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Interview

Nora Waldstätten dreht allerorten

Die Schauspielerin spricht über die Kommissarin Hannah Zeiler, acht Tassen Melange im Kaffeehaus und Kochen als Meditation.
Von Angela Sonntag

Nora Waldsätten bei den Filmfestspielen in Cannes Foto: Guillaume Horcajuelo/dpa
Nora Waldsätten bei den Filmfestspielen in Cannes Foto: Guillaume Horcajuelo/dpa

Es war gar nicht so einfach, einen Interview-Termin mit Nora Waldstätten zu finden. Gleich zu Beginn unseres Gespräches entschuldigt sie sich auch dafür, aber sie war einfach zu beschäftigt: „Es war ein so tolles Jahr, mit so vielen herausfordernden Projekten.“ Ob dabei die Rolle als Redakteurin in Josef Haders Regiedebüt „Wilde Maus“, die stocksteife Thin Lizzy in „Grießnockerlaffäre“ oder ihr erster Film, den sie komplett auf Französisch gedreht hat, das Highlight war, kann sie nicht sagen. „Es war alles unglaublich aufregend. Und zum Glück wird man von inspirierenden Arbeiten nicht müde.“ Ganz nebenbei ist außerdem wieder eine neue Folge ihrer Krimi-Reihe „Die Toten vom Bodensee“ gedreht worden. Die sechste Folge unter dem Titel „Der Wiederkehrer“ bringt weiter Licht in die dunkle, geheimnisvolle Vergangenheit von Kommissarin Hannah Zeilers Familie. Für Nora Waldstätten eine sehr spannende und herausfordernde Rolle, die für sie aber viele Facetten hat, wie sie im Gespräch erzählt.

Am heutigen Montag läuft im ZDF der mittlerweile schon sechste Teil der Krimiserie „Die Toten vom Bodensee“. Sie spielen die recht unterkühlte, zurückgezogene Kommissarin Hannah Zeiler, die jede Situation todernst nimmt und kaum eine Miene verzieht. Damit meine ich natürlich nicht, dass sie nur einen Gesichtsausdruck draufhaben...

... (lacht), ich glaube, ich verstehe Sie schon richtig.

Was ist das Reizvolle für Sie daran, so eine durch und durch kontrollierte Figur zu spielen?

Bei der Figur Hannah Zeiler könnte man auf den ersten Blick meinen, sie wäre unterkühlt oder distanziert. Aber wenn man genauer hinschaut, merkt man, dass sie aufgrund einer großen Verunsicherung und Verletzung so zurückgezogen ist. Dadurch, dass sie als Kind ihre Eltern verloren hat – die Mutter ist gestorben, der Vater verschwunden – will sie sich nur noch auf sich selbst verlassen. Für sie gilt: Logik vor Emotion. Das Spannende ist nun die Zusammenarbeit mit Oberländer (Micha Oberländer, gespielt von Matthias Koeberlin, ist bei der Kripo ihr Partner, Anm. d. Red.), denn durch ihn wird sie offener und er ist der erste Mensch, auf den sie sich verlassen kann. Und das ist wiederum sehr spannend zu spielen. Da gibt es für mich, gerade bei diesem Fall, große Herausforderungen. Das waren zum Teil heftige Drehtage. Zum Glück ist es so, dass Matthias und ich uns sehr gut verstehen und Matthias einen tollen Humor hat.

Also kommt es auch bei Dreharbeiten zu einem ernsten Thema doch immer wieder zu lustigen Situationen?

Nora Waldstätten spielt in der ZDF-Krimireihe „Die Toten vom Bodensee“ die Kommissarin Hannah Zeiler. Foto: Petro Domenigg/ZDF/dpa
Nora Waldstätten spielt in der ZDF-Krimireihe „Die Toten vom Bodensee“ die Kommissarin Hannah Zeiler. Foto: Petro Domenigg/ZDF/dpa

Es ist wirklich so, dass wir viel zusammen lachen und Späße machen. Das tut in den Drehpausen gut und ist auch sehr wichtig, denn meine Figur ist keine einfache Person, da sie sehr eigen ist und viel mit sich beschäftigt. Wenn man dann in den Pausen kurz durchatmen kann, ist das zur Auflockerung super.

Ist es schwer, sich dann wieder zu fokussieren und in die Rolle zurückzufinden?

Naja, das ist mein Beruf. Es kommt natürlich auf die Rolle und die Situation an. Es gibt schon auch Rollen, bei denen es wichtig ist, in der Spannung zu bleiben – beziehungsweise, eine Grundspannung behält man immer beim Dreh. Aber in anderen Rollen hilft es, wenn man zwischendrin kurz loslässt, um wieder frisch zu starten.

Sie spielen viele ernste Rollen, sind aber auch – gerade im letzten Jahr – in Komödien wie „Grießnockerlaffäre“ und Josef Haders „Wilde Maus“ zu sehen gewesen. Sind Komödien schwieriger zu spielen?

