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Kita-Mord: Was wir wissen und was nicht

Nach dem gewaltsamen Tod der dreijährigen Greta durch eine Erzieherin hat die Staatsanwaltschaft Kleve Fehler eingeräumt.
Von Elke Silberer und Frank Christiansen

Bemalte Steine liegen vor dem Eingang einer Kindertagesstätte. Nach dem gewaltsamen Tod der dreijährigen Greta hat die Staatsanwaltschaft Kleve einen Fehler eingeräumt.
Bemalte Steine liegen vor dem Eingang einer Kindertagesstätte. Nach dem gewaltsamen Tod der dreijährigen Greta hat die Staatsanwaltschaft Kleve einen Fehler eingeräumt. Foto: Bernd Thissen/dpa

Viersen.Gegen eine Kita-Erzieherin aus Nordrhein-Westfalen wird wegen Mordverdachts ermittelt. Die dreijährige Greta war im April leblos aus einer Kita in Viersen bei Mönchengladbach in eine Klinik gebracht worden und starb dort. Bei ihren Ermittlungen stießen die Behörden auf Auffälligkeiten in Kitas, in denen die Erzieherin vorher gearbeitet hatte.

Wo hat die Frau gearbeitet?

Ihren ersten Arbeitsplatz hatte sie nach Angaben der Staatsanwaltschaft im Familienzentrum Florastraße in Krefeld. Dort war sie vom 1. August 2017 bis zum 31. Juli 2018 beschäftigt.

Danach wechselte sie in die Kindertagesstätte Mullewapp in Kempen. Dort war sie vom 1. August 2018 bis zum 31. Juli 2019 beschäftigt.

Ihren dritten Arbeitsplatz hatte sie vom 9. September bis 30. November 2019 in der Kindertagesstätte Tönisvorst.

Dann wechselte sie in die Kita Viersen und blieb dort vom 2. Januar bis 21. April 2020. Sie hatte gekündigt.

In welchen Fällen ermittelt die Staatsanwaltschaft?

Nach dem Tod der Dreijährigen in Viersen ermittelt sie wegen heimtückischen Mordes. Im Zuge der Ermittlungen sind die Behörden in den drei anderen Einrichtungen auf Vorfälle gestoßen, in denen jeweils ein Kind Atemprobleme hatte – teilweise wohl auch mehrfach. Da einige dieser Vorfälle noch genauer abgeklärt werden, nennt die Staatsanwaltschaft noch keine Zahl zu weiteren Fällen, in denen ermittelt wird.

War die Frau für den Beruf geeignet?

Die städtische Kita von Viersen spiegelt sich im Wasser eines angrenzenden Kanals. Frühere Hinweise zur psychischen Auffälligkeit einer inzwischen mordverdächtigen Erzieherin seien nicht weitergegeben worden, obwohl dies vorgeschrieben sei, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.
Die städtische Kita von Viersen spiegelt sich im Wasser eines angrenzenden Kanals. Frühere Hinweise zur psychischen Auffälligkeit einer inzwischen mordverdächtigen Erzieherin seien nicht weitergegeben worden, obwohl dies vorgeschrieben sei, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Foto: Bernd Thissen/dpa

Ihre Ausbildung zur Erzieherin hat die Beschuldigte vom 1. August bis 31. Juli am Rhein-Maas Berufskolleg in Kempen gemacht. Nach Angaben der Polizei wurde in ihrem praktischen Anerkennungsjahr in Krefeld festgestellt, dass die heute 25-Jährige wenig geeignet sei für den Beruf. Trotzdem schloss sie ihre Ausbildung zur staatlich geprüften Erzieherin ab.

Für die pädagogische Geschäftsführerin des Kita-Trägers Konzepte, Carola Kammerlander, ist das widersprüchlich: „Es muss ja klar sein, wenn ich jemanden im Anerkennungsjahr nicht für geeignet halte, würde der den Berufsabschluss nicht kriegen.“ Die Stadt Krefeld äußert sich mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen zu dem Fall bislang nicht.

Warum musste sie keine Zeugnisse vorlegen?

