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Jubiläum

Heide Simonis schrieb Geschichte

Es war ein historisches Ereignis: Als erste Frau wurde Heide Sionis Ministerpräsidentin. Ein Vierteljahrhundert ist das her.
Von Wolfgang Schmidt, dpa

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) applaudiert vor der SPD-Präsidiumssitzung in Berlin der schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin Heide Simonis, die am Vorabend in Kiel mit 43,1 Prozent die Landtagswahl im nördlichsten Bundesland gewonnen hatte. Foto: Wolfgang Kumm, dpa
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) applaudiert vor der SPD-Präsidiumssitzung in Berlin der schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin Heide Simonis, die am Vorabend in Kiel mit 43,1 Prozent die Landtagswahl im nördlichsten Bundesland gewonnen hatte. Foto: Wolfgang Kumm, dpa

Kiel.Heide Simonis war die erste und fast zwölf Jahre lang die einzige Frau im Männer-Club der Ministerpräsidenten. 25 Jahre ist es her, dass die Sozialdemokratin am 19. Mai 1993 in Kiel erste Chefin einer Landesregierung wurde. War das ein besonderes Gefühl? „Eigentlich nicht. Aber da alle sagten, das wäre so, musste ich es ja glauben. Ich hatte gar keine Zeit, darüber nachzudenken“, sagt die 74-Jährige heute.

Simonis war damals Finanzministerin in der SPD-Alleinregierung, die am 3. Mai ihren Ministerpräsidenten Björn Engholm verloren hatte, den Bundesvorsitzenden und Hoffnungsträger der Sozialdemokraten. Er war zurückgetreten, weil er 1987 Hintergrundwissen über den Barschel/Pfeiffer-Skandal wider besseren Wissens verneint hatte und dies nun unter dem Druck eines Untersuchungsausschusses zugeben musste. Der SPD-Traum, 1994 bei der Bundestagswahl mit Engholm Helmut Kohl vom Kanzlerthron zu stoßen, war ausgeträumt.

Simonis hatte sich schon im Finanzausschuss des Bundestages in einer Männerwelt behauptet, bevor Engholm sie 1988 in sein Kabinett holte. Später, als Vorsitzende der Tarifgemeinschaft der Länder führte sie 1992 Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst so hart, dass sie Respekt und Kritik zugleich erntete.

Die Männer machten ihr das Leben schwer

Ihre neue Rolle als Regierungschefin nahm die unkonventionelle, schlagfertige Frau selbstbewusst an. Aber: „Es war nicht ganz einfach, Ministerpräsidentin zu sein“, sagt sie heute. Wer ihr das Leben schwer gemacht habe? „Die Männer.“ Ihnen schreibt sie Schikanen zu, die Frauen am Fortkommen hindern. Aus gesundheitlichen Gründen hat sich Simonis mittlerweile ins Private zurückgezogen.

Im Amt trat sie ganz anders auf als Engholm. Sie lief barfuß im Büro herum, wartete in der Kantinenschlange auf’s Essen, fiel mit schrägen Hüten auf und mit flottem Mundwerk. „Viel Spaß, und macht keinen Scheiß“, rief sie 1996 Tausenden zum Start der Kieler Woche zu.

Die neue schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis leistet im Kieler Landtag den Amtseid. Als erste Frau in Deutschland wird Heide Simonis Ministerpräsidentin, nach einer spektakulären Vorgeschichte. Genau ein Vierteljahrhundert ist das her. Die heute 74-Jährige fand das Ganze gar nicht so besonders. Foto: Stefan Hesse, dpa
Die neue schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis leistet im Kieler Landtag den Amtseid. Als erste Frau in Deutschland wird Heide Simonis Ministerpräsidentin, nach einer spektakulären Vorgeschichte. Genau ein Vierteljahrhundert ist das her. Die heute 74-Jährige fand das Ganze gar nicht so besonders. Foto: Stefan Hesse, dpa

Für Ex-FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki war es 1993 klar, dass Simonis Engholm ablöste. „Von der politischen Kompetenz war sie die geborene Nachfolgerin.“ Aber für Simonis sei es etwas Besonderes gewesen. „Sie hatte immer das Gefühl, sie müsse doppelt so gut sein wie ein vergleichbarer Mann.“ Das habe sie unter Stress gesetzt.

„Sie ist ungeheuer populär geworden, hatte ihr Herz auf dem richtigen Fleck“, sagt SPD-Landeschef Ralf Stegner. Simonis habe eine Reformregierung geführt und sich auch von herben Angriffen nicht unterkriegen lassen. Als sie 2005 bei ihrer geplanten Wiederwahl im Landesparlament dem bis heute unerkannten „Heide-Mörder“ zum Opfer fiel, war sie als Ministerpräsidentin immer noch allein. Ihre Wiederwahl scheiterte damals, weil ihr jemand aus den eigenen Reihen vier Mal die Stimme verweigerte. Ihr fassungsloser, leerer Blick blieb TV-Zuschauern wie nahen Beobachtern unvergessen.

Aufstieg auf Bundesebene blieb verwehrt

Das Aus für Rot-Grün im Norden war 2005 auch der Anfang vom Ende für Rot-Grün im Bund. Angela Merkel wurde die erste Kanzlerin. Die zweite Ministerpräsidentin folgte erst Ende 2009 mit der Christdemokratin Christine Lieberknecht aus Thüringen. „Das fand ich schon toll, die erste Ministerpräsidentin“, erinnert sie sich an Simonis. „Wir hatten ein freundschaftliches Verhältnis.“ Beide kannten einander recht gut: Lieberknecht saß in den Neunzigern als Ministerin für Bundesangelegenheiten im Bundesrat neben den Kielern mit Simonis.

Der ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Björn Engholm spricht mit der damaligen Finanzministerin Heide Simonis in Kiel, als sie mit überwältigender Mehrheit als Nachfolgerin von ihm gewählt wurde. Foto: Wulf Pfeiffer, dpa
Der ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Björn Engholm spricht mit der damaligen Finanzministerin Heide Simonis in Kiel, als sie mit überwältigender Mehrheit als Nachfolgerin von ihm gewählt wurde. Foto: Wulf Pfeiffer, dpa

Und ihre eigene Wahl? „Das war für mich ein absolut bewegendes Ereignis.“ Lieberknecht bekam damals auch einen Gratulations-Anruf von Simonis: „Sie war sehr solidarisch und hat sich sehr für mich gefreut“. Danach rückten Frauen zügiger an die Spitze in den Ländern: Hannelore Kraft (SPD) 2010 in NRW, Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) 2011 im Saarland, Malu Dreyer (SPD) 2013 in Rheinland-Pfalz, Manuela Schwesig (SPD) 2017 in Mecklenburg-Vorpommern.

Simonis trieb in ihrer Amtszeit die Modernisierung des Landes voran, doch die Verschuldung wuchs immer mehr. Sie war häufig in Talkshows, erreichte aber nicht die bundespolitische Ausstrahlung Engholms. Mit Plänen für eine höhere Mehrwert- oder Erbschaftsteuer scheiterte sie ebenso wie mit einem Alleingang zur „Entbeamtung“ von Lehrern. Ein Aufstieg auf die Bundesebene blieb ihr verwehrt.

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