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Ernährung

Low Carb, die umstrittene Diät

Die Pfunde purzeln, aber ist die Umstellung wirklich gesund? Experten sind unterschiedlicher Meinung.
Von Viktoria Hausmann

Jedes Pfund geht durch den Mund: Bei Low Carb werden Kohlehydrate massiv reduziert. Brot, Nudeln und Co. sind tabu.Foto: stevepb/pixabay
Jedes Pfund geht durch den Mund: Bei Low Carb werden Kohlehydrate massiv reduziert. Brot, Nudeln und Co. sind tabu.Foto: stevepb/pixabay

Regensburg.Heinz W. hat mit Low Carb in einem Monat sieben Kilo verloren. Anders als andere Low Carber weiß er jedoch, dass seine Reduktionsdiät nur vorübergehend ist. Er wird streng ärztlich überwacht und fing eigentlich wegen seiner Krankheit damit an. Erst war der 56-Jährige skeptisch, als es hieß, er müsse dringend abnehmen. Mit Fett, aber ohne Kohlenhydrate gegen eine Fettleber? Nie wieder Schweinebraten mit Knödeln? Er reduzierte die Kohlenhydrate langsam. Aß mehr Fisch und keinen Zucker. Überzeugt vom großen Erfolg nahm W. schließlich auch alles Weißmehl aus seiner Ernährung und ersetzte mehr Nudeln durch Linsen. Auch den Schweinebraten kann er ab und zu genießen. W.s Geschichte ist ein Beispiel für den Erfolg von Low Carb. Schnelle Gewichtabnahme. Bessere Werte und trotzdem fast kein Verzicht. „Besonders gut eignet sich die Ernährung für Diabetiker“, erklärt Agnes Willjung, Ernährungsberaterin am Uniklinikum Regensburg: „Aber auch Low Fat ist eine vernünftige Diät.“

Schnelle Gewichtsabnahme

Instagram ist voll von Fitness-Trainern und Food-Bloggern, die eine Ernährung ohne Kohlenhydrate propagieren. Böse ist für viele von ihnen nicht nur Weißmehl, sondern auch Vollkorn und Reis. Stattdessen wird mit Beeren, Gemüse, Hülsenfrüchten und jeder Menge Fleisch gearbeitet. Aus Zucchini werden Zoodles, aus Leinsamen, Chia- und Kokosmehl Lizzateig. Also Low-Carb-Pizzateig. Low-Carb-Produkte wie Eiweißbrot und Porteinriegel überschwemmen den Markt, wie einst Light-Produkte. Dass der neue Food-Trend aber auch mit viel Halbwissen verbunden ist, und in bestimmten Fällen auch schädlich sein kann, ruft Wissenschaftler und Ernährungsexperten auf den Plan. Sie warnen vor Nierenschäden, Darmkrebs und Arteriosklerose durch den hohen Eiweiß- und Fettkonsum. Eine Studie des Bostoner Bingham and Women’s Hospitals mit über 14 500 Probanden ergab angeblich, dass Menschen, die sich kohlenhydratarm ernähren bis zu vier Jahre eher sterben würden. Martina Müller-Schilling, Direktorin der Inneren Medizin I am Uniklinikum Regensburg erklärt, dass die Studie, die im Fachmagazin The Lancet erschien, zu Verunsicherung führt: „Sie basiert auf Fragebögen.

Ausgewogene Ernährung braucht gesunde NährstoffeFoto: dbreen/Pixabay
Ausgewogene Ernährung braucht gesunde NährstoffeFoto: dbreen/Pixabay

Die Studie beschreibt, dass Patienten, die sehr wenige oder sehr viele Kohlenhydrate essen, häufig auch früher sterben. Die Studie kann aber nicht beweisen, dass die Menge der Kohlenhydrate hier in irgendeiner Weise ursächlich ist.“ Für die Ärztin zeigt die für die Studie erstellte Kurve deutlich, was Ernährungswissenschaftler schon lange wissen, dass man mit rund 50 Prozent Kohlenhydratanteil in der Ernährung am gesündesten lebt. „Ich bekomme oft besorgte Anrufe, ob man jetzt überhaupt noch Pasta essen darf. Natürlich geht das.“ Von einer strengen Low-Carb-Diät ohne Nudeln und Brot, wie sie von vielen Food Bloggern propagiert wird, hält Müller-Schilling nichts. Das würde zwar zu schnellem Gewichtsverlust führen. Betroffene würden jedoch nur kurzfristig abnehmen und dann in die Jojo-Falle geraten. Es hinge allerdings auch davon ab, wie man sich ernähre. Jemand der Quinoa, Nüsse und viel Fisch verzehre, lebe auf jeden Fall gesünder, als jemand, der viele fettige Steaks und Eiweißshakes zu sich nehme.

Slow statt Low ist gesünder

Auch Silke Gulder, Ökotrophologin vom Verbraucherservice Regensburg, kann die Reduktionsdiät nicht empfehlen: „Der Durchhaltefaktor ist extrem schlecht. Wir sind durch unsere Esskultur zu sehr an Kohlenhydrate in der Nahrung gewöhnt, so dass ein dauerhafter Verzicht schwer möglich ist. Außerdem wird die fehlende Lebensmittelgruppe dann durch mehr Fett oder mehr Eiweiß ersetzt, zum Beispiel durch rotes Fleisch. Das kann das Dickdarmkrebsrisiko steigern.“ Dickdarmkrebs ist die häufigste Krebsart in Deutschland. Auch Low-Carb-Produkte hält Gulder für falsch: „Eiweißbrot hat meist mehr Fett als normales Brot. Also auch mehr Kalorien. Da der Körper nur dann abnimmt, wenn man mehr verbrennt, als man zu sich nimmt, tun sich Abnehmwillige damit keinen Gefallen.“ Auch Müller-Schilling rät von solchen Produkten ab: „In der Klinik behandeln wir regelmäßig Patienten, die durch Vitaminpräparate, Zimtkapseln und anderen Diätprodukten einen Leberschaden erlitten haben. Oft sind das sehr gesundheitsbewusste Menschen. In unseren Breiten haben wir keinen Nährstoffmangel und brauchen keine Ergänzungsmittel, wenn wir uns von gesunden, natürlichen Lebensmitteln ernähren.“ Es käme neben den Makronährstoffen – also Fetten, Proteinen und Kohlenhydraten – auch auf die sogenannten Mikronährstoffe an. Auf Spurenelemente, Vitamine und Mineralien. Slow Carb mit vollwertiger Kost eignet sich besser als Low Carb.

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