Jemanden zum Lachen zu bringen, ist die größte Kunst und größte Herausforderung – aber auch die größte Freude. Das hat interessanterweise ganz viel mit Timing zu tun. Ich hatte ein großartiges Erlebnis während meines Schauspielstudiums: Für einen Workshop kam Loriot an unsere Schule. Das werde ich nie vergessen. Das war unglaublich. Ich war auch selten so aufgeregt wie in diesen paar Stunden. Er hat mit uns über komödiantisches Timing gesprochen. Da habe ich schon viel gelernt. Und später war ich bei Josef Hader natürlich ebenfalls in den besten Händen. Bei „Grießnockerlaffäre“ hat es genauso viel Spaß gemacht, Teil dieses Teams zu sein. In Komödien mitzuspielen, macht mir also ganz große Freude, vor allem, dass ich mich dabei selbst nicht so ganz ernst nehmen darf. Ich hoffe, dass also noch viele Angebote aus dem komödiantischen Bereich kommen.

Wiener Schmäh versus Berliner Schnauze: Sie sind in Wien geboren und leben jetzt in Berlin. Was sind für Sie die größten Unterschiede der beiden Städte, bezogen auf Kultur, Lebensart, Menschen et cetera?

Die beiden Städte ergänzen sich sehr gut. Es gibt sehr viele österreichische Lokale in Berlin, wie beispielsweise das „Alpenstück“ in Berlin-Mitte. Die machen ein hervorragendes Wiener Schnitzel. Wenn ich also Heimweh habe, muss ich nur in eines dieser tollen Lokale gehen. Ich weiß noch, als ich damals nach Berlin gezogen bin, waren alle ganz entzückt von meinem Akzent und Dialekt, das war einfach eine nette Begrüßung. Was Wien betrifft, muss ich sagen, dass der Wiener Schmäh und was dazugehört, schon unglaublich charmant sind. Es hat alles seine Lässigkeit und seine Ruhe. Wenn man in einem Wiener Kaffeehaus sitzt, hat man das Gefühl, die Zeit steht still. Ich genieße das sehr, wenn ich mit einem Buch dort sitze und Stunden später, wenn ich schon die achte Melange getrunken habe, fasziniert mich immer noch die Ruhe. In Berlin finde ich die Weite beeindruckend. Die Direktheit unter den Menschen gefällt mir. Berlin ist meine Wahlheimat, Wien ist mein Zuhause.

Sie sprechen momentan sehr akzentfrei, also hochdeutsch. Wie ist es im Alltag, kommt da der Wiener Dialekt noch durch?

(in schönstem Wienerisch) Na, wenn ich möchte, kann ich den schon auspacken! (lacht) Es ist mal so, mal so. Ich denke, das ist ähnlich, wenn man in England ist, gleicht man sich dem British English an, ist man in Amerika, ist es eher diese Färbung. Als Schauspielerin habe ich da ein offenes Ohr und passe mich dem gegebenen Sprachrhythmus an. Es bringt ja auch nicht viel, wenn ich in einem Berliner Supermarkt stehe, und nach einem „Sackerl“ frage. Wenn ich aber in Wien bin, braucht das keine zwei, drei Stunden und dann bin ich „wieder daham“.

Wie ist es dann beim Bodensee-Krimi? In der Rolle als Hannah Zeiler sprechen Sie österreichisch, aber Matthias Koeberlin spricht hochdeutsch.

Da versuche ich, auch in den Pausen im Dialekt zu bleiben. Es macht mir auch einfach große Freude, österreichisch zu sprechen, weil es so tolle Worte gibt, die ich dann eine Zeit lang nicht mehr gesagt habe. Es ist lustig, wenn ich von der „Kraxn“ rede und Matthias keine Ahnung hat, was gemeint ist. Zur Erklärung: „Kraxn“ ist ein altes Auto (schmunzelt).

In einem Interview vor rund zwei Jahren haben Sie gesagt: „Ich könnte mir gut vorstellen, auch einmal eine Auszeit zu nehmen und ein paar Monate vielleicht in Paris oder Barcelona zu leben. Man muss es einfach nur machen.“ Haben Sie es gemacht?

Mmmh, naja, ich dachte auch, dass ich im letzten Jahr dazukommen würde. Aber dann hat sich das Jahr arbeitstechnisch so anders gestaltet – was aber wunderschön war –, dass sich die Frage nicht gestellt hat. Und jetzt ist es wieder so, dass ich mir denke: Ich würde gerne einen Monat oder zwei in Frankreich verbringen. Gerade weil ich erst einen Film auf Französisch gedreht habe und dabei feststellen konnte, dass von meinem Schulfranzösich noch gut was da ist. Wenn man sich jetzt ein bisschen dahinterklemmen würde, wäre mein Französisch wahrscheinlich bald recht fließend. Also mal schauen, ob es sich dieses Jahr ausgeht. Ich fände es sehr toll, da ich seit einiger Zeit nicht mehr zu einer längeren Reise gekommen bin.

