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Soziales

Ohrenkuss von Autoren mit Down-Syndrom

Am 21. März ist Welt-Downsyndrom-Tag. Dann erscheint die neue Auflage des Magazins „Ohrenkuss“. Darin schreiben Menschen mit Trisomie 21.
Von Yuriko Wahl-Immel, dpa

  • Die Chefredakteurin und Erfinderin Katja de Braganca (M.) leitet Redaktionskonferenz in Bonn. Die Zeitschrift erscheint zweimal jährlich und wird nur von Menschen mit Down-Syndrom gemacht. Foto: dpa
  • Die Autoren des Magazins „Ohrenkuss“, Marc Lohmann (r.) und Antonio Nadal (l.) nehmen an der Redaktionskonferenz teil. Foto: dpa

Bonn.Originell, frech, erfrischend unkonventionell. Bei der Zeitschrift „Ohrenkuss“ dürfen Grammatik und Rechtschreibung krumm und schief sein. Auf Inhalt und Botschaft kommt es an. Das Magazin ist das einzige in Deutschland, das ausschließlich von Autoren mit Down-Syndrom gemacht wird. Das Bestechende: Alle Texte in dem preisgekrönten Blatt sind unverfälscht authentisch, werden von Helfern ohne Down-Syndrom bewusst nicht korrigiert. Ein Redaktionsbesuch in Bonn zeigt: Ein kreatives Team ist am Werk – engagiert, humorvoll, aber auch sensibel und verletzlich. Und immer wieder ist man bei der Frage: 46 oder 47 Chromosome?

„Die Mitmenschen, die 46 haben, finde ich persönlich viel cooler“, sagt Autorin Johanna von Schönfeld in die Runde. Angela Fritzen, „Ohrenkuss“-Redakteurin der ersten Stunde, erläutert: „Die Menschen mit Down-Syndrom haben 47 Chromosomen, einer mehr als die anderen.“ Das Chromosom 21 ist dreimal vorhanden, was zu unterschiedlich schweren Behinderungen führt.

Ablehnung kennen fast alle Autoren

Das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Down-Syndrom ist nicht immer einfach. Ablehnung und Missverständnisse kennen fast alle Anwesenden. „Mit normalen Menschen komme ich nicht richtig recht. Was die mir denn sagen, verstehe ich null – null wie keine Ahnung“, schildert Fritzen. Viele nicken. Julian Göpel meint hingegen: „Ich kann alles verstehen, auch Menschen mit Down-Syndrom und erwachsene Leute. Die verstehen mich selbst auch, weil ich deutlich spreche und Deutsch.“

Gerade ist die neueste „Ohrenkuss“-Ausgabe geschafft. Thema: Insel. „Gefangen/alleine sein/ich schreibe Tagebuch/denke vor mich hin/Trauminsel“, schreibt eine Autorin. „Ich Hausmeister Haus auf der Insel. Insel ist gut. Insel ist König, Chef, Kumpel, Mann. Königin ist Frau“, hat ein Kollege verfasst. Das aktuelle Hochglanz-Heft – renommierte Fotografen sind mit im Boot – erscheint genau zum Welt-Down-Syndrom-Tag am 21. März. Das Magazin „Ohrenkuss“ gibt es schon seit gut 15 Jahren, alle sechs Monate neu.

Bevor es frisch an die nächste Ausgabe geht, stellt Erfinderin und Chefredakteurin Katja de Braganca grundsätzliche Fragen an die Mannschaft. Warum denn weiterhin schreiben für den „Ohrenkuss“, noch zusätzlich zum Job? Die Konferenzen alle zwei Wochen finden abends statt, vielen nehmen eine lange Anreise in Kauf.

Achim Priester, ältester Kollege im Team, sagt zu seinen Ambitionen: „Dass meine ganzen Märchen und das, was sich sonst so schreibe, in die Presse kommt, damit das mal in Büchern gedruckt wird.“ Er verfasst auch Gedichte und Fabeln. Daniel Rauers meint ganz schlicht: „Ich bin da, weil ich Schreiben kann.“ Und Johanna von Schönfeld tippt in ihren Tablet-PC: „Bin eben COOL. Schreiben ist eben meine Stärken & sind meine Hobyies.“

Fast 20 feste Redakteure arbeiten für das Magazin. In der Freizeit wird recherchiert, getextet, man geht auch gemeinsam auf Exkursion. Die Autoren tippen, schreiben von Hand oder schicken besprochene Bänder. Bei den Redaktionssitzungen diktieren die meisten den Assistenzkräften ihre Zeilen. Weitere 40 Autoren liefern aus entfernteren Teilen Deutschlands oder auch aus dem Ausland zu.

Der Biologin de Braganca kam bei ihrem Forschungsprojekt an der Uni Bonn die Magazin-Idee. Sie erhielt das Bundesverdienstkreuz, der „Ohrenkuss“ viele Auszeichnungen wie den Jugendkulturpreis NRW, den Deutschen PR-Preis oder einen Förderpreis des Bundestags. Der Titel fand sich so: „Da rein, da raus – und was im Gehirn bleibt, das ist Ohrenkuss“, meinte ein Autor – und alle waren sofort begeistert.

Die Arbeit macht allen Spaß

Jedes Heft hat ein spezielles Thema – Liebe, Mode, Luxus, Schönheit, Wunder, Reisen oder Sport. Ernstes wie Heiteres. So ist in einem Beitrag zu lesen: „Afghanistan: Das Problem ist groß. Mörder ist. (...) Krieg: wäre besser, wenn Ende ist. Ich dagegen.“ Schmunzelnd stößt der Leser auch auf Entlarvendes – etwa über Männer: „Mann zu sein ist nicht einfach. Denn sie wollen immer den Boss oder den Chef zeigen und über sinnlose Sachen zu diskutieren und müssen immer Recht haben aber das wollen sie ja nicht zugeben und geraden öfters außer Kontrolle über sich selber.“

Die Arbeit für das Magazin macht Spaß, betonen alle. Sie kann aber auch aufwühlen. Hilfe und Unterstützung, aber auch Zurückweisung durch „die Leute, die 46 Chromosomen haben“, sind vielen bekannt. Paul Spitzeck sagt: „Das Down-Syndrom ist hart für mich.“ Als Achim Priester schildert, ein Arzt habe damals seinen Eltern geraten, ihn in ein Heim zu geben, zu vergessen, fließen Tränen des Mitgefühls. Die Konzentration ist weg.

De Braganca versucht zu beruhigen, macht Mut: „Man muss lernen, mit einem schwierigen Thema umzugehen. Auch das Reden darüber macht uns stark. Wir müssen aber auch wegpacken können.“ Noch vor wenigen Jahrzehnten sei der Irrtum weit verbreitet gewesen, Menschen mit Down-Syndrom könnten gar nicht Schreiben und Lesen, erinnert de Braganca. Was für ein Fortschritt also, dieser „Ohrenkuss“. Das hilft den Autoren. Paul Spitzeck gibt dem Team tröstend mit auf den Weg: „Wir sind alle eins.“

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