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Erziehung

Kita-Not: Eltern gehen auf die Straße

„Es reicht“, dachte sich Ann-Mirja Böhm, nachdem sie keinen Kitaplatz gefunden hat. Das Problem hat viele Facetten.
Von Camilla Kohrs und Stefan Kruse, dpa

Ann-Mirja Böhm, Initiatorin der Kitakrisendemo, hält ein Ankündigungsplakat in Händen. Wie so viele Berliner Eltern hat auch Ann-Mirja Böhm eine lange, anstrengenden Suche nach einem Kindergartenplatz hinter sich. Foto: Britta Pedersen/dpa
Ann-Mirja Böhm, Initiatorin der Kitakrisendemo, hält ein Ankündigungsplakat in Händen. Wie so viele Berliner Eltern hat auch Ann-Mirja Böhm eine lange, anstrengenden Suche nach einem Kindergartenplatz hinter sich. Foto: Britta Pedersen/dpa

Berlin.Ann-Mirja Böhm hat eine lange, anstrengende Suche nach einem Kindergartenplatz hinter sich. Mehr als 100 Tagesmütter und Kitas fragte die 35-Jährige nach eigenen Angaben an, bis sie endlich eine Betreuung für ihre Tochter fand. Wie ihr geht es vielen Eltern in Berlin, die nach der Geburt ihres Kindes wieder arbeiten wollen. „Es kann nicht wahr sein, dass das Normalität ist“, sagt Böhm. Sie schloss sich einer Gruppe von Müttern und Vätern an und organisiert mit ihnen eine „Kita-Krise-Demo“ an diesem Samstag – es soll die größte derartige Aktion seit vielen Jahren werden.

Auch in der Region ist die Hort-Situation angespannt.

Seit 2013 gilt in Deutschland für alle Kinder im Alter von ein bis drei Jahren ein Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung. Seither bauen alle Bundesländer das Angebot massiv aus, um den Bedarf zu decken. Auch in der Hauptstadt ist eine Menge passiert, die Zahl der angebotenen Kita-Plätze wuchs stetig auf aktuell um die 170 000. Und der rot-rot-grüne Senat will bis 2021 weitere 25 000 schaffen.

Geburten auf Rekordniveau

Doch es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Denn die Stadt wächst jährlich um 40 000 Bewohner, darunter viele Familien. Die Zahl der Geburten lag in den beiden vergangenen Jahren in Berlin mit je rund 41 000 auf Rekordniveau. Heute leben laut Senatsverwaltung für Familie um die 220 000 Kinder in der Stadt – 50 000 mehr als noch vor zehn Jahren. Für den Senat bedeutet das: „Ausbauen, ausbauen, ausbauen“, wie es Bildungs- und Familiensenatorin Sandra Scheeres (SPD) formulierte.

„Es kann nicht wahr sein, dass das Normalität ist.“

Mutter Ann-Mirja Böhm

Geld scheint dabei nicht das Problem zu sein. 200 Millionen Euro aus Landes- und Bundesprogrammen will der Senat bis 2021 in die Hand nehmen. Um Planungs- und Bauzeiten zu verkürzen, sollen bis 2019 mindestens zehn „Schnellbau-Kitas“ in Modularbauweise entstehen.

Die Stadt Regensburg baut eine Ferienbetreuung auf.

Doch es hakt an anderen Stellen. Grundstücke sind knapp. Als Hauptgrund für die Probleme, die auch in anderen Regionen Deutschlands bestehen, gilt aber der Mangel an Erziehern. Viel Stress, schlechte Bezahlung: Der Beruf gilt bei vielen als wenig attraktiv. Hinzu kommt eine tarifliche Merkwürdigkeit: Denn allein die Frage, ob ein Erzieher in Berlin oder Potsdam arbeitet, kann monatlich mehrere Hundert Euro Gehaltsunterschied ausmachen. Berlin zahlt nach dem – in dem Punkt schlechteren – Tarifvertrag der Länder, Brandenburgs Erzieher werden nach den Regelungen für den Öffentlichen Dienst der Kommunen entlohnt.

SPD, Linke und Grüne geloben Besserung

SPD, Linke und Grüne haben Besserung versprochen. „Bei der Bezahlung der Erzieherinnen und Erzieher ist ein großer Schritt nach vorne nötig“, sagt Scheeres. Gleichwohl könne der Fachkräftemangel dann nicht über Nacht behoben werden. Das gilt auch für andere Instrumente wie den Ausbau der Ausbildungskapazitäten und die Einstellung von mehr Quereinsteigern.

Böhm und ihrer Mitstreiter wollen nun ein Signal setzen. Zu der Demonstration am Samstag werden mehrere tausend Teilnehmer erwartet. Denn die frustrierende Kita-Suche lässt viele Eltern verzweifeln, verbaut ihnen im schlimmsten Fall berufliche Karrierechancen. „Es wurde immer schlimmer, ich bekam immer mehr Absagen“, schildert die Journalistin ihre Erlebnisse. „Dabei sind viele Paare auf ein doppeltes Einkommen angewiesen, gerade in großen Städten wie Berlin.“

Schließlich fand Böhm eine Tagesmutter in Charlottenburg im Westen, sie selbst wohnt im Bezirk Prenzlauer Berg im Osten der Stadt. Deswegen verbringen sie und ihr Partner nun viel Zeit damit, die Tochter von der Betreuung abzuholen und hinzubringen. Wohnortnah sieht anders aus.

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