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Dienstag, 17. Juli 2018 30° 6

Leben

Glücksspiel: Automatisch verloren

Wird das Zocken zur Sucht, geht das Leben den Bach runter. Michael M. schafft nach 30 Jahren den Absprung.
Von Susanne Wolf

Glücksspiel – eine Freizeitbeschäftigung, die süchtig macht. Foto: 18percentgrey - stock.adobe.com
Glücksspiel – eine Freizeitbeschäftigung, die süchtig macht. Foto: 18percentgrey - stock.adobe.com

Regensburg.Es blinkt und rattert, surrt und dudelt. Der Raum hat zwar keine Fenster und Uhren, trotzdem leuchten die vielen Automaten dem Besucher grell entgegen. Sitzt er dann am Automaten, hat er die Qual der Wahl zwischen mehreren Spielen. Ist die Münze eingeworfen und das Spiel ausgesucht, können – im wahrsten Sinne des Wortes – die Spiele beginnen. Die Spiele, wo dem eigenen Geld hinterhergejagt wird – immer in der Hoffnung, es zu vervielfachen.

So in etwa sieht der Alltag in nahezu allen deutschen Spielotheken aus. Laut der Deutschen Automatenwirtschaft, die sich in circa 5000 mittelständische Unternehmen in den Bereichen Industrie, Großhandel und Automatenaufstellung gliedert, sind derzeit bundesweit 264000 Geldspielgeräte aufgestellt. Rund 82000 Spielgeräte verteilen sich demnach auf gastronomische Betriebe, dazu kommen 9000 Spielstättenstandorte mit circa 182000 Spielgeräten.

Laut der DHS sind rund 506000 Deutsche Spieler

Was viele nicht wissen: Glücksspiel kann süchtig machen und ist mittlerweile als Krankheit anerkannt. Aus dem „DHS Jahrbuch Sucht 2018“ der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) geht hervor: „Nach aktuellen Prävalenzzahlen ist bei 0,56 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung (326000 Personen) ein problematisches Spielverhalten und bei 0,31 Prozent (180000 Personen) ein pathologisches Spielverhalten erkennbar.“ Zudem habe sich die ambulante Beratungsnachfrage durch pathologische Spieler leicht erhöht. Einer dieser Spieler, der im März 2017 Hilfe bei der Caritas Fachambulanz für Suchtprobleme in Regensburg gesucht hat, ist Michael Müller (Name v. d. Red. geändert). Der 49-Jährige war weit über 30 Jahre spielsüchtig. „Ich bin schon als Kleinkind am Spielautomaten gesessen“, erzählt er. Müller wächst bei seiner Oma und seinem Onkel – beides Alkoholabhängige – auf, da sein Vater unbekannt und seine Mutter beruflich unterwegs ist, 1971 wird seine Mutter dann ermordet, als Müller zwei Jahre alt ist. Seine Oma putzte in Lokalen und setzte ihn vor einen Automaten. „Damit ich ruhig war.“

Richtig los geht es in seiner Jugend. „Ich habe da schon immer alles wie meine Zugfahrkarten verspielt. Dann bin ich eben heimgetrampt“, blickt er zurück. „Mit 15 war ich schon spielabhängig. Ich war mir damals schon darüber bewusst, weil ich als Lehrling in Bahnhofskneipen mein Geld verzockt habe.“ Trotz zusätzlicher Unterstützung von Oma und Onkel holt er sich oft einen Vorschuss bei seinem Arbeitgeber. „Alles ist draufgegangen.“ Seine Sucht zieht sich über die Jahre hin. „Es war mal mehr, mal weniger.“

Lesen Sie hier ein Interview mit Christian Kreuzer, Leiter der Caritas Fachambulanz für Suchterkrankungen

1996 lernt er Christina kennen, mit der er seit 2001 verheiratet ist. „Sie hat bald meine Sucht bemerkt, weil ich nie Geld hatte“, sagt Müller. Trotzdem macht er aus seiner Krankheit ein Geheimnis. „Ich habe immer gesagt, dass ich Karten spielen gehe – und nie was von Automaten erzählt.“ Eines Tages sieht Christina ihren Mann zufällig, als er in eine Spielothek geht. Danach kommt es vermehrt zu Streitigkeiten, das Vertrauensverhältnis ist zerrüttet. Vor rund zehn Jahren sind die Probleme so groß, dass Müller seiner Frau seine Kontovollmacht gibt, denn sogar das Einfamilienhaus steht auf dem Spiel. „Das Haus hat uns zusammengehalten“, erzählt er. Künftig machen die beiden „Finanzmanagement“: „Christina hat mir jede Woche etwa 50 Euro gegeben.“ Diese hat er zur freien Verfügung – sie landen aber sofort wieder im Automaten. Ein Kompromiss, denn eine Therapie ist lange keine Option. „Ich wollte mich nicht outen“, gesteht er. Die Angst vor Ablehnung ist zu groß. „Ich habe immer Lügen erfunden. Ich habe gesagt, dass ich mit Kumpels zum Bowlen gehen. Da habe ich nur eine Kleinigkeit gegessen und mir heimlich einen gewissen Betrag weggetan. Ein Spieler ist ein sparsamer Mensch, was das ,normale‘ Leben betrifft.“ Jeden Euro, den er beiseiteschaffen kann, steckt er in Automaten. „Man weiß zwar, dass der Automat immer gewinnt, aber man hofft halt“, sagt er. „Ein Süchtiger hat immer automatisch verloren!“

