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Dienstag, 14. August 2018 26° 3

Kleidung

Mantel und Mythos

Wer einen trägt, hat beste Chancen auf einen perfekten Auftritt und Abgang. Denn ein Mantel ist mehr als was zum Anziehen: Er ist wie eine zweite Haut.
Von Angelika Sauerer, MZ

Drunter kann alles sein – oder nichts.

Es war ... am glorreichsten Tage in des Akaki Akakiewitsch Leben, dass Petrowitsch den Mantel endlich brachte.“ Der Schneider legt dem armen Petersburger Beamten seine neue, zweite Haut, für die er gehungert und gespart hatte, um die Schultern. Und vor ihm steht ein anderer Mensch.

„Der Mantel“ heißt die Erzählung von Nikolaj Gogol von 1842, die erst ein böses, dann ein surreales Ende nimmt, und in der ein Kleidungsstück zeigen darf, was es wie kein anderes kann: einen kleinen Mann groß machen.

Dem Mantel gebührt der Auftritt und gehört der Abgang, er liegt über allem anderen, prägt den ersten und den letzten Eindruck, den ein Mensch – in unseren Breiten jedenfalls – hinterlässt. Einen „Eindruckschinder“ nennt ihn der Berliner Designer Jochen Pahnke. Schon allein der opulente Stoffverbrauch unterstreicht seine Sonderstellung. Der Mantel formt nicht nur eine neue Gestalt, er fordert auch Präsenz und Haltung, mehr wie sein kleiner Bruder, die Jacke. Wo sie einen Punkt macht, setzt er ein Ausrufezeichen. Einem Mantel, freilich, muss man auch gewachsen sein. Vielleicht werden die Mantelträger deshalb weniger.

„Ein Mantel symbolisiert den Stil, den man im Leben vertritt“, sagt die Modehistorikerin Dr.Adelheid Rasche. Mit ihm legt man sich gewissermaßen fest. „Er ist ein absolutes Statement“, ergänzt Dr. Andrea Kluge, Dozentin für Kulturgeschichte an der Deutschen Meisterschule für Mode in München. Und man bindet sich: Anders als ein Pullover, eine Bluse, eine Jacke ist der Mantel nichts für eine kurze Affäre. Gogols Held fühlt sich, „als hätte er geheiratet, als stünde ihm jetzt ein Wesen zur Seite ... eben der Mantel, innen wattiert und mit starkem Futter versehen“. Und hat Peter Falk seinen zerknautschten Columbo-Mantel nicht auch privat getragen? Humphrey Bogart ohne Trench – unvorstellbar. Und auch der Schauspieler und Moderator Christian Ulmen mochte sich nach den Dreharbeiten zu „Herr Lehmann“ (2003) gar nicht mehr von dessen Mantel trennen – er trägt ihn immer noch. Der große Otto Sander ist mit seinem dunklen Staubmantel, den ihm der Designer Yohji Yamamoto vor 20 Jahren schenkte, auch irgendwie verheiratet. Der eine kriegt Falten, dem andern gehen die Knöpfe ab. So ist das, wenn man miteinander alt wird.

Adelheid Rasche, wissenschaftliche Leiterin der Lipperheideschen Kostümbibliothek in Berlin, ist vor ein paar Jahren mit dem Phänomen Mantel auf Tuchfühlung gegangen, als sie mit dem italienischen Traditionshaus Max Mara die Ausstellung „Coats“ konzipierte. 5000 Mäntel aus über 50 Jahren Firmengeschichte hängen im Archiv des Familienunternehmens in Reggio. Jedes Modell hat seinen Charakter. „Man muss hineinschlüpfen, um ihn zu spüren“, sagt Adelheid Rasche. Sich in den Stoff schmiegen. Sehen allein reicht bei einem Mantel natürlich nicht.

