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Kino

Im Publikum ist jeder ein Filmexperte

Neu im Kino: Denis Moschitto und Susanne Bormann spielen in „Amelie rennt“ die Eltern einer 13-jährigen Asthma-Kranken.
Von Angela Sonntag

Denis Moschitto und Susanne Bormann als Eltern im Film „Amelie rennt“. Der Film startet am 21. September in den deutschen Kinos. Foto: Lieblingsfilm Martin Schlecht
Denis Moschitto und Susanne Bormann als Eltern im Film „Amelie rennt“. Der Film startet am 21. September in den deutschen Kinos. Foto: Lieblingsfilm Martin Schlecht

Berlin.Amelie ist 13, eine waschechte Großstadtgöre und womöglich das sturste Mädchen in ganz Berlin. Amelie lässt sich von niemanden etwas sagen, schon gar nicht von ihren Eltern, die sie nach einem lebensbedrohlichen Asthmaanfall in eine spezielle Klinik nach Südtirol verfrachten. Genau das, was Amelie nicht will. Anstatt sich helfen zu lassen, reißt sie aus. Sie flüchtet dorthin, wo sie garantiert niemand vermutet: bergauf. Zusammen mit einem Jungen, den sie in den Alpen trifft, begibt sie sich auf eine abenteuerliche Reise, bei der es um hoffnungsvolle Wunder geht. Währenddessen sitzen ihre Eltern am Fuße des Berges und stellen fest, dass sie ihrer Tochter vielleicht dann am besten helfen können, wenn sie sie nicht mehr überbehüten, sondern eher loslassen. Keine leichte Aufgabe für Eltern. Die Rollen haben Denis Moschitto und Susanne Bormann übernommen. Zwar stellen sie nur Figuren in einem Film dar, doch der Bezug zur Realität war enger als vielleicht gedacht. So entstand ein Gespräch über Familie, Füreinander-da-sein und doch Loslassen – zwischen Fiktion und Realität, was zeigt, dass der Film „Amelie rennt“ (Kinostart: 21. September) nachvollziehbarer ist als anfangs angenommen.

Was hat Euch an dem Drehbuch gereizt und was war für Euch das Besondere an Euren Rollen?

Denis Moschitto: Ich hatte Lust auf einen Familienfilm – eben nicht einen Kinderfilm. „Amelie rennt“ ist für uns ein Familienfilm. Für mich war außerdem ein Treffen mit Tobias Wiemann, dem Regisseur, sehr ausschlaggebend. Da habe ich gemerkt: Das, was er mit dem Film vorhat, in diese Richtung, in die er will, das interessiert mich sehr und das entspricht mir.

Susanne Bormann: Im Film geht es ja auch darum, dass Eltern ihre Kinder ziehen lassen müssen, damit diese ihre eigenen Schritte gehen. Als ich das Drehbuch gelesen habe, gab es am Ende die Stelle, als die Mutter ihrer Tochter einen Brief schreibt. Diese Zeilen fand ich so berührend und sie haben das Thema genau auf den Punkt gebracht. Da wusste ich, diese Geschichte will ich erzählen. Ich selbst habe ja noch eine recht kleine Tochter, das dauert noch, bis wir zu diesen Themen kommen. Aber für andere Eltern ist das gewiss sehr präsent und aktuell. Der zweite Aspekt war die Art und Weise, wie die Krankheit gezeigt wird. Da ist ein Kind, das eine Schwäche hat, wie viele andere Kinder vielleicht auch. Aber dieses Mädchen wird trotz diese „Makels“ zur Heldin. Ich denke, das ist ein guter Weg, um Kindern eine Möglichkeit zu geben, anders über die Krankheit nachzudenken – ob sie sie nun selber haben oder nicht.

Wie oft habt Ihr vorher schon die Rolle der Eltern übernommen?

Denis Moschitto: Ein paar Mal. Bei mir häuft sich das jetzt in meinem Alter (schmunzelt).

Ist das ein Einschnitt als Schauspieler, wenn man plötzlich die Elternrolle hat? Du warst in diesem Jahr beispielsweise gleichzeitig in Josef Haders „Wilde Maus“ zu sehen, wo Du einen jungen Liebhaber spielst ...

Denis Moschitto: Naja, da ich ja tatsächlich doch altere, auch wenn ich das nicht will (lacht), erschließen sich für mich als Schauspieler einfach andere Rollen. Ich möchte zum Beispiel nicht mehr den coolen Teenager spielen. Das entspricht mir auch nicht mehr. Ich habe in dem Beruf viel Erfahrungen gesammelt und die möchte ich einbringen. Deswegen freue ich mich, dass mir auch solche Rollen angeboten werden. Natürlich gibt es zwischen Schauspielern und Schauspielerinnen große Unterschiede. Für Frauen wird das schneller zum Problem. Viele Schauspielerinnen spielen dann nur noch Mütter. Als Mann hat man es da also sehr viel einfacher. Oder was sagst du dazu, Susanne?