Die Erzieherin hat in Kempen bei ihrer Einstellung neben ihrer Urkunde als staatlich anerkannte Erzieherin ihr Berufsschulzeugnis vorgelegt sowie ein polizeiliches Führungszeugnis. Es ist nicht üblich, dass ein formelles Zeugnis von der Einrichtung, in der das Anerkennungsjahr absolviert wurde, ausgestellt wird, sagt Bürgermeister Volker Rübo.

Der Deutsche Kita-Verband stellt fest, dass die Zeugnisse wenig aussagekräftig sind. Aus arbeitsrechtlichen Gründen dürfe man in Zeugnissen nicht einmal ansatzweise erwähnen, dass eine Erzieherin mangelnde Empathie habe. „Deshalb sind letztendlich alle Zeugnisse Makulatur“, sagte die Verbandsvorsitzende Waltraud Weegmann.

Warum hat die Verdächtige in Tönisvorst nur drei Monate gearbeitet?

Das ist derzeit unklar. Die Stadt Tönisvorst verweist auf den Kreis Viersen und der Kreis auf das Landesjugendamt. Das wiederum verweist auf die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.

Kriminalität

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Warum wurden frühere Ermittlungen gegen die Erzieherin wegen Vortäuschens einer Straftat eingestellt?

Wegen geringer Schuld. Sie sei nicht vorbestraft und geständig gewesen, sagt die Staatsanwaltschaft. Weil sie auffällig gewesen sei, habe man ihr umfassende psychologische Hilfe angeboten. Unklar ist, ob sie das Angebot angenommen hat. Die Frau hatte im Mai 2019 behauptet, einer anderen Frau in einem Wald bei Geldern zur Hilfe gekommen zu sein, die von einem Unbekannten bedrängt wurde. Dieser habe sie dann mit einem Messer im Gesicht verletzt. Nachdem sie sich in Ungereimtheiten verstrickt hatte, hatte sie schließlich eingeräumt, dass das „möglicherweise alles nicht richtig“ gewesen sei, was sie erzählt habe.

Warum standen die Ermittlungen wegen Vortäuschens einer Straftat nicht im Führungszeugnis?

Wenn Ermittlungen eingestellt werden, gilt der Betroffene als unschuldig und weiterhin nicht vorbestraft.

Vermuten die Ermittler, dass die Frau psychisch gestört ist?

Bei den Ermittlungen in Kleve war der Frau psychologische Hilfe angeboten worden. Sie sei psychisch auffällig gewesen. Die Ermittler im Fall Viersen halten sich dazu bedeckt, weil die Frau schweigt und sich nicht begutachten lässt.

Psychiater wie Professor Borwin Bandelow sehen Anzeichen für das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Das sei eine sehr seltene Störung, die vor allem bei Frauen in Helfer-Berufen auftrete, sagte er „Bild-TV“.

Warum wurde nicht früher Verdacht geschöpft?

Bemalte Steine und Kerzen vor dem Kita-Eingang
Bemalte Steine und Kerzen vor dem Kita-Eingang Foto: Bernd Thissen/dpa

Weil keine Spuren eines Fremdverschuldens gefunden wurden, die Frau also sehr geschickt vorgegangen sein dürfte, geht der Bürgermeister von Kempen, Volker Rübo, davon aus, dass sie entsprechend bewandert war. Tatsächlich scheinen auch bei der Obduktion keine Spuren entdeckt worden zu sein, die auf ein Erwürgen oder Erdrosseln hindeuten.

Wie ist das Mädchen aus der Viersener Kita ums Leben gekommen?

Greta starb an einem schweren Hirnschaden, verursacht durch Sauerstoffmangel. Die Rechtsmediziner fanden Spuren, die auf Gewalteinwirkung deuteten, die Art der Gewalt ließ sich nicht feststellen, zumal die Obduktion erst 14 Tage nach dem Tatgeschehen stattfand.

Eine Strangulation wäre einem Notarzt nach Angaben der Staatsanwaltschaft Mönchengladbach direkt aufgefallen und wird deshalb ausgeschlossen. Dagegen hätte man Würgemale bei dem Kind nicht unbedingt gesehen: Typische Verletzungen beim Erwürgen von Erwachsenen wie der Bruch des Zungenbeins, würden bei Kindern nicht auftreten, weil das Zungenbein noch sehr flexibel sei. Einen Druck auf den Brustkorb würde man ebenfalls nicht unbedingt feststellen können.

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