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USA

Gewinner verzweifelt gesucht

Die Präsidentschaftskandidaten nutzen das Chaos der Vorwahlen. Ohne offizielle Ergebnisse erklären sie sich zu Siegern.
Von Thomas Spang

Pete Buttigieg preschte vor und ließ sich von seinen Anhängern als Sieger feiern. Foto: Gene J. Puskar/dpa
Pete Buttigieg preschte vor und ließ sich von seinen Anhängern als Sieger feiern. Foto: Gene J. Puskar/dpa

Pete Buttigieg stehen die Strapazen des Übernachtflugs noch ins Gesicht geschrieben. Trotzdem versucht er nach der Landung in New Hampshire die Aura des Siegers zu verbreiten. Er fühle sich „phänomenal“ sagt der Wunderjunge aus South Bend im US-Bundesstaat Indiana im Morgenfernsehen, nachdem er sich in der Wahlnacht keck selbst zum Sieger der „Caucuses“ ausgerufen hatte.

„Die haben gesagt, wir sollten eigentlich nicht hier sein“, spielt er seinen Aufstieg als unbekannter Bürgermeister mit einem Namen, den kaum jemand auszusprechen wusste, zum gefühlten Spitzenreiter der Demokraten nach oben. „In einer Woche werden wir hier Geschichte schreiben.“ Am 11. Februar entschieden die Wähler des winzigen Neuengland-Staats bei den ersten „Primaries“, wer die Demokraten gegen Donald Trump ins Rennen führen soll.

Bis dahin hat „Mayor Pete“ ein vollgepacktes Wahlkampf-Programm, das der 38-jährige mit einer starken Tasse schwarzen Kaffee beim Bürgermeister von Nashua Jim Donchess beginnt. Dort beschwert sich der Hoffnungsträger der Moderaten, um den Rückenwind betrogen worden zu sein, der den Siegern von Iowa in der Vergangenheit die Wahlkampfkassen füllte und Medienaufmerksamkeit schenkte. „Momentum“ nennen das die Amerikaner.

Iowa ist der große Verlierer

Das Wahlkampfteam von Bernie Sanders reagierte prompt und veröffentlichte interne Zählungen, wonach der Senator vorne liegt. Foto: Kerem Yucel/afp
Das Wahlkampfteam von Bernie Sanders reagierte prompt und veröffentlichte interne Zählungen, wonach der Senator vorne liegt. Foto: Kerem Yucel/afp

Das einzige Problem für Buttigieg bestand darin, dass er seine Behauptung mit keiner einzigen offiziellen Zahl untermauern konnte. Wie auch Bernie Sanders nicht, der weniger bombastisch, aber genauso entschieden seinen Sieg ausrief. „Ich habe das Gefühl, wir haben hier eine sehr gute Nacht gehabt“, verkündete der demokratische Sozialist vor seinen Anhängern. „Der Wechsel kommt.“ Als Siegerin sah sich auch Elizabeth Warren, die vor ihrem nächtlichen Aufbruch nach New Hampshire erklärte, „es ist zu knapp, um ein Ergebnis auszurufen.“ Ex-US-Vizepräsident Joe Biden wiederum machte das Beste aus einer Wahlnacht, die weit hinter den Erwartungen seines Teams zurückblieb. „Wir haben unseren Teil an Delegierten gewonnen“, versicherte er, während Ehefrau Jill ein wenig betreten ins Publikum schaut. „Und sind auf ein langes Rennen eingestellt.“

Während sich alle Kandidaten irgendwie zu Siegern erklärten, stand der Staat Iowa als großer Verlierer fest. „Das dürfte der letzte Caucus gewesen sein“, reagierte Barack Obamas ehemaliger Wahlkampfstratege David Plouffe auf das Chaos, das sich live im Fernsehen entfaltete. Das lag an einer Panne bei der Erfassung der Ergebnisse aus den fast 1700 Parteiversammlungen. Die hatten pünktlich gegen 19 Uhr Ortszeit in Schulen, Turnhallen, Kirchen, Gemeindezentren und Wohnhäusern begonnen. Nach zwei Stunden hatten die Wähler entschieden. Die Ergebnisse waren eigentlich für 22 Uhr erwartet worden. Während die Kandidaten, ihre Wahlkampfteams und die großen Fernsehsender von Minute zu Minute ungeduldiger auf die ersten harten Zahlen warteten, teilte die Partei mit, es gebe „Unstimmigkeiten“, die bei einer „Qualitätskontrolle“ überprüft werden müssten.