„Er fühlte es in jedem Augenblicke, dass er jetzt den neuen Mantel anhätte, und zuweilen lächelte er vor innerem Glücke.“ Bei Gogol währt es nicht lange, dieses Glück. Der frischgebackene Mantelträger wird ausgeraubt und dann auch noch von einer „hochstehenden Persönlichkeit“ gedemütigt, die er vergebens um Hilfe bittet. Der menschlichen Kälte in St.Petersburg schutzlos und mantellos ausgeliefert, fiebert und stirbt Akaki Akakiewitsch kurz darauf.

Dabei kann so ein Mantel Leben retten. Sankt Martin, dem an diesem Sonntag gedacht wird, hat es vorgemacht. Mit dem Schwert teilte der Soldat und spätere Bischof von Tours (316/317-397) seinen Mantel, um ihn einem nackten Bettler zu schenken. Am nächsten Tag erschien ihm Jesus Christus und verkündete: „Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Ötzi war gegen die Kälte gut gerüstet: Er trug bereits vor 5300 Jahren eine Art Mantel. Sein Umhang war aus Gras geflochten und sollte den Regen ableiten. Darunter hüllte sich der Gletschermann in einen weiteren Mantel aus Fellen. Kälteschutz stand in der Steinzeit im Vordergrund. Hülle und Decke bedeutet das lateinische Wort „mantulum“ – ein multifunktionales Objekt also, dem etwas Archaischen anhaftet, meint Andrea Kluge. „Der Mantel ist das erste Kleidungsstück, in das Menschen sich hüllten“, sagt die Kulturhistorikerin. Das wirke nach, unbewusst. Mit der Zeit gesellten sich neben Wärme und Schutz symbolische Funktionen hinzu, erklärt Adelheid Rasche. Der Mantel entwickelte sich mehr und mehr zu einem Machtzeichen, der hermelinbesetzte Krönungsmantel gehörte zum Zeremoniell wie die Krone und das Zepter. Auch aus Ägypten und Persien sind Umhänge bekannt, die nicht wärmen, sondern vor allem den Reichtum und die Würde des Trägers unterstreichen sollten.

Lange Zeit handelte es sich ja eher um Umhänge. Hoch zu Pferd ließ ein Cape dem Ritter mehr Armfreiheit. Punktuell tauchten in Mitteleuropa in der Gotik die ersten Ärmel auf. Ab der Renaissance setzte sich diese Form zunächst beim Stadtadel durch – man fuhr schließlich in der Kutsche. „Giornea“ hieß das repräsentative, vorne offene Kleidungsstück in Italien, „Schaube“ in Deutschland. Die Malerfürsten Albrecht Altdorfer (Regensburg) und Albrecht Dürer (Nürnberg) etwa haben sie auf ihren Porträts dargestellt – und als Ratsherren auch selbst getragen.

Unabhängigkeit und Emanzipation

Bei den Damen kamen Mantelärmel erst später in Mode. Über ausladenden Reifröcke passte einfach kein Mantel mehr. Frauen schlugen sich Tücher um die Schultern oder trugen Capes. Das erste Bild eines Damenmantels mit Ärmeln fand Adelheid Rasche aus der Zeit kurz vor der französischen Revolution, 1785. Der Reitmantel, engl. „Riding Coat“, kam in England in Mode und wurde in Frankreich zur „Redingote“ umgemünzt. Mit zunehmender Emanzipation setzte sich das Kleidungsstück, mit dem man Wind und Wetter trotzte, durch. Mit Mantel ist es der Frau auch ohne Mann warm: Er macht sie unabhängig.

Der Mantel, der eine Frau umfängt, birgt jedoch ein Geheimnis. „Darunter kann alles sein – auch gar nichts“, sagt Adelheid Rasche. Ein hoch erotisches Stück also. Man denkt an Rosemarie Nitribitt, ein 1957 ermordetes Callgirl, 1996 im Film dargestellt von Nina Hoss: wie sie vor dem dicken Industriellen ihren Mantel öffnet, unter dem sie nackt ist, und gleichzeitig den Preis für die Nacht verdoppelt.

