlechten Gewissens bedarf, wenn man – mit zwar leeren Händen – aber mit einem liebevollen Herzen einfach nur da ist.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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Unser Experte

  • Autor unserer Sonntags-Gedanken ist Sebastian Sonntag,

    Dipl.-Psychologe, Dipl.-Theologe, Paar- und Familientherapeut, Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis in Amberg und Supervisor für Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen in bayerischen Diözesen.

  • Neben eigenen Themen

    aus den Bereichen Ehe und Familie, Fragen aus dem Lebensalltag und der gesamten Palette der psychologischen Themen einer psychotherapeutischen Praxis nimmt er in die Reihe gerne Fragen von Lesern auf. Wir behandeln Ihr Anliegen vertraulich. Schreiben Sie einfach eine E-Mail an:

  • sonntag@mittelbayerische.de

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