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Kachelmann-Prozess: Freispruch rückt näher

Gutachten stützen die Anschuldigungen der Ex-Freundin nicht. Der Vergewaltigungsprozess geht in die entscheidende Phase.
Von Harald Raab, MZ

Jörg Kachelmann (r.) und sein Anwalt Johann Schwenn

Mannheim. Die letzte Etappe im Vergewaltigungsprozess gegen den Moderator Jörg Kachelmann (52) begann gestern mit einem guten Tag für den Angeklagten. Es spricht immer mehr dafür, dass er noch Ende dieses Monats mit einem Freispruch rechnen kann.

Sichtlich entspannt kam Jörg Kachelmann gestern in den großen Saal des Landgerichts Mannheim. Er wirkte selbstbewusster, scherzte mit seinem Verteidiger Johann Schwenn und half galant seiner zweiten Verteidigerin, der Rechtsanwältin Andrea Combé, in die Robe. Dezent wie immer der gedeckte Anzug, dazu eine silbergraue Krawatte. Die Haare sind kürzer, das Gesicht voller.

Verletzungen wohl nicht von Messer

Gelassen stellt sich der Moderator dem Fotoshooting vor Verhandlungsbeginn. Der Osterurlaub in Kanada hat ihm sichtlich gut getan. Ob er weiter einen Ehering trägt, war nicht auszumachen. Er soll eine Studentin in der Schweiz geheiratet haben.

Überraschend wurde zu Beginn der Verhandlung noch ein weiteres rechtsmedizinische Gutachten vorgestellt. Darin kommt der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel zu einem eindeutigen Befund: Der Mediziner schließt aus, dass die Verletzungen am Hals des mutmaßlichen Opfers von einem Messer stammen. Claudia D. hatte bei der Polizei und auch als Zeugin vor Gericht ausgesagt, dass Kachelmann ihr in der Nacht zum 9. Februar 2010 während der Vergewaltigung die Messerklinge an den Hals gepresst und ihr gedroht habe, sie umzubringen, wenn sie sich ihm widersetze. Ein Messer, auch dessen Rückseite, so der Gutachter, würde ganz andere Verletzungen hervorrufen.

Auch alle anderen Verletzungen am Körper der Frau seien oberflächlicher Natur und völlig ungefährlich gewesen. Sie seien an weniger empfindlichen Stellen angebracht und zwar nur da, wo man mit der eigenen Hand hin reichen könne. Auch könnten die Blutergüsse an den Innenseiten der Schenkel nicht von den Knien Kachelmanns verursacht worden sein, wie Claudia D. behauptet hat. Vielmehr müssten sie durch Schläge mit der Faust oder einem kantigen Gegenstand erzeugt worden sein. Püschels Fazit: „Das Verletzungsmuster spricht mehr für eine Selbstbeibringung.“

Gestern war auch die Stunde der Wahrheit. Die Aussagepsychologin Professorin Luise Greuel erläuterte dem Gericht unter Ausschluss der Öffentlichkeit, in welchem Umfang ein Urteil auf die Beschuldigungen der Ex-Kachelmann-Freundin gestützt werden könnte. Schließt man aus dem schriftlichen Ergebnis ihres Gutachtens und den allgemeinen Ausführungen, die von der Psychologin noch in öffentlicher Sitzung gemacht wurden, dann kann man zwar nicht den Nachweis führen, dass Claudia D. bewusst die Unwahrheit sagte. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass sie den tatsächlich stattgefundenen Geschlechtsverkehr mit Gewaltphantasien überlagert hat. Stellt man dazu in Rechnung, dass das Paar über Jahre hinweg sadomasochistische Praktiken gepflegt hat, und dass Rachegedanken nicht von der Hand zu weisen sind, dann klingt diese Erklärung plausibel.

Anschuldigungen nicht bestätigt

Auf keinen Fall, so Verteidiger Johann Schwenn nach dem Gutachten, sei die Glaubwürdigkeit der Anschuldigungen bestätigt worden, ganz im Gegenteil.

Alice Schwarzer, die als Prozessbeobachterin wieder in Mannheim war, glaubt auch nicht mehr an eine Verurteilung Kachelmanns. Sie verweist auf die Problematik, dass speziell im Bereich der Sexualkriminalität bei Paarbeziehungen, immer mehr die Gutachter den Ausgang des Prozesses bestimmen. Sie fordert: „Die Richter müssen endlich wieder die Verantwortung übernehmen. Im Kachelmann-Prozess sind wir nach monatelanger Verhandlung genau an dem Punkt, wo wir schon am Anfang waren.“ Auf wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt, komme der eine Experte zu diesem und der andere zu einem ganz anderen Ergebnis.

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