Seine Sucht bezeichnet Müller als „Muss“: „Das Auto ist immer zur Spielothek gefahren“, erklärt er. „Hatte ich Geld in der Hand, musste ich spielen.“ Doch in den letzten Jahren bereitet ihm das Gewinnen keine Freude mehr: „Das war ein Druck. Hatte ich Geld, musste ich spielen – so lange, bis es weg war.“ Ein Gewinn beschert ihm zwar ein kurzes Glücksgefühl, danach geht es ihm aber schlecht. „Ich musste ja etwas erfinden, damit ich wieder spielen konnte.“ Über die Abhängigkeit war er sich bewusst. „Aber alles war auf Lügen aufgebaut. Ich habe mir immer wieder Geld gepumpt.“ Dieses Lügengerüst aufrechtzuerhalten, sei anstrengend gewesen. „Mir hat der Antrieb gefehlt.“

Irgendwann ist die Sucht so groß, dass Müller in der Arbeit klaut

Einmal war sein Suchtdrang so groß, dass er seinen Arbeitgeber beklaut: Der Inhalt einer Geldkassette landet in seiner Tasche. Er meldet die Kassette als gestohlen. Das geht einmal gut. Eine Woche später begeht er den Diebstahl erneut. „Ich hatte gehofft, dass ich mit diesem Geld das vom letzten Mal wieder gewinne.“ Fehlanzeige! Er taucht einige Tage ab und gesteht dann sein Vergehen. Er bekommt eine Anzeige und verliert seinen Job. „Ich habe früher auch meine Oma, meinen Onkel und später meine Frau beklaut“, gesteht er. Oft sind die Schuldgefühle und der Mangel an Lebensqualität so groß, dass Müller nicht mehr leben möchte. „Ich hatte oft Selbstmordgedanken. Hätte ich Eier in der Hose gehabt, wäre ich heute sicher nicht mehr am Leben.“

Diagnosekriterien für Glücksspieler

  • 1. Notwendigkeit des Glücksspielens mit immer höheren Einsätzen, um eine gewünschte Erregung zu erreichen

  • 2. Unruhe und Reizbarkeit bei dem Versuch, das Glücksspielen einzuschränken oder aufzugeben

  • 3. Wiederholte erfolglose Versuche, das Glücksspielen zu kontrollieren, einzuschränken oder aufzugeben

  • 4. Starke gedankliche Eingenommenheit durch Glücksspielen

  • 5. Häufiges Glücksspielen in belastenden Gefühlszuständen

  • 6. Rückkehr zum Glücksspielen tags darauf, um Verluste auszugleichen

  • 7. Belügen anderer, um das Ausmaß der Verstrickung zu vertuschen

  • 8. Gefährdung oder Verlust einer wichtigen Beziehung, eines Arbeitsplatzes, von Ausbildungs- oder Aufstiegschancen aufgrund des Glücksspielens

  • 9. Verlassen auf finanzielle Unterstützung durch andere, um die durch das Glücksspielen verursachte finanzielle Notlage zu überwinden

  • Quelle: www.lsgbayern.de

Das bestätigt auch Christian Kreuzer, Leiter der Caritas Fachambulanz für Suchtprobleme: „Spieler erleben manchmal, dass jetzt nichts mehr geht und sie in ihrem Leben überhaupt nichts mehr hinbekommen.“ Neben dem finanziellen Verlust gingen vor allem Beziehungen in die Brüche, wodurch die Abhängigen oft ihren Halt im Leben verlieren würden. „Zudem geht das Selbstwertgefühl oft drauf“, erklärt er weiter. Wieder und wieder erlebt der Süchtige, dass er aufhören will und dann doch wieder in seine Abhängigkeit verfällt. So läuft es auch über 30 Jahre lang bei Müller. „Insgesamt ist durch meine Sucht Geld im Wert von mindestens einem Einfamilienhaus draufgegangen“, gesteht er.

Bei ihm hat es 2017 „Klick“ gemacht: „Die Lebensqualität hat derart nachgelassen, dass ich mich für eine Therapie entschieden habe“, erzählt er. Er hat bei seiner Familie, seinen Freunden und seiner Arbeitsstelle die Karten auf den Tisch gelegt und sich als pathologisch Spielsüchtiger geoutet. Zwölf Wochen stationäre Reha, viele Gespräche mit seiner Frau Christina und anderen Nahestehenden lenken ihn wieder in die richtige Bahn. „Ich habe wieder zu mir gefunden“, fasst er zusammen. Knapp eineinviertel Jahre später besucht er jetzt noch 14-tägig eine Selbsthilfegruppe. „Ich habe jetzt viel mehr Lebensqualität. Ich kann mein Leben endlich genießen.“ Auch die Ehe habe sich gebessert. „Langsam kann mir Christina wieder vertrauen“, freut er sich, „und niemand hat sich von mir abgewendet.“ Und auch wenn er jahrelang verloren hat, hat er letztendlich doch gewonnen: Er hat sein Leben, sein Selbstwertgefühl und seine Partnerschaft wieder.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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