Susanne Bormann: Das stimmt. Das kann passieren, dass Frauen aus einer bestimmten Sparte nicht mehr herauskommen. Sie werden dann überhaupt nicht mehr als sie selbst gesehen, sondern nur noch in der Rolle der Mutter. Ich glaube aber, dass sich diese Auffassung zunehmend ändert. Ich habe das so noch nicht erfahren. Für mich war es jetzt eher schön, dass ich diese Rolle spielen durfte. Da ich selbst erst kurz vorher Mama geworden bin, habe ich auch gern eine Mama gespielt.

Ist es dann nicht schwer, eine Mutter zu spielen, die so ein krankes Kind hat?

Susanne Bormann: Naja, in gewisser Weise müssen wir uns immer in Rollen hineinversetzen. Ich musste mir also vorstellen: Wie ist es, wenn mein Kind Asthma hat? Das war ganz klar eine furchtbare Vorstellung. Ich durfte bei meiner Vorbereitung auf die Rolle zu einer Ärztin, die asthmakranke Kinder betreut. Dort habe ich auch Kinder getroffen, die von ihrer Krankheit berichtet haben, wie es ihnen damit geht. Außerdem hat mir die Ärztin ein Buch mitgegeben, in dem für Kinder beschrieben ist, was die Krankheit bei ihnen macht. Das habe ich gelesen und mir dann vorgestellt, wie wäre es, wenn meine Tochter Asthma hätte – um zu fühlen, wie eine Mutter in dieser Situation denkt. Ich habe gemerkt, dass ich permanent Angst hatte, weil man ständig denkt, das Kind könnte sterben. Und was sehr interessant war: Ich habe mich als Mutter schuldig gefühlt, weil mein Kind krank ist und ich es nicht verhindern kann oder konnte. Das ist total unlogisch, ähnlich wie wenn man sich als Scheidungskind schuldig fühlt, weil sich die Eltern getrennt haben. Dieses Denken oder Vorstellen war für mich wichtig, um die Figur der Mutter zu verstehen.

Im Film gehen die Eltern unterschiedlich mit der Krankheit ihrer Tochter um. Der Vater ist offen und lässt seiner Tochter viele Freiheiten. Ist das ein Weg, den ihr auch vertreten würdet oder hättet Ihr eine ganz andere Vorgehensweise?

Denis Moschitto: Im Film ist es ja bewusst so, dass die Eltern mit der Krankheit und mit der Tochter diametral umgehen. Der Vater ist sehr entspannt – wobei ja nicht ganz klar wird, inwieweit das von ihm gespielt ist. Die Mutter ist dagegen hypersensibel. Die Wahrheit ist dann – wie so oft im Leben – in der Mitte. Die eigentlich getrennten Eltern nähern sich dadurch aber auch an.

Susanne Bormann: Das ist auch der entscheidende Punkt für die Mutter. Sie wird lockerer, weil sie weiß, dass sich der Vater jetzt mehr kümmert. In solchen Situationen entwickelt sich immer eine gewisse Dynamik. Ich glaube, das ist eine ganz typische Familiensituation. In dem Moment, wo die Kinder versuchen, sich von den Eltern loszulösen, lassen sich Eltern noch mehr von ihrer Sorge leiten. Das kann bei beiden so sein. Wie mir die Ärztin aber erklärt hat, kommt es tatsächlich bei Kindern mit dieser Krankheit vor, dass die Eltern jeweils genau diese unterschiedlichen Meinungen vertreten. Es sind schon beide Verhaltensweisen der Eltern nachvollziehbar.

Amelie hat ja einen schwierigen Charakter. Sie ist stur, respektlos, sie flucht, sie ignoriert ihre Krankheit. Obwohl sie durch das Asthma geschwächt ist, rennt sie auf den Berg. Hier würde jeder logisch sagen: Dreh um und lass dir helfen. Wieso erweckt so eine eigensinnige, fast lebensmüde Figur beim Zuschauer trotzdem so viel
Sympathie?

Susanne Bormann: Wie hast du es denn als Zuschauer empfunden?

Ich war schon ein wenig angesäuert und dachte mir eben genau „Hör auf rumzuspinnen, sei nicht so stur, die Sache ist ernst, lass dir helfen“... Ich dachte an die Eltern, die sich unglaubliche Sorgen gemacht haben müssen und dieses junge Mädchen verschwendet keinen Gedanken an sie. Sehr respektlos und egoistisch. Interessanterweise saß ich im Kino zwischen Mädchen im Alter von Amelie, die jede Entscheidung von ihr toll fanden ...

Denis Moschitto: Ich finde genau deswegen, dass die Frage gar nicht so leicht zu beantworten ist. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich sauer war. Diese Bockigkeit und Sturheit fand ich anfangs problematisch. Später hatte ich das Gefühl, Amelie ist eine Figur, die mal eine sehr starke Persönlichkeit haben wird. Deshalb fand ich ihre Eigenschaften zunehmend positiv.

Susanne Bormann: Sie bezwingt ja ihren Dämon. Ihre Mama reagiert am Schluss auch ganz anders, als man es erwarten würde – ohne jetzt zu viel zu verraten. Es ist nicht nur Renitenz, was Amelie an den Tag legt.

