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Kino

Helena Bonham Carter: Nicht normal

Beim Sonntagsfrühstück: Schauspielerin Helena Bonham Carter spricht über Schizophrenie, Urin-Parfüm und Stillsitzen im Alter.
Von Angela Sonntag

Die britische Schauspielerin Helena Bonham Carter bei der Premiere des Films. Foto: Andy Rain/EPA FILE/dpa
Die britische Schauspielerin Helena Bonham Carter bei der Premiere des Films. Foto: Andy Rain/EPA FILE/dpa

Düsseldorf.Helena Bonham Carter sitzt gemütlich auf der Couch im Hyatt Regency Hotel in Düsseldorf, als ich sie zum Interview treffe. Draußen hat es 27 Grad, das Zimmer ist klimatisiert und doch erfrischt sich die 52-jährige Schauspielerin immer wieder und sprüht sich Wasser ins Gesicht. „Nicht wundern, das ist mein Energie-Spray“, erklärt sie nebenher. Nicht wundern ist so eine Sache bei Helena Bonham Carter. Die Britin ist bekannt durch ausgefallene Rollen von Lucy Honeychurch in „Zimmer mit Aussicht“ über Bellatrix Lestrange in „Harry Potter“ bis hin zur Roten Königin Iracebeth in „Alice im Wunderland“. In ihrem neuesten Film „Eleanor & Colette“ (Kinostart: 3. Mai) spielt sie Eleanor Riese, eine paranoide Schizophrene, die mithilfe einer Anwältin aus einer Klinik entlassen werden will, weil sie dort zu hoher Zwangsmedikation ausgesetzt ist. Wieder eine Rolle, die nicht gerade dem Mainstream entspricht. Aber das passt zu Helena Bonham Carter. Denn wenn man mit ihr spricht, merkt man, ihre Exzentrik ist kein Gehabe, sondern ehrlich und authentisch – eben eine Künstlerin.

Mrs. Bonham Carter, als ich einer Kollegin erzählte, dass es in Ihrem neuen Film um eine psychisch kranke Frau geht, die mit einer Anwältin zusammen um ihre Rechte kämpfen will, sagte meine Kollegin gleich: „Lass mich raten, Helena Bonham Carter spielt die psychisch Kranke?“

(lacht laut und herzlich) Ach wirklich? Wie kommt sie nur darauf (schmunzelt). Aber bizarrerweise war ich tatsächlich zuerst für die Rolle der Anwältin vorgesehen. Vor 15 Jahren, als wir mit den Planungen für dieses Projekt angefangen haben, sollte ich Colette Hughes spielen und Susan Sarandon Eleanor Riese – sie hätte das bestimmt brillant gemacht. Dann wurde das ganze Projekt aber wieder auf Eis gelegt. Und als wir die Idee wieder aufgegriffen haben und Bille August als Regisseur mit an Bord war, sagte er zu mir: „Du musst Eleanor spielen“.

Und das war für Sie in Ordnung? Es sind ja doch zwei sehr unterschiedliche Figuren...

Ja, im Endeffekt war es für mich ein Geschenk, Eleanor zu spielen. Ich weiß schon, dass sehr viele Leute sagen, dass ich oft die kranken oder verrückten Figuren spiele. Aber ich bin einfach interessiert an Menschen und Rollen, die ... (überlegt) ... bemerkenswert sind. Für mich sind sie nicht verrückt. Ich glaube, auf eine gewisse Weise mag ich die Tatsache, wenn etwas oder jemand nicht normal ist. Das habe ich vielleicht auch von meiner Mutter, sie ist Therapeutin und ich fühle mich manchmal auch wie eine Therapeutin, weil ich mich dafür interessiere, was Krankheit oder Außergewöhnlichkeit mit den Menschen macht.

Der Film geht aber erst einmal recht erschreckend los. Ich erinnere mich an eine Szene, gleich am Anfang, die bestürzend und eindrucksvoll zugleich ist. Eleanor ist in der Klinik und wehrt sich, Tabletten zu nehmen. Dann wird sie von den Pflegern gepackt, festgehalten, Eleanor schreit, tritt und schlägt um sich, bis sie in eine Zelle gesperrt und dort mit Spritzen ruhiggestellt wird. Einerseits eine sehr gewaltige Szene, andererseits zeigt sie, wie machtlos Eleanor war. Wie war es für Sie, die Szene zu spielen?