Weil Sie gerade Frankreich ansprechen: Sie haben schon in mehreren internationalen Produktionen mitgewirkt, waren mit Filmen auch schon bei den Filmfestspielen in Cannes. Wie war so ein großes Festival wie Cannes für Sie?

Als ich mit „Carlos – Der Schakal“ in Cannes war, war das natürlich ein unvergesslicher Moment. Wenn man über den großen, roten Teppich läuft, die legendären Stufen hinaufgeht – das ist schon beeindruckend. Cannes ist ein ganz besonderes Festival und die Franzosen sind einfach unglaubliche Filmfans. Die ganze Stadt ist im Filmfieber, das ist ein außergewöhnliches Flair.

Zur Person

  • Nora Waldstätten

    wurde am 1. Dezember 1981 als Baronesse Nora Marie-Theres Beatrice Elisabeth Waldstätten in Wien, Österreich, geboren. Mit sechs Jahren begann sie im Kinder Ballett-Ensemble des Badener Stadttheaters bei Wien zu tanzen.

  • Mit zwölf Jahren

    hatte sie dort hren ersten Auftritt als Schauspielerin. Später zog sie nach Berlin und absolvierte von 2003 bis 2007 ein Schauspielstudium an der Universität der Künste Berlin. Bereits während dieser Zeit spielte sie Rollen in verschiedenen Film- und Fernsehproduktionen, so etwa in María Sigurdardóttirs „Jargo“ und Christoph Hochhäuslers „Falscher Bekenner“.

  • 2005 verkörperte

    sie in der Münsteraner „Tatort“-Folge „Der Frauenflüsterer“ die Nichte von Rechtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers) und wurde damit erstmals einem breiteren Publikum bekannt. Eine sehr prägnante Rolle hatte sie in Olivier Assayas‘ mehrfach preisgekröntem Drama „Carlos – Der Schakal“ sowie eine tragende Nebenrolle in der Historien-Miniserie „Die Tore der Welt“, nach dem Roman von Ken Follett.

  • Nach „Carlos – Der Schakal“

    war sie außerdem mit „Personal Shopper“ ein weiteres Mal bei den Filmfestspielen in Cannes.

  • Im Fernsehen

    ist sie seit 2015 als österreichische Kriminalbeamtin Hannah Zeiler in „Die Toten vom Bodensee“ zu sehen.

Noch zu einem anderen Thema: Neben Ihrem Beruf haben Sie noch eine weitere Leidenschaft: das Kochen.

Ja, das stimmt. Ich liebe es, zu kochen. Ich habe auch schon, kaum, dass ich über den Herd schauen konnte, mit meiner Mutter mitgekocht. Wo ich konnte, habe ich in Kochbüchern geschmökert und auf Wochenmärkten oder in Supermärkten kann ich Stunden verbringen. Kochen ist für mich einerseits eine sehr schöne Art der Erholung und Entspannung, das ist meine Art der Meditation. Auf der anderen Seite esse ich sehr gerne, komme gern auf neue Geschmackskombinationen und probiere gerne aus. Ab und zu übe ich mich auch im Backen, da bin ich allerdings nicht so gut (lacht). Kochen hat auch etwas von einem theatralen Moment, man bereitet lange vor, überlegt sich etwas, kauft die Dinge ein, bereitet sie zu. Dann lädt man Freunde ein, es gibt den Moment des Essens und wenig später ist alles weg. Das hat für mich etwas wunderbar schön Verschwenderisches! Es ist etwas für den Augenblick. Dadurch, dass ich so viel unterwegs und oft nicht da bin, ist es auch eine Möglichkeit, mich bei meinen Freunden zu bedanken. Dann gibt es immer ein großes Essen, zu dem ich einlade.

Als letzte Frage ein Ausblick: Wir sind noch am Anfang des Jahres, wie sehen Ihre Pläne und Vorsätze für 2018 aus? Dass sie vielleicht ein paar Monate nach Frankreich wollen, wissen wir ja schon...

Ich würde wahnsinnig gerne wieder regelmäßig tanzen, Salsa, Chacha, alles Lateinamerikanische. Und ich möchte wieder singen. Ich durfte ebenfalls im letzten Jahr für einen Film singen. Das ist zwar eine große Herausforderung, aber das würde ich gerne wieder machen. Und ich würde gerne mit meiner Mutter verreisen. Das ist nämlich ebenfalls schon länger geplant, aber wir haben es immer wieder verschoben. Wenn wir das nächste Mal miteinander sprechen, fragen Sie mich, was ich alles in die Tat umsetzen konnte (lacht).

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.


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