96 Prozent für Trump

  • Republikaner:

    US-Präsident Donald Trump hat erwartungsgemäß mit überwältigender Mehrheit die erste Vorwahl der Republikanischen Partei im US-Präsidentschaftsrennen in Iowa gewonnen. Die „New York Times“ berichtete nach Auszählung von mehr als zwei Dritteln der Wahlbezirke, Trump sei auf mehr als 96 Prozent der Stimmen gekommen.

  • Konkurrenz:

    Seine Konkurrenten – der frühere Gouverneur von Massachusetts, Bill Weld, und der konservative Radio-Moderator Joe Walsh – blieben unter zwei Prozent.

Der ehemalige Parteichef der Demokraten in Iowa, Derek Eadon, fand eine andere Beschreibung für das Chaos: „Ein systemweites Desaster“. Es begann mit dem Versagen einer hastig entwickelten App, mit der die Verantwortlichen die Ergebnisse der „Caucusses“ übermitteln sollten. Dann versuchten diese vergeblich das Telefon-Backup-System zu benutzen. In ihrer Not schickten einige die Resultate via Twitter, Facebook oder Email, an die sie Fotos der Ergebniskarten anhängten. Nach zwei Krisengesprächen der Parteiverantwortlichen in Iowa mit den empörten Teams der Kandidaten und einem nächtlichen Pressebriefing ohne Reporterfragen hieß es kurz nach zwei Uhr in der Nacht, die Ergebnisse würden im Laufe des Dienstags bekanntgegeben.

Bloomberg voller Schadenfreude

Das Wahlkampfteam Michael Bloombergs, der in Iowa nicht angetreten war, machte keinen Hehl aus seiner Schadenfreude über das Chaos, das dem Milliardär nach Einschätzung von Analysten hilft, weil es so keinen klaren Favoriten gibt. Hätten sie Bloomberg-Technologie eingesetzt, ätzte Wahlkampfmanager Kevin Shelley, lägen Ergebnisse vor.

Joe Biden machte das Beste aus einer für ihn enttäuschenden Wahlnacht. Foto: Marcio Sanchez/dpa
Joe Biden machte das Beste aus einer für ihn enttäuschenden Wahlnacht. Foto: Marcio Sanchez/dpa

Verdächtig aggressiv reagierte das Biden-Team, das noch in der Nacht in einem Schreiben an die Parteifreunde in Iowa umfassende Aufklärung verlangte, bevor irgendein Ergebnis veröffentlicht wird. Je länger die Bekanntgabe des Wahlsiegers verzögert wird, desto mehr könnte der Vizepräsident den Effekt eines schlechten Abschneidens in Iowa abfedern. Hartnäckig hielten sich Spekulationen, dass Biden aus dem Führungsquartett der demokratischen Bewerber an letzter Stelle landete. Warrens Wahlkampfmanager Roger Lau erklärte, zwischen Buttigieg, Sanders und Warren sei es knapp. „Biden ist abgeschlagen auf dem vierten Platz“.

Das Chaos in Iowa verstärkt nach Ansicht erfahrener Beobachter wie Ann Kuster die Verunsicherung der Demokraten, die nach einem Kandidaten suchen, der Donald Trump schlagen kann. „Ich habe noch nie eine so hohe Zahl an unentschiedenen Wählern gesehen“, sagt die Abgeordnete aus New Hampshire, das nun noch mehr Aufmerksamkeit als sonst erhält. Nur knapp ein Drittel der Wähler hat sich laut letzen Umfragen auf einen Kandidaten festgelegt.

Was erklärt, warum es alle eilig hatten, noch in der tiefen Nacht in den Granitstaat aufzubrechen. Bei Ankunft auf dem Flughafen gab ein Aktivist dem ehrgeizigen „Mayor Pete“ eine Mahnung mit in den Schlussspurt: „Iowa pflückt Mais, New Hampshire wählt Sieger aus.“

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