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Sonntag, 22. Juli 2018 24° 4

Forschung

Neue Waffe gegen Leukämie

Am Uniklinikum Regensburg wird eine neue Therapie getestet. Ziel ist es, das Immunsystem der Patienten zu unterstützen.
Von Louisa Knobloch

Ein Medigene-Mitarbeiter begutachtet eine Zellkultur: Das Biotechnologie-Unternehmen hat eine neue T-Zell-Rezeptor-Therapie entwickelt. Foto: Medigene AG/Oliver Tjaden
Ein Medigene-Mitarbeiter begutachtet eine Zellkultur: Das Biotechnologie-Unternehmen hat eine neue T-Zell-Rezeptor-Therapie entwickelt. Foto: Medigene AG/Oliver Tjaden

Regensburg.Es ist eine neue Hoffnung für Leukämie-Patienten: Unter Leitung des Universitätsklinikums Regensburg (UKR) startet die erste klinische Studie in Deutschland zur sogenannten T-Zell-Rezeptor-Therapie. „Dabei wird das eigene Immunsystem des Patienten scharf gegen Krebszellen gemacht“, erläutert PD Dr. Simone Thomas. Die Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin III des UKR leitet die klinische Prüfung bei der „CD-TCR-001“-Studie.

Bisher lassen sich bestimmte Formen von Blutkrebs (Leukämie) und Lymphdrüsenkrebs (Lymphom) nur durch eine allogene Stammzelltransplantation heilen. Dabei erhält der Patient durch die Stammzellen des Spenders ein neues Immunsystem. Doch oftmals richten sich die T-Zellen des Spenders nicht nur – wie gewünscht – gegen die Krebszellen, sondern greifen auch gesundes Gewebe des Empfängers an. Vor allem Haut, Leber und der Darm sind häufig betroffen. Mediziner sprechen von einer Graft-versus-Host-Reaktion (GvHR), also einer Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion, die sogar lebensbedrohlich sein kann.

Therapie soll schonender für die Patienten sein

PD Dr. Simone Thomas leitet die klinische Prüfung bei der „CD-TCR-001“-Studie. Foto: UKR/Vincent Schmucker
PD Dr. Simone Thomas leitet die klinische Prüfung bei der „CD-TCR-001“-Studie. Foto: UKR/Vincent Schmucker

Bei der neuen Therapie, die vom Biotechnologie-Unternehmen Medigene mit Sitz in Martinsried bei München entwickelt wurde, soll dagegen das eigene Immunsystem des Patienten beim Kampf gegen die Krebszellen unterstützt werden. Dafür werden zunächst aus dem Blut der Leukämie- und Lymphompatienten bestimmte weiße Blutkörperchen, die T-Zellen, isoliert. Im Labor werden diese in Zellkulturen mit einem speziellen Rezeptor ausgestattet, der ein Antigen namens „PRAME“ auf den Krebszellen erkennt. Vier bis sechs Wochen dauert dieser Schritt, sagt Thomas. Die Patienten erhalten die modifizierten T-Zellen dann als Bluttransfusion zurück. Es handelt sich also um eine personalisierte Immuntherapie, die individuell auf den Patienten zugeschnitten ist.

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„Mit Hilfe dieses T-Zell-Rezeptors können die T-Zellen Krebszellen identifizieren und zerstören, die das eigene Immunsystem sonst nicht erkannt hätte“ erläutert Prof. Dr. Wolfgang Herr, Direktor der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin III des UKR. Denn im Körper der Patienten gibt es den Ärzten zufolge keine oder nur wenige T-Zellen mit diesen speziellen Rezeptoren. „Die modifizierten T-Zellen sollen ausschließlich Krebszellen mit dem Antigen PRAME zerstören. Gesundes Gewebe sollte nicht angegriffen werden“, betont Dr. Simone Thomas, die das Studienprotokoll wesentlich mitentwickelt hat. „Wir gehen davon aus, dass diese Therapie für die Patienten schonender und risikoärmer sein könnte als eine allogene Stammzelltransplantation.“

„Mit Hilfe des T-Zell-Rezeptors können die T-Zellen Krebszellen identifizieren und zerstören, die das eigene Immunsystem sonst nicht erkannt hätte.“

Prof. Dr. Wolfgang Herr, Uniklinikum Regensburg

Prof. Dr. Wolfgang Herr und PD Dr. Simone Thomas vom Uniklinikum Regensburg zeigen das T-Zell-Präparat MDG1011. Foto: UKR/Klaus Völcker
Prof. Dr. Wolfgang Herr und PD Dr. Simone Thomas vom Uniklinikum Regensburg zeigen das T-Zell-Präparat MDG1011. Foto: UKR/Klaus Völcker

Nachdem die nötigen Genehmigungen vom Paul-Ehrlich-Institut und den zuständigen Ethikkommissionen vorliegen, kann die Studie nun starten. Durchgeführt wird sie in Regensburg, Erlangen und Würzburg. Die drei Universitätsklinika haben vor kurzem einen gemeinsamen Sonderforschungsbereich gegründet, der sich mit Immunreaktionen nach allogenen Stammzelltransplantation befasst. „Die Studie stärkt unseren Forschungsschwerpunkt“, sagt Thomas.

Erste Studien-Phase mit bis zu zwölf Patienten

Für die Phase I der Studie werden nun geeignete Teilnehmer gesucht. Behandelt werden können Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (AML), Myelodysplastischem Syndrom (MDS) oder Multiplem Myelom (MM), bei denen eine Chemotherapie nicht mehr wirksam ist oder die einen Rückfall erlitten haben. Zudem müssen die Patienten ein bestimmtes Gewebemerkmal aufweisen, erläutert Thomas. Etwa jeder dritte Patient werde als Teilnehmer in Frage kommen, schätzt sie.

Da die Therapie erstmals beim Menschen angewendet wird, erhält zunächst ein Patient das T-Zell-Präparat MDG1011. Nach und nach sollen dann bis zu zwölf Patienten in die erste Studienphase eingeschlossen werden. Die Wissenschaftler überprüfen die T-Zell-Rezeptor-Therapie auf Sicherheit, Durchführbarkeit und erste Hinweise der Wirksamkeit. Sind die Ergebnisse positiv, sollen in der zweiten Phase der Studie 40 weitere Patienten mit modifizierten T-Zellen behandelt werden.

In den USA wird schon länger im Bereich der personalisierten Immuntherapie geforscht. Ein ähnliches Verfahren, das allerdings andere Rezeptoren – sogenannte chimäre Antigenrezeptoren (CARs) – nutzt, ist hier bereits für die Behandlung von akuter lymphatischer Leukämie (ALL) sowie von hochaggressiven Lymphomen zugelassen, berichtet Thomas. Die beiden beteiligten Pharmaunternehmen hätten auch eine Zulassung für Europa beantragt, die nun geprüft werde.

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