Das alles Umhüllende lässt alle Möglichkeiten offen. Doch es schließt auch die Außenwelt aus. Ein Mantel kann panzern. An den glänzenden Ledermänteln der Gestapo, überhaupt an kantig geschnittenen Uniformmänteln, perlen menschliche Schicksale ab wie die Regentropfen am Friesennerz. Ein „Medium der Abgrenzung“ sei der Mantel daher, sagt die Kulturhistorikerin Andrea Kluge, und zwar in vielerlei Hinsicht. Mäntel lassen – je nach Schnitt, Qualität und Zustand – ihre Träger wohlhabender, mächtiger, stilvoller, eleganter, unnahbarer, größer wie andere wirken. Aber auch armseliger: Der zerschlissene Überwurf des Bettlers zeigt an, dass er nicht dazugehört. Hans-Joachim Kulenkampff hingegen ließ sich am Ende seiner Show „Einer wird gewinnen“ den schwarzen Mantel aus teurem Tuch vom dienstfertigen Martin Jente reichen – damals war ein Showmaster ganz offensichtlich noch keiner wie du und ich.

Nach dem großen Aufräumen in der Nachkriegszeit entfaltete sich der Damenmantel im Wirtschaftswunder neu. Modehäuser wie Max Mara, Cristóbal Balenciaga, Christian Dior entwarfen kühne Linien und Silhouetten. Im Vordergrund stand die Form, mitunter eiförmig bei Balenciaga, höfisch-elegant und knopflos bei Dior. Unerreicht ist indes die Mantelkunst bei Max Mara. „Es ist, als ob hier das Rad immer wieder neu erfunden wurde“, sagt Adelheid Rasche.

Dabei ist Manteldesign schwierig, erklärt Andrea Kluge von der Münchner Modeschule. Die Stoffe seien dicker, die Schnitte aufwendiger. „Man muss die exakte Balance zwischen Material und Form finden“, sagt sie. Und drunter passen muss auch noch was.

Beim „Graz-Mantel“ der Lodenwalke von Jörg Steiner in Ramsau ist das freilich kein Problem. Die Kellerfalte im Rücken schenkt Bewegungsfreiheit, der doppelt gefütterte Lodenstoff gibt Wärme und Wetterschutz. Seit rund 15 Generationen führt Steiners Familie den Betrieb, nachweislich seit 1434. Er ist damit einer der ältesten Lodenhersteller. „Nicht ganz ohne Stolz“ greift der junge Firmenchef neben modernem Design auf die traditionellen Schnittmuster zurück. Im Sortiment hat er auch einen „Wetterfleck“. Den trägt man über allem, drunter verschwinden sogar der Rucksack und des Jägers Gewehr. Jörg Steiner sagt, es sei, als ob man sein Zelt dabeihätte.

Ein Zuhause für unterwegs

Der Mantel als Zuhause zum Mitnehmen: „Mein mobiler Schutzraum“ sagt Adelheid Rasche dazu. Eine Seite Loden, die andere Popeline – so ist der Mantel aufgebaut, mit dem die Berlinerin auf Reisen geht. Sie kann ihn beidseitig tragen und auf den Kopf stellen, dann ist er entweder kurz mit üppigem Schalkragen oder lang. Ein Mantel für alle Fälle. Entdeckt hat sie ihn bei Jorge Johnson in Paris, einem kleinen Label.

Andrea Kluges Lieblingsmantel ist bordeauxrot, schmal, wadenlang und aus gewalkter Wolle. Er begleitet sie schon seit mindestens sieben, acht Jahren. Sie wird ihm treubleiben.

Am Ende noch einmal Gogol: Ohne seinen Mantel kommt der tote Akaki Akakiewitsch nicht zur Ruhe. Er geistert durch St. Petersburg und raubt Passanten ihre Mäntel – bis ihm die „hochgestellte Persönlichkeit“ über den Weg läuft. „Da bist du endlich. … Deinen Mantel brauche ich! Du hast dich nicht um meinen gekümmert... Jetzt her mit deinem!“ Er zieht ihn an und findet seinen Frieden.

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