Sie haben recht, das war wirklich eine sehr gewaltige Szene. Aber in erster Linie hatte ich im Kopf, dass mich die armen Pfleger tragen müssen. Und ich bin nicht leicht (lacht). Das waren jetzt auch nicht die muskelbepacktesten Schauspieler, sie sollten ja eher wie psychiatrische Pflegekräfte aussehen. In der Szene mussten wir einen Gang von rund zwölf Metern entlanggehen. Das hört sich nicht viel an, aber in der Situation können Sie sich nicht vorstellen, wie lang plötzlich zwölf Meter sind. Und ich musste mich ja auch noch ständig wehren und um mich schlagen. Aber, ich finde, die Szene ist sehr intensiv geworden. Eleanor kämpft ja genau da um ihr Leben. Sie kämpft darum, nicht in diese Zelle eingesperrt und mit Medikamenten ruhiggestellt zu werden, die sie nicht nehmen will. Die Zelle bedeutet Folter, Schmerz und Bewusstlosigkeit. Wenn man sich das ins Gedächtnis ruft, kann man auch verstehen, warum sie sich so gewehrt hat.

Eleanor leidet an paranoider Schizophrenie. Schizophrene Menschen oder mit ähnlichen psychischen Problemen werden oft in der Gesellschaft stigmatisiert. Sehen Sie den Film als Möglichkeit, Vorurteile zu widerlegen?

Ich sehe allgemein die Gefahr bei einem gewissen „Etiketten-Denken“. Im Fall von Eleanor war es so, dass in den 80er Jahren die Meinung über Schizophrenie nicht sonderlich aufgeklärt war. Eine befreundete Psychiaterin, die das Skript las, erklärte mir, dass die Diagnose sehr schnell gestellt wurde. Ob Depressionen oder Stimmungsschwankungen – alles war Schizophrenie. So war es auch bei Eleanor. Die Anfälle und Nebenwirkungen hatte sie aber von den Medikamenten, die man ihr verabreicht hat. Und die Anfälle wiederum versetzten sie in Angstzustände. Das alles hat ihr damals nur keiner geglaubt. Man hat sie ruhiggestellt. Problem erledigt. Also ja, ich finde schon, dass der Film zeigt, dass man Menschen nicht so einfach ruhigstellen kann.

Eleanor ist sehr religiös. Sind Sie religiös?

Ich würde sagen, ich bin spirituell. Ich glaube auch, dass Eleanor noch bei mir ist, in gewisser Weise in mir steckt. In ganz unterschiedlicher Weise. Ihren Akzent oder wie sie sich bewegt hat, habe ich nicht so schnell abgelegt. Ich versuche das aber zu unterdrücken, um meine Kinder nicht zu blamieren (lacht). Weil Eleanor aber immer noch gehört werden will, will ich sie nicht ganz loswerden. Das ist jetzt meine Aufgabe durch und mit diesen Film.

Was ziehen Sie als Schauspielerin vor, eher reale Geschichten wie jetzt die von Eleanor zu spielen oder eher fantasiereiche, erfundene Stories wie bei „Alice im Wunderland“ oder „Harry Potter“?

Bei Fantasy-Geschichten ist es einfach so, dass du nicht mehr an einem richtigen Set arbeitest, sondern nur noch vor Blue- und Green-Screens. Das ist sehr schade. Wenn das Set real ist, ist es schon mal viel aufregender. Aber, wenn du dir alles vorstellen musst, kann es ganz schön langweilig werden. Da war es zum Beispiel fantasiereicher, als wir „Eleanor & Colette“ hier in Deutschland gedreht haben. Der Film spielt in San Francisco, aber wir haben in Köln gedreht. Das ist auch Fantasie. Wir hatten sogar ein 360-Grad-Set, also nicht nur 2-D-Aufbauten. Das beeinflusst dich als Schauspieler natürlich auch positiv. Dagegen sind Blue-Screens ein Alptraum. Es ist kühl und es herrscht keine Stimmung, du bist die Einzige in einem Kostüm und hunderte andere stehen um dich herum. Aber so dreht man nun mal einen Blockbuster.

Wie sieht es mit Make-Up und Kostümen aus? Eher die Rote Königin Iracebeth aus „Alice im Wunderland“ oder wenig und natürlich?