Denis Moschitto: Sie arbeitet etwas ab. Und das kann sie nur alleine. Damit befreit sie auch in gewisser Weise ihre Eltern.

Susanne Bormann: Ich glaube, dass auch das in vielen Familien vorkommt. Das sind Schlüsselmomente, die in dem Moment, wo sie passieren, recht schmerzvoll sind, aber im Nachhinein entsteht dann eine gewisse Katharsis, die alle zusammen ein ganzes Stück weiterbringt.

Das Kinoprogramm in der Region finden Sie hier.

Ihr habt den Film in der gleichen Vorstellung gesehen wie ich. Der Kinosaal war bis zum letzten Platz gefüllt mit Schülern in Amelies Alter. Wie habt Ihr es empfunden, wie sie auf den Film reagiert haben?

Susanne Bormann: Ich wusste, dass Schulklassen da sein werden und war sehr gespannt auf die Reaktionen. Ich war überrascht, wie konzentriert und aufmerksam die Kinder auch in den stillen Momenten des Films waren. Ich hatte das Gefühl, dass sich die Kinder von der Geschichte beeindrucken haben lassen. Dass sie so fasziniert waren, hat mich sehr gefreut und auch, dass so viel gelacht wurde. Das war wirklich eine tolle Stimmung im Saal.

Denis Moschitto: Ich wusste nichts von den Kindern im Publikum, fand aber ebenfalls, dass sie sehr konzentriert waren. Mich hat es vor allem auch für Mia (Kasalo, Darstellerin der Amelie, Anm. d. Red.) und Samuel (Giradi, Darsteller des Bart, Anm. d. Red.) gefreut, die einfach eine wunderbare Arbeit abgeliefert haben. Wenn wir aufgetaucht sind, dachte ich mir „Ja, schön, gut“, aber wenn Mia und Samuel im Bild waren, war ich begeistert. Das ist wirklich ihr Film. Wir haben die beiden ja kennen und mögen gelernt, da will man sie natürlich nicht auf der Leinwand scheitern sehen... Was in dieser Vorstellung aber nach meiner Einschätzung schon mal nicht der Fall war.

Kinder sind ja grundsätzlich ein sehr ehrliches Publikum ...

Denis Moschitto: Das sind sie. Aber auch jeder andere ist wichtig. Zu mir sagen oft Leute „Ich bin ja nicht vom Fach“. Natürlich sind für uns Experten und ihre Kritik wichtig, keine Frage. Aber man darf nicht vergessen, Filme werden nicht für Kritik gemacht. Im Publikum ist jeder ein Filmexperte.

Zu den Personen:

Denis Moschitto wurde am 22. Juni 1977 als Sohn eines Italieners und einer Türkin in Köln geboren, wo er auch aufwuchs. Bereits während seiner Schulzeit spielte Moschitto Theater. Nach seinem Abitur begann Moschitto zunächst ein Philosophiestudium, bevor er sich seiner Karriere als Schauspieler widmete. Bekannt wurde er vor allem durch Filme wie „Verschwende deine Jugend“, „Süperseks“, „Kebab Connection“ und „Chiko“. Zuletzt war er unter anderem im Film „Almanya – Willkommen in Deutschland“zu sehen. Außerdem spielt er aktuell in Fatih Akins „Aus dem Nichts“ mit, der Film, der als deutscher Beitrag ins Oscar-Rennen geht. Denis Moschitto erhielt mehrere Auszeichnungen für seine Darstellungen, unter anderem im Jahr 2003 den Günter-Strack-Fernsehpreis als „Bester Jungdarsteller“ für die Tatort-Folge „Romeo und Julia“. 2009 erhielt er eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis als „Bester Hauptdarsteller“ für seine Leistung im Film „Chiko“.

Susanne Bormann wurde am 2. August 1979 in Kleinmachnow geboren. Bereits mit acht Jahren war sie in Michael Gwisdeks „Treffen in Travers“ auf der Leinwand zu sehen und war auch während ihrer weiteren Schulzeit bis zum Abitur 1999 in der Schauspielerei tätig. Auf Anraten von Andreas Dresen studierte sie an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Anschließend gehörte sie zum Ensemble des Staatstheaters Nürnberg. Zu ihren bekanntesten frühen Kinoauftritten zählen „Liegen lernen“ (mit Fabian Busch), „Freunde“ (mit Benno Fürmann und Matthias Schweighöfer) und „Schlaraffenland“ (mit Franka Potente, Heiner Lauterbach, Daniel Brühl und Denise Zich). Im Fernsehen war sie in Serien wie „Die Männer vom K3“ und „Schimanski“. 2005 spielte sie in dem Kinofilm „Polly Blue Eyes“ die Titelrolle. In dem Film „Russendisko“ (2014) verkörperte sie die warmherzige Hanna. Susanne Bormann ist mit dem Schlagzeuger Nicolai Ziel liiert, mit dem sie ein gemeinsames Kind hat

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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