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Freitag, 20. April 2018 27° 2

Interview

Landwirtschaft ist mehr als Ausmisten

Autorin Renate Ahrens sprach mit Josef Wittmann, dem Regensburger Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbands.

Josef Wittmann, Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbands für den Bereich Regensburg Foto: Bauernverband

Regensburg.Wird der Beruf einer Bäuerin heute immer noch unterschätzt?

Bäuerinnen sind vielseitig tätig, bei der Tierbetreuung im Stall bis hin zu Arbeiten im Agrarbüro. So werden Arbeiten für die Buchhaltung meist von der Bäuerin erledigt. Oftmals führen Frauen auch eigenständig einen kompletten Betriebszweig, zum Beispiel Urlaub auf dem Bauernhof oder die Direktvermarktung. Im Regelfall geht es nur miteinander in den Familien, und die Tätigkeiten sind eng verzahnt. Fällt jemand wegen Krankheit aus, springt oft die Bäuerin selbst ein. Auf Dauer geht das natürlich nicht, da es dann zu einer Überbelastung kommt. Neben betrieblichen Arbeiten ist da noch der Haushalt, der in einem landwirtschaftlichen Betrieb einen großen Stellenwert einnimmt. Im Gegensatz zu normalen Haushalten sind hier meist mehr Familienangehörige und weitere Personen, die in der Erntezeit mithelfen, zu versorgen. Wenn man alles zusammenzählt, kommt dabei einiges zusammen. Insoweit wird die Arbeit einer Bäuerin schon unterschätzt.

Wie hat sich das Berufsbild der Bäuerin in der vergangenen Zeit gewandelt?

Die Bäuerin ist zwischenzeitlich eine Unternehmerin. Entsprechend sind auch die Verantwortung und das Aufgabengebiet größer geworden. Eine Bäuerin arbeitet mit dem PC und fährt auch mit dem Traktor. Früher war die Außenwirtschaft und die Arbeit mit Maschinen eine reine Männerdomäne. Es gibt zudem viele Bäuerinnen, die einem Beruf außerhalb der Landwirtschaft nachgehen und gemeinsam mit dem Ehegatten noch den Hof betreiben. Da gibt es fließende Übergänge vom Voll-, Zu- bis hin zum Nebenerwerb.

Fernsehsendungen wie „Bauer sucht Frau“ erwecken den Eindruck, als ob junge Frauen keine Lust mehr aufs Landleben haben. Ist das tatsächlich so?

Die Sendung „Bauer sucht Frau“ beschreibt Klischees, die mit unserer heutigen Landwirtschaft und den vorliegenden Gegebenheiten und Herausforderungen nichts zu tun haben. Landwirtschaft ist mehr als das Ausmisten von Ställen. Bei „Bauer sucht Frau“ geht es in erster Linie um Unterhaltung und inszenierte Auftritte. Das (Land-)Leben schreibt andere Geschichten.

Welche Aufstiegschancen oder Weiterbildungsmöglichkeiten hat eine Bäuerin?

Hier gibt es Kurse vom Bayerischen Bauernverband, zum Beispiel zur „Agrarbürofachfrau“ mit Informationen und Lerninhalten zu wichtigen rechtlichen, steuerlichen und sozialen Fragestellungen. Auch das Büro- und Zeitmanagement spielt dabei eine Rolle. Weitere Angebote gibt es vom Verband für landwirtschaftliche Fachbildung (VLF) und den landwirtschaftlichen Selbsthilfeeinrichtungen und Organisationen, wie Maschinen- und Betriebshilfsringen. Die Aufstiegschance ist meist der eigene Betrieb. Hier verwirklicht sich die Bäuerin selbst. Es macht ja auch Spaß, kreativ zu sein und zu sehen, was mit der eigenen Hände Arbeit alles entsteht. Dann gibt es auch noch andere Vorteile und Werte, die man nicht mit Geld aufwiegen kann, vor allem wenn die eigenen Kinder auf dem Hof aufwachsen und den Umgang mit den Tieren und die Arbeit in der Natur hautnah erleben dürfen. Das ist sehr positiv für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Raten Sie trotz der Milchkrise jungen Frauen, Bäuerin zu werden? Ist es ein Traumberuf oder vor allem harter Alltag?

Nach wie vor empfehlen wir jungen Frauen diesen Schritt. Man muss nicht unbedingt nur Milchviehhaltung betreiben. Es gibt für alle einen Weg, aber nicht einen Weg für alle. In der Landwirtschaft muss man auch als Frau zupacken können. Für eher zartbesaitete Wesen ist der Beruf nicht geeignet. Gefragt sind „Managerinnen“ mit Geber- und Nehmerqualitäten. Ein diplomatisches Geschick schadet auch nicht, gilt es doch, die Balance zwischen den Vorstellungen von Alt und Jung zu halten. Nur wer miteinander und nicht gegeneinander einen landwirtschaftlichen Betrieb gemeinsam führt, hat Zukunft. Die Frauen sind hier oft das ausgleichende Element und im entscheidenden Moment das Zünglein an der Waage.

Kann man auch Bäuerin werden, wenn man nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen und auch sonst bisher keinen Bezug zur Landwirtschaft hatte?



Natürlich, da gibt es viele Beispiele, die auch bestens funktionieren. Entscheidend ist, dass man sich versteht und die Arbeit als Bäuerin gerne macht. Leidenschaft gehört zum guten Gelingen schon dazu, wie beim Kuchenbacken!

Ist Bäuerin ein Beruf oder mehr eine Berufung?

„Madame Bäuerin“ geht nicht. Da gehört Berufung mit dazu!

Wie kann man mehr auf die Arbeit der Bäuerinnen und Bauern sowie die erzeugten Lebensmittel aufmerksam machen?

Durch Öffentlichkeitsarbeit. Jede Bäuerin und jeder Bauer sind die wichtigsten Öffentlichkeitsarbeiter in eigener Sache. Sie sind authentisch und können genau den Werdegang der Lebensmittel erklären. Das kann aber keine Einbahnstraße sein. Es gibt nicht nur eine Bringschuld der Landwirte, sondern auch eine Holschuld der Verbraucher. „Frag doch einfach deinen Landwirt“ heißt die Devise. Es wird zu viel über die Bauern gesprochen, aber nicht mit ihnen.

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