So wenig wie möglich! Es gehört nicht zu meinen Stärken, geduldig und ruhig zu sein (lacht). Natürlich mache ich es, wenn es verlangt wird wie bei Iracebeth, das ist schließlich mein Job. Aber je älter ich werde, desto mehr will ich lieber rumlaufen und nicht stillsitzen. Aber egal, wie viel Kostüm man anzieht, man muss es auch ausfüllen, das heißt, die Rolle erfüllen können. Du musst selbst an deine Figur glauben. Und dann sind wir Schauspieler ja trotzdem immer noch skeptisch und finden vieles schrecklich, wie wir es dargestellt haben (lacht). Und andere finden es brillant.

Gab es denn mal Szenen in einem Film, bei dem Sie sich während des Drehs schrecklich fanden, und als Sie sich dann später sahen ...

... fand ich es noch schrecklicher? (lacht)

Ist das schon vorgekommen?

Naja, tatsächlich bin ich meistens überrascht, was Gutes herauskommt. Die meiste Zeit bin ich zufrieden damit. Obwohl es mir immer wie Zeitlupe vorkommt, wenn ich mich selbst sehe.

Wirklich? Warum das?

Ich weiß es nicht, aber es ist so. Ich denke mir jedes Mal: „Komm, schneller, wieso sagst du nichts, beweg dich mal!“

Zur Person

  • Leben:

    Helena Bonham Carter wurde am 26. Mai 1966 in Golders Green, London, geboren. Sie ging auf eine private Mädchenschule in Hamp-stead, London. Ihre Mutter ist Psychotherapeutin, ihr Vater Bankier. Die Schauspielerei startete sie mit 16 Jahren, ihr Durchbruch kam mit „Zimmer mit Aussicht“. Sie spielte außerdem hauptsächlich Figuren aus dem 20. Jahrhundert, ehe Filme wie „Fight Club“, „Charlie und die Schokoladenfabrik“ oder „Lone Ranger“ kamen. 2009 wurde sie von der Zeitung „The Times“ zu den zehn besten britischen Schauspielerinnen gezählt.

  • Familie:

    Von 2001 bis 2014 war Bonham Carter mit Tim Burton liiert. Mit ihm hat sie zwei gemeinsame Kinder, deren Patenonkel Johnny Depp, ein langjähriger Freund von Tim Burton, ist.

  • Interview:

    Sonntagszeitungs-Redakteurin Angela Sonntag traf Helena Bonham Carter in Düsseldorf vor der Deutschlandpremiere von „Eleanor & Colette“.

Schauen Sie Ihre eigenen Filme denn öfter an?

Nein, gar nicht. Es gibt einige, die habe ich noch nie gesehen.

Wie formen oder gestalten Sie Ihre Rollen aus?

Klassisch mit Recherche wie wahrscheinlich bei jedem Schauspieler. Außerdem habe ich ein Parfüm für jede Rolle. Ich habe eine Freundin, die Parfüms kreiert und die stellt mir die Düfte zusammen. Enid Blyton roch beispielsweise nach altem Talkumpuder.

Nach was roch Eleanor?

Oh, das wollen Sie nicht wissen.

Jetzt bin ich neugierig ...

Eleanor war ziemlich ekelhaft. Eleanor war ja oft alleine, in der Zelle, ohne Atmosphäre, gedemütigt durch die Psychiater, die sie nicht ernst genommen haben, durch die Medikamente hatte sie keine Kontrolle über ihre Blase. Und in der Zelle hatte sie ja keine Toilette. Der Geruch von Urin ist ziemlich erniedrigend. Und so hat sie sich gefühlt. Es war natürlich kein echter Urin – aber der Geruch von Urin.

Dann freuen Sie sich wahrscheinlich doch auch mehr auf die nächste Rolle. Sie sind bald in „Ocean’s 8“ zu sehen, die Frauen-Version von „Ocean’s 11, 12 & 13“.

Oh ja, und es war großartig mit allen diesen Frauen zusammenzuarbeiten. Acht Frauen in den Hauptrollen, das hat man so noch nicht gesehen. Es war nicht einfach, am Set das Ratsch-Level zu kontrollieren, wir haben schon viel geschnattert. Und nochmal länger hat es gedauert, bis wir überhaupt jeden Tag zu drehen anfingen, wenn acht Frauen bei Haaren, Kostüm und Make-up sitzen. Pro Rolle waren drei Personen beschäftigt, also 24 nur für die Hauptpersonen. Aber es hat unglaublichen Spaß gemacht, der Film wird toll.

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Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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